Boston: Heartbreak Hill, here I come!

Blog5. April 2017, 06:00
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Die Kunst, auf der ganzen Welt an den schönsten Läufen teilnehmen zu können: Auf dem Weg zum Boston-Marathon

Vom zweitältesten Marathon der Welt, der Frau, die vor 50 Jahren den Männern das Laufen wegnahm und der Kunst, auf der ganzen Welt an den schönsten Läufen teilnehmen zu können: Auf dem Weg zum Boston-Marathon

foto: thomas rottenberg

Nur weil etwas ein Sprichwort ist, muss es ja noch lange nicht falsch sein. Und dass man ungelegte Eier besser nicht zu laut begackern sollte, ist ein Sprichwort. Eines, das mich im vergangenen Jahr und heuer lange begleitet hat.

Denn meine Verletzungs- und Blöde-Missgeschick-Serie vom Vorjahr hat mir nicht nur ein ganzes Trainings-, Sport- und Wettkampfjahr komplett zusammengehaut, sondern mir noch etwas gezeigt: Sobald man anderen Leuten sagt, was man alles vorhat, erkennt man die wahren Freunde – wenn eine Sache danebengeht, sind auf einmal viele weg. Oder hämisch. (Oder wie im umgekehrten Fall einer Freundin, die gerade zur Asics-Frontrunnerin wurde, plötzlich hinterrücks bösartig. Ohne jeden Anlass. Andere Geschichte.) Und bei allem Elend: Diesen Lernprozess will ich nicht missen.

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foto: thomas rottenberg

Darum hielt ich in den letzten Monaten tunlichst die Klappe. Murmelte immer nur irgendwas Unpräzises, Undefinierbares, wenn jemand fragte. Und war heilfroh, dass der näher rückende VCM mir ganz hervorragende Deckung bot.

Wenn ganz Lauf-Wien sich auf den Stadtmarathon oder seine zahllosen Nebenwettkämpfe vorbereitet, bei Eisbär- und Wintercupläufen den eigenen, aktuellen Trainingszustand ebenso scannt wie den von Freunden und Bekannten, wenn dann in der Stadt die orangen Kilometermarkierungen des Vienna City Marathon den Streckenverlauf schon spür- und sichtbar machen, dann geht irgendwann alle Welt – ohne zu fragen – davon aus, dass jeder, dessen Rennerei auch nur ansatzweise nach System aussieht, für ebendiesen Event trainiert.

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foto: screenshot

Und: Ganz falsch war und ist das ja auch nicht. Denn obwohl ich mich wie so viele andere zum Lauf der 7.000 (mehr Menschen beenden in Wien trotz aller Zahlenspiele und Verbalverrenkungen den Marathon nämlich so gut wie nie) eine veritable Hassliebe verbindet, kann ich es nicht lassen. Der Heim-Marathon ist eben der Heim-Marathon – und den ganz auszulassen, geht halt irgendwie auch nicht.

Und so melde ich mich mit schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr im Frühjahr, wenige Tage nach dem Lauf, für das nächste Jahr an. Egal, ob ich gelaufen bin oder nicht. 2016 setzte ich ganz aus. Verletzungsbedingt – und schweren Herzens.

Aber 2017, beschloss ich am Tag des Laufes, würde ich dabei sein. Schon aus Prinzip: So doof Sinnsprüche auf Lauf- und anderen Portalen sind, sie haben was. Und der vom "Einmal öfter aufstehen als man stolpert", hat mir letztes Jahr den Sommer gerettet.

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foto: thomas rottenberg

Was ich da aber noch nicht wusste: Dass der VCM zur Camouflage werden würde. Für einen Bewerb, an den ich vor ein paar Jahren noch nicht einmal gedacht hätte. Einen der ganz großen, namhaften Marathons. Einen, der auf der Wunschliste sehr, sehr vieler Läuferinnen und Läufer ganz oben steht: Boston nämlich.

Boston ist nicht einfach nur eine, Boston ist viele Legenden: 1897 erstmals gestartet, ist er – nach dem olympischen – der älteste Marathon der Welt. Zählt man den Armee-Staffelbewerb im Jahr 1918 mit, wurde er bis heute ohne Unterbrechung jedes Jahr ausgetragen. 2013 war der Lauf Ziel eines Terroranschlages – und positionierte sich dennoch und umso mehr als weltoffenes, positives Lauffest für Menschen aus allen Ländern, aller Religionen, mit jedem politischen Hintergrund – und ohne Angst.

Und: Boston ist der Marathon von Kathrine Switzer.

