Auschwitz-Aufseherin wird im Innviertel als NS-Opfer geführt

4. April 2017, 11:41
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Laut Todeserklärung des Gerichts Ried im Innkreis soll Maria Mandl im KZ gestorben sein. In Wahrheit wurde sie als Kriegsverbrecherin gehängt. Das Mauthausen-Komitee kritisiert die Täter-Opfer-Umkehr

Ried – Maria Mandl war eine gefürchtete Oberaufseherin im Konzentrationslager Auschwitz. Sie war für ihre Grausamkeit und Brutalität bekannt und wurde "die Bestie" genannt. Geboren wurde Mandl am 10. Jänner 1912 in Münzkirchen im Innviertel. Seit 1938 war sie Mitglied der SS und vor Auschwitz auch im KZ Lichtenburg und im KZ Ravensbrück als Aufseherin tätig.

Für Aufsehen sorgt nun ihre Todeserklärung des Kreisgerichts Ried aus dem Jahr 1975. "Die österreichische Justiz widmet die NS-Massenmörderin zum KZ-Opfer um", kritisiert das Mauthausen-Komitee. In dem Dokument, das dem STANDARD vorliegt, heißt es, Maria Mandl "wurde im Jahre 1939 in ein deutsches Konzentrationslager eingeliefert. Seither fehlt jede Nachricht von ihr. Angeblich soll sie dort verstorben sein." Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Ried wurde Mandl mit 31. Dezember 1944 für tot erklärt.

An Selektion für Gaskammern beteiligt

In Wahrheit wurde Mandl nach dem Ende des NS-Regimes an Polen ausgeliefert und gemeinsam mit dem SS-Untersturmführer und Leiter der Politischen Abteilung im KZ Auschwitz, Maximilian Grabner, 1947 in Krakau angeklagt. Ihr wurde vorgeworfen, an Selektionen für die Gaskammern und medizinischen Experimenten teilgenommen zu haben. Sie soll Häftlinge misshandelt, geschlagen und gefoltert haben. Das Oberste Volkstribunal verurteilte die Kriegsverbrecherin zum Tode. Sie wurde am 24. Jänner 1948 gehängt.

In dem Dokument heißt es weiter: "Der Anspruch gründet sich auf die gepflogenen Erhebungen, insbesondere auf die Mitteilungen des Marktgemeindesamts Münzkirchen, des internationalen Suchdienstes in Arolsen (BRD)" und den "Ablauf der Ediktalfrist".

Kopie in den Akten der Gemeinde

In Münzkirchen kann man sich nicht erklären, wie es zu dieser falschen Todeserklärung gekommen ist. "Ich kenne das Dokument seit kurzem", sagt Bürgermeister Helmut Schopf (SPÖ). Ein Mitarbeiter habe in der alten Registratur nachgesehen. "Es gibt nichts, das zeigt, dass da eine Auskunft der Gemeinde kam", sagt Schopf. In den alten Akten sei nur eine Kopie des Dokuments gelegen.

Eine Aufarbeitung der Geschichte in der Gemeinde sei nicht geplant, erklärt der Bürgermeister auf Nachfrage. "Das ist immer offen auf dem Tisch gelegen. Ihr Lebenslauf ist in Münzkirchen bekannt." Der Bürgermeister verweist auf den Wikipedia-Eintrag der Gemeinde. Dort stehe unter den Persönlichkeiten Maria Mandl, und ihre richtige Biografie sei verlinkt.

"Dreiste, von der Justiz abgesegnete Geschichtsfälschung"

Das Mauthausen-Komitee und das Oberösterreichische Netzwerk gegen Rassismus und Rechtsextremismus wollen nun Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) ersuchen, die Richtigstellung von Mandls Todeserklärung zu veranlassen. "Die Todeserklärung muss korrigiert werden. Das ist eine dreiste, von der Justiz abgesegnete Geschichtsfälschung", sagt Robert Eiter, Sprecher des Netzwerks und Vorstand im Mauthausen-Komitee. "Es ist eine Verhöhnung der wirklichen KZ-Häftlinge, wenn man eine NS-Massenmörderin zu einer der Ihren macht. Das ist absolut untragbar."

KZ-Überlebende Bejarano live in Salzburg

Im Frauenlager des KZs Auschwitz-Birkenau hatte Mandl als Musikliebhaberin das Mädchenorchester von Auschwitz gegründet. Eine der Musikerinnen ist am Donnerstag in Salzburg zu sehen. Die 93-jährige KZ-Überlebende Esther Bejarano gibt zusammen mit den Kölner Rappern Microphone Mafia auf Einladung des Gewerkschaftlichen Linksblocks und des KZ-Verbands Salzburg ein Konzert im Jazzit.

Als das Mädchenorchester entstand, hatte sich Bejarano als Akkordeonspielerin gemeldet, ohne jemals ein Akkordeon in der Hand gehabt zu haben. Das Orchester musste unter anderem zum täglichen Marsch der Arbeitskolonnen spielen. Bejarano ist bis heute als Musikerin aktiv und eine der Symbolfiguren des antifaschistischen Widerstands in Deutschland. (Stefanie Ruep, 4.4.2017)

  • Maria Mandl nach ihrer Verhaftung. Die Kriegsverbrecherin flüchtete zunächst in ihren Heimatort und tauchte danach unter. Am 10. August 1945 wurde sie von Soldaten der US-Armee festgenommen und verhört.
    foto: wikipedia/public domain

    Maria Mandl nach ihrer Verhaftung. Die Kriegsverbrecherin flüchtete zunächst in ihren Heimatort und tauchte danach unter. Am 10. August 1945 wurde sie von Soldaten der US-Armee festgenommen und verhört.

  • Die gebürtige Innviertlerin als Angeklagte beim Auschwitz-Prozess in Krakau. Mandl wurde am 22. Dezember 1947 vom Obersten Volkstribunal zum Tod durch den Strang verurteilt.
    foto: wikipedia/public domain

    Die gebürtige Innviertlerin als Angeklagte beim Auschwitz-Prozess in Krakau. Mandl wurde am 22. Dezember 1947 vom Obersten Volkstribunal zum Tod durch den Strang verurteilt.

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