Verein soll Unternehmen familienfreundlicher machen

6. April 2017, 11:00
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Das Familienministerium beschäftigt eine GmbH zur Hebung der Familienfreundlichkeit in Unternehmen. Nun bekommt die staatliche Firma Konkurrenz

Wien – Seit 2006 bemüht sich die Republik Österreich per Gesetz, die Familienfreundlichkeit in Österreichs Unternehmen zu erhöhen. Dafür wurde eigens eine GmbH gegründet, die "Familie und Beruf Management GmbH" (FBG), die im 100-prozentigen Eigentum des Familienministeriums steht. Zweck dieser GmbH ist die Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch Audits. Dabei geht es um familienfreundliche Arbeitszeitmodelle, Betreuungsmodelle, Teleworking, Karrierechancen nach der Babypause, aber zunehmend auch um Betreuungszeiten für pflegebedürftige ältere Familienmitglieder.

Die FBG arbeitet durchaus erfolgreich. Viele renommierte Unternehmen, etwa der Technikkonzern Infineon, die Erste Group, das Handelsunternehmen Merkur oder auch die Post AG, haben sich dem aufwendigen Audit-Prozess unterzogen, um das staatliche Prädikat als familienfreundliches Unternehmen zu erhalten.

Der Prozess, wie ihn etwa Sabine Mlnarsky, Personalchefin bei der Erste Group, beschreibt, ist besonders bei der ersten Zertifizierung langwierig: Ein gutes halbes Jahr lang werden Personalpolitik und -management durchleuchtet. Zudem gilt die Zertifizierung nur jeweils für ein Jahr und muss regelmäßig erneuert werden. "Es ist aufwendig, aber es zahlt sich aus, denn es hat unsere Unternehmenskultur zum Positiven verändert", sagt Mlnarsky. Ähnliches berichten auch die Post AG sowie Infineon-Personalchefin Christiana Zenkl. Purer Altruismus ist die Familienzertifizierung aber nicht. Zenkl: "Wenn man in der Technikbranche die besten Leute bekommen will, reichen gute Gehälter nicht mehr aus."

Verein statt Netzwerk

Rund 7.000 bis 10.000 Euro nehmen die großen Unternehmen pro Auditierung in die Hand, Abteilungen sind wochen- bis monatelang beschäftigt – das können und wollen sich offenbar nicht alle Firmen in Österreich leisten. Darum hat Familienministerin Sophie Karmasin im März 2015 mit dem "Netzwerk Unternehmen für Familie" eine zweite Struktur innerhalb der FBG geschaffen: Hier ist der Zugang niederschwelliger, man braucht kein langwieriges Audit, um sich "Unternehmen für Familie" nennen zu dürfen. 339 solcher Unternehmen gibt es bereits. De facto ist das aber eine Doppelgleisigkeit: 132 der so zertifizierten Firmen führen beide Prädikate, alle ausgestellt durch die staatliche FBG.

Nun soll ein Verein das "Netzwerk Unternehmen für Familie" ersetzen. Er soll alle Rechte übertragen bekommen, wird aus dem Ministerium herausgelöst und darf an ordentliche wie außerordentliche (zahlende) Vereinsmitglieder künftig das Prädikat "Unternehmen für Familie" verleihen. Zudem soll der Verein über die nächsten drei Jahre eine Förderung von insgesamt 900.000 Euro erhalten – aus dem Budget der FBG.

Die Statuten des Vereins sind nahezu identisch mit dem gesetzlichen Auftrag der GmbH. Zu den Aufgaben dieses Vereins soll auch gehören, "wissenschaftliche Forschung zu relevanten Themenfeldern zu fördern" sowie "politische Forderungen und öffentliche Kommunikation derselben" zu erarbeiten – laut Karmasin-Sprecherin Tamara Häusl alles Ideen der teilnehmenden Unternehmen.

Weiterentwicklung des Familien-Audits

Dem Verein gehören just einige Persönlichkeiten aus der Wirtschaft an, deren Firmen die strenge Familienzertifizierung regelmäßig machen: etwa Infineon-CEO Sabine Herlitschka oder Erste-Bank-Finanzchefin Claudia Höller, Merkur-Chefin Kerstin Neumayer und Post-Chef Georg Pölzl. Infineon-Personalchefin Zenkl sagt, man sei vom Ministerium "gebeten" worden, die Weiterentwicklung des Familien-Audits zu unterstützen. Sie sehe die Aufgaben des Vereins "jedenfalls komplementär, keinesfalls als Konkurrenz zum bestehenden Instrument".

Pölzl hält Familienfreundlichkeit für alle Firmen für "immer wichtiger": "Das eine Audit schließt das andere nicht aus." Das sieht der Aufsichtsrat der Bundes-FBG offenbar anders. Er hat der Übertragung der Rechte und der 900.000-Euro-Förderung bis dato nicht zugestimmt. Die vier Aufsichtsräte aus dem Frauen-, Sozial- und Wirtschaftsministerium wurden von Karmasin schriftlich informiert, dass es ab Anfang April einen neuen Verein geben solle. Begründet wird das in dem Schreiben, das dem STANDARD vorliegt, so: Das Netzwerk solle sich "selbst tragen und erweitern". Warum das nicht, so wie bisher, innerhalb der FBG passieren soll, wird nicht erklärt.

Direkte Konkurrenz

Der Aufsichtsrat soll schwere Bedenken haben, wie der STANDARD erfuhr: Der Verein wirke als direkte Konkurrenz zur staatlichen FBG. Fraglich sei, ob sich Firmen künftig einem aufwendigen Audit unterziehen – oder lieber gleich via Mitgliedsbeitrag im Verein ein familienfreundliches "Pickerl" erwerben.

Familienministerin Karmasin lässt ausrichten, man habe noch keine schriftliche Begründung für die Ablehnung erhalten – insofern könne man zu der neuen Entwicklung nichts sagen. Die Ministerin begrüße aber grundsätzlich "jede Weiterentwicklung in Sachen mehr Familienfreundlichkeit". (Petra Stuiber, 6.4.2017)

  • Betriebskindergärten oder andere Betreuungsformen für die Kleinen, aber auch ältere, pflegebedürftige Familienmitglieder sind Thema bei den Audits: Manchen Firmen ist das zu aufwendig.
    foto: apa/harald schneider

    Betriebskindergärten oder andere Betreuungsformen für die Kleinen, aber auch ältere, pflegebedürftige Familienmitglieder sind Thema bei den Audits: Manchen Firmen ist das zu aufwendig.

  • Karmasin: Die Ministerin sagt, sie begrüße den neuen Verein – der sei aber nicht ihre Idee gewesen.
    foto: standard/robert newald

    Karmasin: Die Ministerin sagt, sie begrüße den neuen Verein – der sei aber nicht ihre Idee gewesen.

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