Filmfestival Saas-Fee: Laute Italiener, bedächtige Franzosen

5. April 2017, 17:11
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Das kleine Schweizer Filmfest möchte eine Nische besetzen, welche die Initiatoren als "Filme aus der mehrsprachigen Schweiz und ihrer angrenzenden Länder" definieren

Es gehört zu den Klischees über Italien, dass das Leben dort laut, schnell und bunt ist, und manchmal bestätigen es die Italiener selbst auf souveräne Weise. Zum Beispiel mit drei Filmen, die in der letzten Märzwoche auf dem Filmfest in Saas-Fee zu sehen waren.

In dem hochalpinen Schweizer Ferienort, mitten im Wintersporttrubel, traten sie zum Wettbewerb an: Roan Johnsons "Piuma" (Feder) dreht sich um ein ungeborenes Kind und darum, ob zwei Minderjährige es schaffen werden, das Baby zu haben und gar großzuziehen. Tief schürft die römische Milieukomödie nicht, dafür entschädigt sie mit turbulenten Dialogen und felliniesken Charakteren.

Ernsthafter geht es in "Un bacio" (Ein Kuss) von Ivan Cotroneo zu. In einer Mittelschule finden drei Außenseiter zueinander und zu einer Radikalopposition gegen den Rest der Welt. Unterbrochen wird der tragisch endende Coming-of-age-Film durch rasante Musical-Einlagen, in denen das junge Trio seine Fantasien ausleben kann.

Ebenfalls noch nicht großjährig ist die Rennfahrerin Giulia in "Veloce come il vento" (Schnell wie der Wind) von Matteo Rovere. Ihr Bruder, ein Junkie und ehemaliges Renn-Ass, will ihr dabei helfen, das Italian Race zu gewinnen, bringt sie jedoch in seiner wahnsinnigen Art um den Sieg. Eine Paraderolle für Stefano Accorsi und ein großer Erfolg in Italien, wegen der furiosen Rennszenen – und wohl auch wegen einer ständigen und kaum übersetzbaren Flucherei, wie sie noch vor einer Generation in italienischen Kinofilmen undenkbar gewesen wäre.

Kälte eines Versicherungskonzerns

Das Saas-Fee-Filmfest will eine Nische besetzen, welche die Initiatoren als "Filme aus der mehrsprachigen Schweiz und ihrer angrenzenden Länder" definieren. Damit waren auch Franzosen vertreten, mit deutlich weniger aufgeregten Werken. Neben dem postmodernen Vexierspiel "Marie et les naufragés" (Marie und die Gestrandeten) von Sébastien Betbeder fiel "Maman a tort" (Mama hat unrecht) auf. Der Film zeigt die Kälte eines Versicherungskonzerns durch die Augen einer 14-Jährigen. Sie beobachtet die Arbeit ihrer Mutter, will auf eigene Faust einen Fall lösen, scheitert letztlich. Ruhig und klug hat Regisseur Marc Fitoussi die kleine Beziehungsstudie angelegt. (Sein neues Projekt "Vienna Waltz" wird übrigens dieses Jahr in Österreich gefördert.)

Den Beitrag "Voir du pays" (The Stopover/Der Zwischenaufenthalt) der Schwestern Delphine und Muriel Coulin bedachte die Kritikerjury mit einer lobenden Erwähnung. Die auf langen Recherchen beruhende Geschichte geht um französische Soldaten und vor allem Soldatinnen, die aus Afghanistan zurückkehren und zur "Dekompression" drei Tage auf Zypern verbringen. Es ist der einzige Film auf dem SFFF, der ein explizit politisches Thema behandelt. Die Regisseurinnen zeigen, dass die Gewalt im Kurzurlaub weitergeht, auch und gerade an den Soldatinnen – ein Faktum, das, wie Muriel Coulin in Saas-Fee sagte, in Frankreich nach wie vor geleugnet wird.

Mut zur Größe

Der Hauptpreis der Kritiker hingegen ging an die österreichisch-deutsch-schweizerische Koproduktion "Stille Reserven". Die Jury war beeindruckt, wie der Film des in Wien lebenden Schweizer Regisseurs Valentin Hitz, der letztes Jahr auf der Viennale zu sehen war, "das Genre Science-Fiction verdichtet hat". Mut zur Größe also, man könnte allerdings hinzufügen, dass er sich bei der Vision eines mörderischen Versicherungskonzerns in einem dystopischen Wien der Zukunft etwas übernommen hat.

Eine zweite, von Filmschaffenden besetzte Jury prämierte einen sehr anderen Film, Ronny Trockers "Die Einsiedler". Der erste Spielfilm des Südtirolers, eine deutsch-österreichische Zusammenarbeit, verfolgt die kontrastierenden Lebenswelten von Großbetrieb und Bergbauernhof – eine ruhige, dennoch spannende Studie von Milieus und Gefühlen. (Auch dieser Streifen lief in Österreich bereits im Herbst.)

Unfall mit Todesfolgen

Das Publikum konnte ebenfalls mitstimmen, und es entschied sich für ein Werk, das den selbstgesteckten Rahmen des Festivals fast sprengt. Der Regisseur Fulvio Bernasconi ist zwar Schweizer, die Sprache ist zwar Französisch, doch die internationale Koproduktion "Miséricorde" (Mercy/Mitleid) spielt fast zur Gänze im Norden Kanadas. Es geht um einen Unfall mit Todesfolgen, um Fahrerflucht und darum, wie drei verschiedene Verfolger – die Polizei, die Verwandten des getöteten Ureinwohners und ein Schweizer mit einem eigenen Problem – den Täter stellen wollen; ein Drama um Schuld und verschiedene Arten von Sühne, und zu Recht ein Preisträger.

Das Saas-Fee-Filmfest lief als kleine, familiäre Veranstaltung über die Bühne des Dorfkinos Rex. Manchen Beteiligten war genau das recht. Hier gehe es um die Freude an Filmen, auf großen Festivals hingegen nur um Business und Networking, sagte der Regisseur und Drehbuchautor Götz Spielmann, einer der Juroren. Dort glaube man immer, man sei auf der falschen Party, und die viel bessere sei anderswo. "In Saas-Fee hingegen gibt es nur eine Party, und die ist die beste." (Michael Freund aus Saas-Fee, 5.4.2017)

  • Der Publikumspreis ging an Fulvio Bernasconis Schulddrama "Miséricorde".
    foto: 1976 productions

    Der Publikumspreis ging an Fulvio Bernasconis Schulddrama "Miséricorde".

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