"Alter ist nur eine Nummer"

6. April 2017, 08:45
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Jürgen Melzer soll dafür sorgen, dass Österreichs Team den Daviscup in Weißrussland gewinnt. Der fast 36-jährige Jungpapa hat "Gänsehaut", investiert in einen teuren Trainer und ist überzeugt, "dass ich noch großes Tennis in mir habe"

Minsk/Wien – Das "Wunderbare" im Leben des Jürgen Melzer ist 55 Zentimeter groß, wiegt 4,43 Kilogramm, heißt Noel und ist gut eine Woche alt. Welche Auswirkungen die Geburt des Sohnes auf den Beruf des Vaters hat, wissen beide nicht, der Papa glaubt an positive. Schließlich hat er vor, künftig mit Kind und Kegel zu reisen. Ehefrau Fabienne Melzer-Nadarajah ist eindeutig dafür. "Aber nur, wenn es Sinn macht. Für zwei Wochen nach Asien fliegen wäre Stress."

Melzer ist in dieser Woche allein in Minsk, ab Freitag findet dort der Daviscup der Europa-Afrika-Zone I statt. Der Sieger darf im September um den Aufstieg in die Weltgruppe spielen. Melzer geht davon aus, dass es Österreich und nicht Weißrussland ist. "Zumindest nach der Papierform."

Allein in Minsk ist relativ. Bruder Gerald sowie die Doppelspezialisten Julian Knowle und Alexander Peya gehören ebenfalls dem Aufgebot von Captain Stefan Koubek an. Es ist quasi eine Rentnergang. Melzer wird im Mai 36 Jahre alt, Knowle ist 42, Peya 36, Gerald mit 26 das Nesthäkchen. Der ältere Bruder sagt: "Wenn es im Fußball heißt, die Jungen müssen spielen, kriege ich die Krise. Die Besten sollen spielen, auch im Tennis. Das Team, das hier ist, bringt uns am weitesten." Der Weltranglisten-Neunte Dominic Thiem meidet den Daviscup fast traditionell, Melzer möchte das nicht thematisieren. "Man soll über die vier berichten, die da sind, und nicht über den, der nicht da ist. Nicht bös gemeint, aber er hat eh das ganze Jahr genügend Medienaufmerksamkeit. Wenn er Bock hat, wird er spielen."

Rekordhalter

Melzer hatte immer Bock, ist an Einsätzen gemessen vor Thomas Muster Rekordhalter, Weißrussland ist sein 33. Länderkampf. Er bestreitet die Partien Numero 71 und 72, die Gegner heißen Ilja Iwaschka und Egor Gerasimow, Melzer kennt sie nicht wirklich. "Ich sammle Informationen."

Die Machtspielchen im Tennisverband hat er stets ignoriert, die Liebe zum Daviscup "hat mir mein Vater mitgegeben. Er hat gesagt, es ist eine Ehre, das Teamtrikot tragen zu dürfen. Es ist eben geil, ich habe Gänsehaut wie beim ersten Mal. Die Sehnsucht nach der Weltgruppe ist groß. Es war vielleicht nicht immer die gescheiteste Entscheidung anzutreten, aber für mich war es die beste."

Melzer spürt noch "großes Tennis in mir". Er liegt mittlerweile wieder auf Rang 156, war schon im Nirwana (fern der 500), hat heuer hochdotierte Challenger, Wroclaw und Budapest, gewonnen. "Was mich antreibt? Die Freude am Spiel. Ich habe einen Level, auf dem ich gewinnen kann. Ich will zurück auf die große Tour. Das macht mehr Spaß, als auf Challengerebene herumzugurken. Für diese Erkenntnis brauchst du keinen Doktortitel." Die kaputte Schulter ist wieder völlig hergestellt. "Ich bin absolut schmerzfrei." In der mehr als einjährigen Phase des Nichtstuns "ist mir bewusst geworden, wie sehr ich Tennis brauche, wie sehr mir der Wettkampf fehlt".

Inspiration

Der geniale, um ein paar Wochen jüngere Roger Federer ist für Melzer "Inspiration. Obwohl ich mich nicht mit ihm vergleichen möchte. Sein Comeback ist einzigartig. Alter ist eben nur eine Nummer. Du wirst vielleicht langsamer, nicht schlechter." Melzers langjähriger Trainer Jan Velthuis hat ein Angebot des deutschen Tennisbundes angenommen. Als Ersatz wurde der Schwede Fredrik Rosengren verpflichtet, ein Kapazunder, frag nach bei Magnus Norman oder Robert Söderling. "Er kostet mich mehr, als ich im Moment verdiene. Es ist eine notwendige Investition für die Zukunft. Du brauchst die Sicht von außen."

In absehbarer Zeit werde er, Melzer, nach einem Spiel ein Hotelzimmer betreten. "Es ist kitschig, aber Noel wird lächeln und mögliche Niederlagen erträglicher machen. Ich gehe jedoch davon aus, dass ich oft gewinne." (Christian Hackl, 6.4.2017)

  • Jürgen Melzer hat fünf ATP-Turniere gewonnen, rund zehn Millionen Dollar Preisgeld verdient. 2011 war er die Nummer acht im Tennis.
    foto: reuters/peter

    Jürgen Melzer hat fünf ATP-Turniere gewonnen, rund zehn Millionen Dollar Preisgeld verdient. 2011 war er die Nummer acht im Tennis.

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