Öffentlich-rechtliche Berichterstattung als Lebensmittel

Kommentar der anderen4. April 2017, 16:33
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Kinder, Sport, Information, Kultur: Ein paar Anmerkungen zur Zukunft des ORF

Trotz aller Herausforderungen für den ORF darf die Anstalt auf die Suche nach mittelfristigen Perspektiven und Visionen für das Haus nicht vergessen. Einige Anregungen, was man in einer Enquete zur Zukunft des ORF auch ansprechen könnte:

Viel wird darüber geklagt, dass nächste Generationen nur mehr auf sozialen Medien oder allenfalls noch bei amerikanischen Serien zu finden seien. Wie aber sollen junge Leute mit öffentlich-rechtlichen Inhalten vertraut werden, wenn es für sie nahezu kein eigenes Programmangebot gibt?

Nach der Erfolgsgeschichte von ORF III wäre es doch mehr als angebracht, eben auch für Kinder (und für ihre Eltern) einen eigenen österreichischen öffentlich-rechtlichen Kinderkanal anzubieten.

Die BBC beispielsweise gibt ungefähr sechs Prozent ihrer Programmmittel für Kinderformate aus; der ORF 0,6 Prozent. Ein solches gewalt- und werbefreies Angebot wäre mit einem vergleichbar geringen Budget, wie es ORF III zur Verfügung steht, bestimmt in hervorragender Qualität auf die Beine zu stellen.

ORF 1 wird zu 67,5 Prozent der Sendezeit mit Kaufware bespielt. Wenn man – gerade in der Winterzeit – dann auch noch die Sportberichterstattung dazuaddiert, dann bleibt ein erschreckend kleiner Anteil an eigenständig entwickeltem Content. Der Charakter von ORF 1 muss wieder durch Eigen- und Koproduktionen geprägt sein, nicht zuletzt, weil lokale Produktionen darüber hinaus zur Wertschöpfung am Medienstandort Österreich beitragen.

Dreimal Sport

Ein neues ORF-Gesetz sollte die Rahmenbedingungen für ORF Sport+ anpassen. Denn dass aus rechtlichen Gründen auf ORF Sport+ keine breitenwirksamen Liveübertragungen von relevanten Events stattfinden dürfen, führt inzwischen dazu, dass auf ORF 1 Skispringen, auf ORF 2 ein Bundesligaspiel, aber auf ORF Sport eine Wiederholung läuft.

Information ist mehr als Berichterstattung in den Nachrichten: Laut einer Studie von Safer Internet haben Kinder und Jugendliche zu 80 Prozent Zweifel an jenen Informationen, die ihnen durch soziale Medien kommuniziert werden. Gerade für diese Jugendlichen ist es elementar, dass sie wissen, wo sie seriöse Informationen und Unterhaltung bekommen können. Warum widmet sich der ORF beispielsweise nicht verstärkt der Herstellung des verhältnismäßig preisgünstigen Genres der Dokusoap – in Analogie zum Boom der fiktionalen Serien?

Es müsste im ureigenen Interesse des Senders sein, auch über die Grenzen hinaus gesehen zu werden. Konkret kann das nur gelingen, wenn man Lizenzware reduziert und stattdessen versucht, Eigenes in die Welt zu tragen. So wie wir in Österreich selbstverständlich RTL, ProSieben, ARD und ZDF empfangen, so sollte der ORF in Deutschland und der Schweiz verfügbar gemacht werden. Als Visitenkarte eines Kultur- und Tourismuslandes.

Aber wie könnte das alles finanziert werden? Wir sollten stolz auf den ORF sein und diesen selbstbewusst finanzieren – und zwar aus Steuermitteln. Denn nur ein werbefreier ORF bietet eine klare inhaltliche Orientierung für seine Mitarbeiter. Er ermöglicht außerdem eine Handreichung an die Verlage, weil diese dann nicht mehr argwöhnen könnten, dass der Sender ihnen Werbekunden abspenstig macht. Nur ein werbefreier ORF würde auch Umschichtungen in den Programmschwerpunkten möglich machen.

Grundsätzlich liegt der Sinn der mit Abstand größten Kultureinrichtung des Landes doch darin Information, Bildung und kulturelle Wertschöpfung zu bieten. Die Politik sollte sich dazu durchringen, den ORF ehrlich, fair und zukunftsorientiert zu finanzieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es in Westeuropa die Entscheidung zu einem freien Zugang zu Bildung, Museen und einem öffentlich-rechtlichen Rundfunkwesen gegeben. Das unterscheidet uns vom Rest der Welt, wie man an den Entwicklungen in Nordamerika sehen kann, wo es praktisch nur privat finanzierte Sender gibt; oder auch von den früheren Ostblockstaaten, in denen es kein öffentlich-rechtliches, sondern Staatsfernsehen gab! Öffentlich-rechtliche Berichterstattung ist ein Lebensmittel. Das sollten und müssen wir uns leisten wollen! (Golli Marboe, 4.4.2017)

Golli Marboe war viele Jahre TV-Filmproduzent, er arbeitet als Journalist und fungiert seit 2016 als Obmann des "Vereins zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien".

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