Produktivität: Innovative Ideen ohne Wirkung

5. April 2017, 06:28
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Der technische Fortschritt befeuert das Wirtschaftswachstum nicht mehr so wie in den vergangenen Jahrzehnten. Ein IWF-Papier findet viele Ursachen dafür

Wien – Es ist verflixt. Selbstfahrende Autos, Roboter, neue Apps und Softwareprogramme: Fast jeden Tag vermelden Unternehmen Fortschritte bei der Entwicklung innovativer Technologien. Doch die wirtschaftliche Realität hält mit diesen Jubelmeldungen nicht mit. Das Wirtschaftswachstum in Industrieländern hat sich zwar in den vergangenen Monaten beschleunigt. Doch von den Wachstumsraten vergangener Jahrzehnte ist man in Europa, Japan und den USA weit entfernt.

Warum wirken sich die Innovationen nicht stärker auf Wachstum und Wohlstand aus? Kaum eine Frage wird derzeit unter Ökonomen so hitzig diskutiert. Ein Teil der Wissenschafter glaubt, dass es fehlende Reformen und zu viel Bürokratie sind, die Unternehmen daran hindern durchzustarten. Andere denken, dass der Welt schlicht die Ideen ausgegangen sind, die Wachstum bringen.

Forschungspapier

In diese Debatte hat sich nun der Internationale Währungsfonds (IWF) in Washington eingeschaltet. IWF-Ökonomen haben ein Forschungspapier ("Gone with the Headwinds: Global Productivity") veröffentlicht, in dem sie dem Konnex von Innovation und Wachstum nachgehen. Das Ergebnis bietet für beide Seiten etwas.

Als wichtigste Kennzahl für die Analyse nutzt der IWF die totale Faktorproduktivität (TFP). Mit dieser Maßzahl bewerten Ökonomen den technischen Fortschritt. Sie zerlegen das Wirtschaftswachstum in seine Einzelteile und rechnen jenen Teil des Zuwachses heraus, der darauf beruht, dass mehr Menschen arbeiten oder Investoren mehr Geld ausgeben. Der Rest an Mehrwert, der übrigbleibt, bildet den technischen Fortschritt, die TFP, ab.

Die Entwicklung war in Industrieländern ähnlich. In den 1960er- und 1970er-Jahren stieg die TFP sprunghaft an, in Österreich etwa um mehr als drei Prozent pro Jahr. Seit den 80er-Jahren geht der Zuwachs aber zurück (siehe Grafik). Bereits vor Ausbruch der Finanzkrise war das TFP-Plus gering, seit 2008 ist der Wert nahe null.

Finanzkrise bremst Innovationskraft

Eine Auswertung des IWF zeigt, dass die Finanzkrise die Innovationskraft gebremst hat. In Ländern, wo Unternehmen nach 2008 kaum mehr an Bankkredite kamen, entwickelte sich die TFP schwächer als im Rest der Welt. In der Krise waren viele Unternehmen gezwungen, ihre Ausgaben für Forschung zu kürzen. Besonders betroffen davon: Südeuropa. Auch die Höhe der Verschuldung von Unternehmen wirkt seit 2008 bremsend. Firmen mit hohen Ausständen trauen sich nicht, frisches Geld in die Hand zu nehmen.

Hinzu kommt eine Reihe von Faktoren, die nichts mit der Krise zu tun haben. Google, Apple, Facebook und Co haben kaum sichtbare Spuren im Wirtschaftswachstum hinterlassen. Die Neuerungen der Informations- und Kommunikationstechnik haben laut IWF nur für eine kurze Zeit Ende der 1990er-Jahre zu einem Produktivitätsschub geführt. Ein anderes Problem ist laut IWF die alternde Gesellschaft.

Im richtigen Alter

Eine Datenauswertung für Industrie- und Schwellenländer zwischen 1985 bis 2014 zeigt, dass in schneller alternden Gesellschaften das TFP-Wachstum um 0,2 bis 0,5 Prozentpunkte niedriger ist. Gut ausgebildete Arbeitnehmer mittleren Alters bringen den größten Produktivitätszuwachs.

Der IWF sieht auch in der schleppenden Entwicklung des Welthandels ein Problem. Unternehmen, die dank einer Marktöffnung stärkeren Wettbewerb ausgesetzt sind, erweisen sich demnach als innovativer. Das gilt auch für Firmen, die im Ausland neue Märkte erschließen wollen.

Zuletzt hat der Welthandel aber stagniert, was den Wettbewerb der Ideen verlangsamte. Ein weiterer Faktor war hier China: Die Integration Chinas in den Weltmarkt hat die innovativen Entwicklungen in vielen Ländern beschleunigt. Zehn Prozent des TFP-Wachstums zwischen 1995 und 2007 in Industrieländern sind mit China erklärbar, so der Fonds. Doch China ist inzwischen gut integriert, weitere Zuwächse sind hier also nicht zu holen.

Der IWF schlägt viele Maßnahmen vor, um Innovationen wieder zu Wachstumstreibern zu machen. Kurzfristig müssten Bankbilanzen repariert werden, damit die Kreditvergabe anspringt. Langfristig sollte die Überalterung gebremst werden, etwa durch höhere Einwanderung. Der IWF spricht sich gegen Protektionismus im Handel und für höhere Forschungsausgaben aus. (András Szigetvari, 5.4.2017)

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    grafik: apa
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