"Die Evolution der Minerale" wird im NHM zur Dauerausstellung

5. April 2017, 05:30
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Von US-Forscher vor zehn Jahren entwickeltes Konzept kommt nun in Wien ins Museum – Schau ist ab 5. April zugänglich

Wien – Auch in der Welt der Minerale gibt es über lange Zeiträume hinweg eine Entwicklung, die der US-Forscher Robert Hazen von der Carnegie Institution for Science in Washington vor ungefähr zehn Jahren als "Evolution der Minerale" beschrieben hat. Ab Mittwoch ist das aufsehenerregende Konzept nun Teil der Dauerausstellung der mineralogischen Sammlung im Wiener Naturhistorischen Museum (NHM).

"Für mich ist es aufregend, die 'Evolution der Minerale' nun in einem der großen naturwissenschaftlichen Museen thematisiert zu sehen", erklärte Hazen anlässlich der Präsentation der Schau am Dienstag. Lange Zeit habe die Fachwelt diese Entwicklung nicht oder nur in Ausschnitten wahrgenommen: "Es gab viele Hinweise, aber keiner hat sie zusammengetragen", sagte der Mineraloge, der gleichzeitig betonte, dass der Terminus "Evolution" keineswegs der Biologie vorbehalten sei.

"Provokanten Begriff"

Am NHM hat man nun den laut Museumsdirektor Christian Köberl "provokanten Begriff" aufgegriffen und in Kooperation mit Hazen Anschauungsobjekte zusammengetragen, anhand derer die Besucher der zunehmenden Diversität der Kristalle über die Erdzeitalter hinweg folgen können. In einer neu gestalteten Vitrine im Saal 1 des Museums nimmt die Milliarden Jahre umspannende und trotzdem kompakt erzählte Geschichte anschaulich ihren Lauf.

Mit der musealen Umsetzung des Konzepts "hätten wir durchaus einen ganzen Raum füllen können", sagte Uwe Kolitsch, Direktor der Mineralogisch-Petrographischen Abteilung des NHM. Kein Wunder, geht es doch um die Zunahme der kristallinen Vielfalt von relativ wenigen "Ur-Mineralen" wie kleinen Diamanten oder Graphit-Kristallen, die in den Gashüllen der ersten Supernovas entstanden, bis hin zu den mittlerweile mehr als 5.000 bekannten Vertretern, die unser Heimatplanet beherbergt.

Bis es allerdings so weit kam, durchlief die Erde viele Entwicklungsstadien: Als die Planeten des Sonnensystems entstanden, schmolzen die Elemente durch Hitzepulse der jungen Sonne und bildeten massenweise neue Minerale. Dem folgend findet man in Meteoriten noch lediglich rund 100 Minerale, auf dem Mond sind es bereits 300, auf dem Mars geschätzte 400 verschiedene Minerale, wie Köberl ausführte. Aus der Zeit der "schwarzen Erde", vor 4,5 bis 3,8 Mrd. Jahren, stammen auch die ältesten erhaltenen Minerale – etwa 4,4 Mrd. Jahre alte Zirkone aus Westaustralien. Diese sind laut Kolitsch zum ersten Mal in einem Museum zu sehen, obwohl die Winzlinge erst unter einer in die Vitrine integrieren Lupe sichtbar werden.

Sauerstoff und Kleinstorganismen

Sind in den frühen Phasen noch Vulkanismus, das kosmische Bombardement oder das irdische Unikum der Plattentektonik die Motoren der Evolution, kommt ab der Phase der "roten Erde" (3,8 bis eine Mrd. Jahre) der Sauerstoff und letztendlich mit dem vorerst durch Kleinstorganismen geprägten Leben "der wichtigste Fabrikant" von Mineralen hinzu, wie es Hazen ausdruckte. Wie das vonstattengehen kann, wird anhand des nach ihm benannten "Hazenits" klar, das von speziellen Mikroorganismen ausschließlich im Mono Lake (Kalifornien) kurzzeitig gebildet wird.

Die Phase der "weißen Erde" zwischen einer Mrd. Jahre bis 540 Millionen Jahre vor unserer Zeit dominierte wiederum mit dem Eis ein anderes flüchtiges Mineral. Danach fachte wiederum die explosionsartige Ausbreitung komplexeren Lebens die Entwicklung an.

Mittlerweile sei klar, dass die Bildung von ungefähr zwei Dritteln der Minerale auf der Erde mit biologischen Vorgängen zusammenhänge, so Hazen, der als bisher letzten entscheidenden evolutionären Faktor menschliche Aktivitäten identifizierte. Gerade die Erkenntnis, dass die unbelebte Vielfalt vor allem mit dem Leben zusammenhängt, lässt den Wissenschafter auch weiter in die Ferne blicken: Eine besondere Mineral-Vielfalt wäre nämlich im Umkehrschluss ein entscheidender Hinweis auf Leben auf anderen Planeten, sagte Hazen. (APA, 5.4.2017)

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