Experte: "Das Tal der Zinstränen liegt hinter uns"

5. April 2017, 14:37
70 Postings

Wie lange sparen sich Sparer noch arm? Das Mantra fallender Zinsen ist vorbei, so die Experten der Allianz Invest

Wien – Seit der letzten schweren Finanzkrise 2008/2009 sind die wichtigsten Notenbanken der Welt im Krisenmodus. Sowohl die Federal Reserve in den USA als auch die Europäische Zentralbank (EZB) halten die Zinsen niedrig und fluten die Finanzmärkte mit Geld, um Konjunktur und Inflation anzuheizen – lange Zeit ohne Erfolg. Mittlerweile sieht die Allianz Invest jedoch einen Lichtblick.

"Nach Jahren sinkender und zum Teil negativer Zinssätze scheint das Tal der Zinstränen hinter uns zu liegen. Der Pfad ist zwar flach, aber nach oben gerichtet", sagt Anlagestratege Martin Bruckner. Die anhaltenden globalen politischen Unsicherheiten und die relativ hohen Bewertungen in vielen Assetklassen könnten allerdings weiterhin für Unruhe an den Wertpapiermärkten sorgen, schränkt er ein. So sind die Anleihenrenditen in den Industriestaaten, allen voran im Euroraum und in den USA, in den letzten Jahren deutlich gesunken. Finanzkrise und niedriges Wirtschaftswachstum verstärkten diesen Trend.

Während nämlich das BIP-Wachstum vor 2008 in der Eurozone bei 2,4 Prozent und in den USA bei 3,0 Prozent lag, befindet sich dieses bei mittlerweile 1,1 beziehungsweise 2,0 Prozent.

Globales Wachstum

Bruckner führt das vor allem auf die alternde Bevölkerung, nachlassende Produktivitätssteigerung oder auch auf die geringen Investitionen durch Unternehmen, die deutlich risikoaverser sind, zurück. Ein Blick auf volkswirtschaftliche Prognosen für das zweite Quartal zeigt allerdings erstmals seit vielen Jahren, dass das Wirtschaftswachstum 2017 global etwas zulegen werde. In den USA sorgt zudem der robuste Arbeitsmarkt für eine starke Konsumnachfrage. Eine rasche Abkehr von der expansiven Geldpolitik der Notenbanken sei aber nicht zu erwarten, so die Experten, eine moderate zeichnet sich jedoch ab.

Auch der neue US-Präsident Donald Trump will den Währungshütern mit einem Konjunkturprogramm unter die Arme greifen und dadurch Sparern auch in Europa wieder zu höheren Zinsen verhelfen. Auslöser für die Rückkehr der Inflation sind nämlich nicht allein Niedrigzinsen, sondern zwei Dinge, die Notenbanker nicht beeinflussen können. Zum einen erholen sich seit Anfang 2016 die Ölpreise wieder, nachdem sie zuvor dramatisch eingebrochen waren. In den Inflationsdaten schlägt sich das dann quasi automatisch preistreibend nieder. Und Trump selbst ist es, der die Preise schon jetzt anheizt: Kurz nach seiner Wahl kündigte er milliardenschwere Investitionen beziehungsweise Steuererleichterungen an. Das würde die Konjunktur anheizen, so sein Kalkül. Problematisch allerdings: Bislang ist alles ungewiss.

"America first"

Zudem droht Trump mit Strafzöllen gemäß seinem Wahlkampfcredo "America first". Ob und wie weit er den US-Markt damit abschotten will, auch das ist offen. "Im aktuellen Umfeld raten wir Anlegern, Aktien über- und Anleihen unterzugewichten", sagt Bruckner. Auf der Aktienseite empfiehlt er, besonders Japan und die Emerging Markets über-, die USA dagegen unterzugewichten und Europa neutral zu halten. Auf der Anleihenseite rät die Allianz, Unternehmensanleihen überzugewichten, Staatsanleihen aus Europa und Emerging Markets neutral zu halten sowie jene aus den USA unterzugewichten.

Bruckner: "Die Kollateralschäden der Geldpolitik der EZB tragen die Sparer. Um Anlagen zu steigern, sollte man diese arbeiten lassen. Am Sparbuch ist derzeit nichts zu holen." Daran, so seine Prognose, werde sich wohl auch in den nächsten zwei Jahren nichts ändern. (ch, 5.4.2017)

  • Durch die außergewöhnlich expansive Geldpolitik der Zentralbanken wurden die Zinssätze auf nie dagewesene Niveaus gesenkt.
    foto: getty images/istockphoto

    Durch die außergewöhnlich expansive Geldpolitik der Zentralbanken wurden die Zinssätze auf nie dagewesene Niveaus gesenkt.

Share if you care.