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foto: ©boston herald

Und das heuer mehr denn je: Denn heuer, 2017, ist es genau 50 Jahre her, dass eine 20 Jahre alte Studentin der Syracuse University hier an den Start ging: Kathrine Switzer. Nicht um einen Skandal zu provozieren, nicht um berühmt zu werden – und nicht einmal um als erste Marathonläuferin Bostons (oder überhaupt) in die Geschichte einzugehen: Im Jahr zuvor war hier nämlich eine gewisse Roberta Gibb gelaufen – wenn auch ohne Startnummer.

Switzer aber meldete sich als "K.V. Switzer" an – und schummelte nicht einmal: Dass Frauen einen Marathon laufen könnten, galt damals als dermaßen unvorstellbar, dass bei der Anmeldung nicht einmal nach dem Geschlecht der Läufer (sic!) gefragt wurde.

Freilich: Als Renndirektor Jock Semple bei Meile zwei sah, dass da eine Frau im Feld war, rastete er dermaßen aus, dass er Switzer mit Gewalt aus dem Rennen werfen wollte. Blöderweise genau vor dem Bus mit Journalisten, der das Feld gerade abfuhr: Die Szene, auf der Switzers Freund – der Hammerwerfer und Ex-Football-Spieler Tom Miller – Semples Versuch, Switzer von der Strecke zu drängen, mit einem dezenten Bodycheck verhindert, gingen um die Welt – und zählen heute zu den "100 Bildern, die die Welt veränderten".

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foto: hagen hopking

Kathrine Switzer wurde damals disqualifiziert. "Weil ich mit Männern gelaufen bin", erklärt sie heute lachend. Doch der Angriff Semples "hat mich so radikalisiert und inspiriert, dass aus dem Mädchen, das hier einfach nur laufen wollte, noch auf der Strecke eine Frau wurde, die ihr Leben lang dafür kämpfen würde, dass Frauen die gleichen Chancen haben wie Männer." Sport, so schrieb mir Switzer, sei dafür zwar nur eine Metapher – aber eine sehr zentrale und aussagekräftige: Es dauerte bis 1972, dass Frauen offiziell in Boston laufen durften.

Switzer begann Frauenläufe zu organisieren. Weltweit. Und war so eine der "Hauptschuldigen" daran, dass 1984 Frauen endlich auch olympisch die 42 Kilometer angehen durften. "1967 waren die 800 Meter auf der Bahn für Frauen die längste olympische Distanz", erzählt sie. So grotesk das heute klingen mag: Man(n) schob dafür unter anderem medizinische Gründe vor. Die Erschütterungen auf der Langstrecke würden Verletzungen unvermeidlich machen – das könne bis zum Herausfallen der Gebärmutter gehen.

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foto: horstvonbohlen

Switzer ist Boston etliche Male gelaufen. Einmal hat sie New York gewonnen. insgesamt gut 40 Marathons absolviert. Heuer, mit 70, wird sie in Boston noch einmal antreten. Natürlich mit jener Startnummer, die sie auch 1967 trug – und die seither zu einem Symbol geworden ist: "261 steht für Furchtlosigkeit. Ich habe damals, in diesem Augenblick erkannt, dass ich mich gegen jede Form von Einschränkung wehren kann – und dass ich keine Angst haben muss."

"261 fearless" nennt sich deshalb auch die Non-Profit-Empowerment-Initiative, mit der Switzer heute Frauen auf der ganzen Welt erreichen will – und in der eine Österreicherin eine zentrale Rolle spielt: Die Kärntner Läuferin und Laufbloggerin Edith Zuschmann, aka "Running Zuschi".

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foto: thomas rottenberg

Zuschi war es auch, die mich nach Boston brachte. Oder holte: Beim Wolfgangsee-Lauf vergangenen Herbst hatte sie mir – wieder einmal – Switzers Geschichte erzählt. Davon, dass 2017 deshalb das ideale Jahr sei, nach Boston zu kommen. Und dass sie heuer hier sehr eng mit ihrer Mentorin und ihrem großen Vorbild zusammenarbeiten würde: Interviews? Treffen? Kein Problem. "Du musst es nur irgendwie hierher schaffen."

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foto: thomas rottenberg

Zuschmanns Worte fielen allerdings auf gut vorbereiteten Boden: In der Woche zuvor, beim Dreiländer-Marathon am Bodensee, hatte mir Michael Moosbrugger, der PR-Mann von Skinfit, von seinen ganz persönlichen Boston-Erlebnissen vorgeschwärmt: Von der Strecke von Hopkinton nach Boston. Von den Hügeln, den Ausblicken und natürlich vom Heartbreak Hill. Aber auch von der Euphorie einer ganzen Stadt für diesen Lauf, bei dem das Publikum mitunter in Zehnerreihen an der Strecke steht – und an den Tagen vor dem Lauf Besucher aus aller Welt willkommen heißt. Gerade – und auch – weil sie sich nicht durch die Angst vor Terroranschlägen davon abhalten lassen, hierher zu kommen.

