Wieso die Farbe Weiß nichts für schwache Nerven ist

19. April 2017, 14:07
53 Postings

In und mit der Farbe Weiß wurde in den vergangenen Monaten manch politische Schlacht geschlagen. Melania Trump setzt genauso auf sie wie die Gegner ihres Mannes

Man sieht ihr die Dramaqueen nicht an. Dabei ist diese Farbe längst nicht so unschuldig, wie sie tut. Das weiß man spätestens seit der "Schwarzwaldklinik". Damals, in den gemütlichen 1980er-Jahren, durchlebten Professor Brinkmann und Schwester Christa so ziemlich jedes Drama im weißen Kittel. Und dann erst Playboys wie Steve McQueen und Gunter Sachs. Letzterer heiratete Brigitte Bardot 1966 in einer weißen Hose. In einer weißen Hose! Sie in einem gelben Minikleid.

Die Farbe war kein gutes Omen. Drei Jahre später war die Beziehung am Ende. Die Farbe Weiß ist eben nichts für schwache Nerven: Jeder Klecks verursacht ein kleines Drama, wenig lässt sich vor ihr verbergen. Keine lässt so oft ungewollt Einblicke zu, und keine zieht Flecken so magisch an wie sie. Sie hat es deshalb zum Vorführobjekt der Waschmittelwerbung gebracht. Die Ariel-Werbefigur Klementine nistete sich in den Sechzigerjahren in weißen Latzhosen mit ihrem "Nicht nur sauber, sondern rein"-Spruch in den Gehörgängen der Zuschauer ein, noch heute werden weißen Hosen gern Reinigungstipps angehängt: Achtung, verzichten Sie auf chlorhaltige Waschmittel!

In bewegten Zeiten wie diesen gibt es kaum eine Farbe, die zeitgemäßer sein könnte. So wurde in der Farbe Weiß in den letzten Monaten manche Schlacht geschlagen: auf der einen Seite Hillary Clinton, die demokratische Kandidatin, in weißen Hosenanzügen von Ralph Lauren, auf der anderen Melania Trump, Ehefrau des heutigen Präsidenten, in einer Reihe weißer Outfits.

Melania Trumps weiße Kleider

Diese wechselten zwar den Schnitt, aber nicht die Farbe. Weißes Kleid mit gepufften Ärmeln während Trumps vielbesprochener Rede, die dann als eine Kopie von Michelle Obama entlarvt wurde. Am Tag der Wahl: ein weißes Etuikleid von Michael Kors. Ein weißer, asymmetrisch geschnittener Jumpsuit von Ralph Lauren während der Wahlnacht. Zum Inaugurationsball: ein schulterfreies, hoch geschlitztes Kleid von Pierre Hervé. Dabei hatte doch ausgerechnet Hillary Clinton während des Wahlkampfs die Farbe Weiß strategisch eingesetzt. Ihre Anhängerinnen hatten den Hashtag #WearWhiteToVote in Umlauf gebracht. Sie erinnerten während des Wahlkampfs an die US-amerikanischen Suffragetten, die Anfang des 20. Jahrhunderts in weißen Kleidern für das Frauenwahlrecht gekämpft hatten. Zum Beispiel im Hyde Park, wo sich 1908 eine halbe Million Frauen in Weiß, Violett, Grün, den Farben der Bewegung, versammelten.

Dazu passt, dass sich Maria Grazia Chiuri für ihre erste Dior-Kollektion von weißen Fechtoutfits hat inspirieren lassen. "We should all be feminists" prangte auf einem der weißen T-Shirts, in den Folgemonaten wurden unter anderem Rihanna und Chiara Ferragni darin gesichtet. Die Schauspielerin Natalie Portman wiederum streifte es sich anlässlich des Women's March über, jener Protestveranstaltung, die anlässlich der Angelobung von Trump Millionen von Menschen auf die Straße getrieben hat.

Vielfältiges symbolisches Arsenal

Für Chiuri mag Weiß einen Neuanfang symbolisiert haben, den Beginn von etwas Neuem; und auch im Kontext der Proteste gegen Trump griff man mit der Farbe Weiß auf jenes vielfältige symbolische Arsenal zurück, das Weiß schon immer eine besondere Position im Farbspektrum verlieh. Im Gegensatz zu Schwarz, der völligen Abwesenheit von Farbe, ist Weiß die Summe aller Farben.

Weiß ist keine Spektralfarbe, es entsteht durch ein Gemisch aus Einzelfarben, das den gleichen Farbeindruck hervorruft wie Sonnenlicht. Wie keine andere Farbe ist Weiß mit der Symbolik des Lichts verbunden, in fast allen Religionen wird es mit Reinheit und Vollkommenheit assoziiert. Ob Taufen oder Hochzeiten, die Hauptpersonen sind jeweils traditionell in Weiß gekleidet.

Dem war nicht immer so: Königin Viktoria von England war die erste Braut in Weiß, zuvor waren Hochzeitskleider aus schwarzem Stoff und wurden nach dem Fest zu Alltagskleidern. Weiß galt demgegenüber als Farbe der Trauer, so wie dies bis heute in vielen asiatischen Ländern der Fall ist. Das Problem bei weißer Trauerkleidung war die Schwierigkeit, sie sauber zu halten. Wo weiß ist, sind die Flecken nicht weit. Davon kann nicht nur Professor Dr. Brinkmann ein Lied singen. (Anne Feldkamp & Stephan Hilpold, RONDO Exklusiv, 19.4.2017)

foto: stefan armbruster
Model Ilvie Wittek trägt ein Kleid von Hugo Boss. Fotografiert wurde sie von Stefan Armbruster in Marrakesch.
foto: stefan armbruster
Model Ilvie Wittek trägt ein Kleid von Prada, einen Bikini von Seafolly und Boots von Fendi.
foto: stefan armbruster
Bustier Dior, Overall Sportmax und Schuhe Bottega Veneta.
foto: stefan armbruster
Die Bluse ist von Etro, der Rock von Bottega Veneta.
foto: stefan armbruster
Jacke Moncler, Brille Prada.
foto: stefan armbruster
Shirt Moncler, Bikini-Oberteil Agent Provocateur, Rock Chanel, Brille Louis Vuitton.
foto: stefan armbruster
Bluse Bottega Veneta, Bikini-Oberteil Gregor Pirouzi, Shorts Prada.
foto: stefan armbruster
Das Kleid ist von Diesel Black Gold.
foto: stefan armbruster
Bluse Bottega Veneta, Bluse als Rock getragen Etro, Sandalen Hugo Boss.

Über das Shooting:

Fotos: Stefan Armbruster
Styling: Nina Petters
Haare & MakeUp: Patrick Glatthaar
Fotoassistenz: Philipp Romer
Produktion: Stephan Hilpold
Location der Gartenbilder: Anima, die Gartenanlage von André Heller bei Marrakesch (www.anima-garden.com)
Herzlichen Dank an Gregor Weiss

Share if you care.