ORF-Chef Wrabetz: ORF 1 "komplett neu positionieren"

5. April 2017, 07:00
24 Postings

Weil Sport und US-Ware stärker in Bezahlplattformen abwandern – Der Generaldirektor sprang für den erkrankten Medienminister ein

Wien – "Fast ein Déjà-vu"-Erlebnis hatte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz Dienstagfrüh, als er einen Anruf von Richard Grasl bekam. Der ehemalige kaufmännische ORF-Direktor wollte aber nicht mit seinem früheren Chef in Erinnerungen schwelgen, sondern suchte in seiner Position als Präsident des österreichischen Werbebranchenverbands IAA einen Ersatzvortragenden für den kurzfristig erkrankten Medienminister Thomas Drozda.

Drozda war zum Thema "digitale Gerechtigkeit" angemeldet und mit Vorschlägen, "wie die Regierung die Ungleichheit am Werbemarkt beseitigen will". Manch' einer der anwesenden Branchenvertreter mutmaßte scherzhaft, das W.O. des Ministers könnte mit allgemeiner ministerieller Ratlosigkeit zu tun haben, wie in Sachen digitaler Gerechtigkeit zu verfahren sei, etwa zu verhindern, wenn Kunden deutsche Medienagenturen einschalten und so eine digitale Werbeabgabe umgehen könnten.

Ein Stamperl

Wrabetz hatte sich spontan bereit erklärt zur Keynote im Wiener Hotel Bristol einzuspringen, auch er wollte sich eine Spitze nicht verkneifen. Er und Drozda kämen unmittelbar von der jährlichen Klausur der Herausgeber in Tirol. "Dort ist es immer schön", sagte Wrabetz. Allerdings, so Wrabetz weiter, "haben die Zeitungsherausgeber einen Trick", den nämlich, ihre Gäste "unter schweren Alkohol zu setzen und mit Schnäpsen so lange zuzuschütten" und damit "medienpolitische Zugeständnisse" zu entlocken. "Ein Stamperl in russischer Tradition", sagte Wrabetz. Er selbst, Wrabetz, sei Samstag angereist und selbentags wieder abgereist, er habe keine Wirkung. Dem Medienminister wünschte er "an dieser Stelle baldige Genesung".

Schulterschluss

Im Vortrag skizzierte Wrabetz am Dienstag "Herausforderungen" des ORF, etwa dass Sport und amerikanische Film- und Serienware immer mehr auf Bezahlplattformen abwandern werden und erfordere eine "komplette Neupositionierung von ORF 1 in den nächsten Jahren". Der Neos-Plan, den ORF aus dem Budget zu finanzieren, lehnte Wrabetz einmal mehr ab: "In Zeiten des grassierenden Populismus ist das Gold, aber wie soll das gehen?" Bei der Onlineabgabe wünscht er sich einen "medienpolitischen Schulterschluss". (red, 4.4.2017)

Share if you care.