Dass all das aus der Ferne pathetisch klingt, war auch Moosbrugger klar. Nur: "Wenn du dort bist, ist es echt. Und unbeschreiblich."

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foto: thomas rottenberg

Die Sache hatte nur einen Haken: Um in Boston starten zu dürfen, muss man schnell sein. Schneller jedenfalls, als ich es je sein würde. Um einen der heißbegehrten 30.000 Startplätze zu ergattern, muss man – nach Geschlecht und Alter gestaffelt – halbwegs aktuelle Marathonzeiten vorweisen, die ich auch ohne Verletzungspause nie und nimmer geschafft hätte.

Blöde Sache – aber es gibt einen Plan B: Das Reisebüro.

Denn um Laufevents ihren Charakter als große, offene Volksfeste zu erhalten, muss man auch darauf schauen, dass hier nicht nur Elite- und wirklich schnelle Läufer unterwegs sind, sondern der Mix passt.

Deshalb gibt es – weltweit, bei allen großen Läufen – heute nach Nationalität aufgeschlüsselte Startplatz-Kontingente (etwa 20 Prozent der Startplätze), die an ausgewählte Reiseveranstalter vergeben werden. In Österreich ist "Runners Unlimited" da der Platzhirsch. Ich bin so auch schon zum New York Marathon gekommen. Doch auch wenn 1.900 Euro für das Paket (exklusive Startplatz, der kostet – da viele Läufer ja mit nichtlaufender Begleitung reisen – noch einmal rund 500 Euro) viel Geld sind, ist der Markt dafür vorhanden: Sowohl in Österreich als auch in Deutschland waren die Boston-Kontingente und -Trips bereits im Oktober ausverkauft.

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foto: thomas rottenberg

Freilich: Hat man den Platz, beginnt die eigentliche Arbeit – das Training. Lockere Läufe. Lange Läufe. Sehr lange Läufe. Schnelle Läufe. Tempowechselläufe. Langsame Läufe. Och, langsamere Läufe. Und noch viel langsamere Läufe. Läufe alleine. Läufe in der Gruppe. Läufe auf der Bahn, im Wald oder am Strand.

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foto: thomas rottenberg

Läufe im Winter. Läufe bei Regen. Läufe im Urlaub. Läufe zu jeder möglichen und – oft genug – unmöglichen Tageszeit. Läufe im Wettkampf. Läufe auf Anschlag. Kurze schnelle Läufe. Lange schnelle Läufe. Lange Läufe, die schneller werden … Und so weiter: Tunlichst mit System – und bis zum Umfallen. Denn 42 Kilometer sind kein Spaziergang – für niemanden. Egal, wo und wie schnell er – oder sie – läuft. Nirgendwo.

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foto: thomas rottenberg

Ob ich Boston "finishen" werde? Keine Ahnung. Das Training der letzten Wochen und Monate sagt "Ja". Harald Fritz, mein Trainer, spricht von Zeiten, die ich mich nicht einmal hinschreiben traue – weil ich mich kenne: Der Lauf ist am Patriots' Day. Heuer ist das zufällig der Ostermontag – und bis dahin kann noch eine Menge passieren.

Im Kopf – aber auch sonst: Einmal umknöcheln. Eine Verkühlung. Irgendein Missgeschick – und schon kann ich, kann jeder und jede, ein halbes Jahr Vorbereitung kübeln. Ist der Traum vom Traditionslauf gegen die Angst, vom Gefühl, über den Heartbreak Hill zu kommen und vom Treffen mit Kathrine Switzer an diesem historischen Ort (sie kommt ja danach zum Frauenlauf nach Österreich) ausgeträumt.

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foto: thomas rottenberg

Nur: Daran denke ich jetzt nicht. Nicht mehr. Denn um einen Marathon überhaupt angehen zu können, braucht man neben Demut und Geduld noch etwas: Freude – und Optimismus. "I want, I can, I will" oder "Want it more" liest man da im Web alle paar Ecken. Das ist zwar doof – aber es stimmt: Beim Laufen lernt man schließlich auch, daran zu glauben, Ziele, die man sich steckt, auch erreichen zu können. Sonst kann man es nämlich gleich lassen.

(Thomas Rottenberg, 5.4.2017)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise nach Boston wird von Runners Unlimited, Air France und KLM teilweise unterstützt, der Startplatz von Thomas Rottenberg voll bezahlt.

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