Keine Entwarnung von der Insolvenzfront für 2017

6. April 2017, 12:49
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Bis März mehr Firmenpleiten in Wien, Niederösterreich und Oberösterreich – sonst überall Rückgang

Wien – Für die Wirtschaftsforscher (Wifo, IHS) zeigen die Frühindikatoren 2017 auf ein Wirtschaftswachstum von 2 Prozent oder mehr. Damit würden die zuletzt angehobenen Konjunkturprognosen noch übertroffen. Insolvenzexperten geben indes noch keine Entwarnung – auch wenn die Pleitestatistik des ersten Quartals 2017 besser aussieht als voriges Jahr. Im Gegenteil: Der KSV1870 warnt vor verfrühter Hoffnung.

"Eine Schwalbe macht keinen Sommer"; und der leichte Rückgang der Insolvenzen im ersten Quartal sei kein Indikator für die Entwicklung im gesamten Jahr, schrieb Hans-Georg Kantner vom KSV1870 am Donnerstag in einer Mitteilung. Vielmehr seien Zinserhöhungen und Erholung der Wirtschaft Vorboten, dass sich das Insolvenzgeschehen im Lauf des Jahres 2017 noch beleben werde. "Denn die langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass mit dem beginnenden Aufschwung aus einem Konjunkturtal auch die Insolvenzen anspringen."

4.100 Dienstnehmer waren heuer bis März von Insolvenzen ihrer Firmen betroffen. In den ersten drei Monaten waren die Insolvenzfälle überwiegend klein und unbedeutend, sagen die Gläubigerschützer. Insgesamt wurden bis Ende März österreichweit 1.298 Firmen zahlungsunfähig, 3 Prozent weniger als im ersten Quartal 2016. Mit Ausnahme von Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und Vorarlberg verzeichnen alle Bundesländer Rückgänge.

Geringere Passiva

Mit 300 Millionen Euro lagen die Insolvenzpassiva heuer bisher deutlich unter dem Wert von Ende März 2016. Damals explodierten die Insolvenzverbindlichkeiten auf über eine Milliarde Euro. Den extremen Rückgang heuer erklären die Gläubigerschützer mit drei Großpleiten im vorigen Jahr, die es in den ersten drei Monaten 2016 gleich auf 840 Millionen Euro Schulden gebracht hatten. Ohne diese drei Ausreißer, so der KSV, lägen die Passiva 2017 bisher sogar knapp über dem Vorjahreswert.

Im Bundesländerranking lag bis März Wien mit 442 (Vorjahr: 418) Firmenpleiten wieder an erster Stelle, gefolgt von Niederösterreich mit 219 (plus 4,3 Prozent) und Oberösterreich (162, plus 1,9 Prozent).

In Salzburg gab es einen Rückgang um 17 Prozent auf 97 Unternehmenspleiten, in Kärnten waren es 84 insolventen Firmen, ein Minus von 5,6 Prozent. Im Land Vorarlberg stagnierte die Zahl der Insolvenzen (38) auf historisch tiefem Niveau; drei Millionenpleiten zogen die Passiva aber um 140 Prozent nach oben. Aus der Steiermark wurde eine Abnahme um 15,2 Prozent auf 151 Firmenpleiten gemeldet, in Tirol waren es 74, ebenfalls um 15 Prozent weniger als vor Jahresfrist. Um 26 Prozent rückläufig war das Firmeninsolvenzgeschehen im Burgenland (31).

In vielen Gebieten erwischte es Gewerbebetriebe und andere kleine Firmen sowie Einzelunternehmer mit ein bis zwei Dienstnehmern. Auch in der Baubranche schlitterten etliche Betriebe in die Pleite, zu kämpfen haben zudem viele Gastronomen.

Für Vorarlberg geht der KSV bei den Firmenpleiten im Gesamtjahr 2017 mit einem Zuwachs von 6 bis 8 Prozent aus. In Salzburg findet laut Gläubigerschützern zur Zeit "eine aggressive Selektion von Kleinbetrieben" statt, die das ganze Jahr noch anhalten werde. In der Steiermark teilt man die Erfahrung, dass das von Wirtschaftsforschern prognostizierte Wachstum nun langsam ankommen dürfte, und so ein weiterer Rückgang der Insolvenzen "mittelfristig nicht zu erwarten" sei.

Oberösterreich hatte sein bisher "stärkstes" Pleitenjahr 2005, als im ersten Quartal 255 Firmen pleite machten und davon fast 1.000 Arbeitsplätze betroffen waren. 12 Jahre danach attestieren die Insolvenzexperten in diesem Bundesland der Wirtschaft insgesamt eine deutlich gesunkene Insolvenzanfälligkeit. Allerdings dürften vor allem kleinere Betriebe infolge der konjunkturschwachen letzten Jahre von der Substanz gelebt haben. Demnach könnten sich aus ihren Reihen verstärkt Insolvenzfälle einstellen. Die Linzer KSV-Experten wären über ein weiteres Wachstum im einstelligen Prozentbereich bei den Firmenpleiten 2017 nicht überrascht. Eine neue Insolvenzwelle stehe aber nicht ins Haus. (APA, 6.4.2017)

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