St. Petersburg nach U-Bahn-Anschlag unter Schock

    4. April 2017, 05:40
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    Elf Tote, 47 Verletzte bei Explosion in Metrozug – Behörden gehen von Selbstmordanschlag aus – Trump sagt Putin Unterstützung zu

    Um 14.50 Uhr endete am Montag der geregelte Alltag in der russischen Fünf-Millionen-Stadt St. Petersburg. In einem Metrozug der Linie Zwei explodierte zwischen den Stationen Sennaja-Platz und Technologisches Institut ein Sprengsatz. In einem Waggon wurden die Fenster und die Türen herausgerissen. Der Fahrer des Zuges traf, so die Ermittler, die richtige Entscheidung: Er fuhr mit der beschädigten Garnitur noch bis zur nächsten Station weiter, sodass den Opfern dann schneller geholfen werden konnte.

    Passanten und Rettern bot sich ein schreckliches Bild: Tote und Verletzte lagen in den Waggons und auf dem Bahnsteig. Beide Stationen vor und hinter dem Ort der Explosion füllten sich mit Rauch, sodass für einige Zeit in den Nachrichten von zwei Explosionen die Rede war.

    Nach Angaben des russischen Gesundheitsministeriums kamen elf Menschen ums Leben, 47 wurden verletzt, sechs davon schwer. Laut Ärzten war der Sprengsatz mit Metallkugeln gespickt, um die Wirkung der Explosion noch zu verschlimmern. Die russischen Behörden leiteten ein Ermittlungsverfahren wegen eines Terroraktes ein.

    Wahrscheinlicher islamistischer Hintergrund

    Von einem Selbstmordanschlag war zunächst nicht die Rede: Petersburger Medien berichteten erst, dass der Sprengsatz mit einer Stärke von 200 bis 300 Gramm TNT in einer Tasche in dem Waggon deponiert worden war. Am späten Montag Abend hieß es dann jedoch, dass ein 23-jähriger Zentralasiate als wahrscheinlicher Selbstmordattentäter identifiziert worden sei. Dieser habe den Sprengsatz in einem Rucksack transportiert und soll Verbindungen zu einer islamistischen Gruppe haben. DNA-Tests sollen nun für Gewissheit sorgen.

    Die russische Agentur Tass zitierte eine Quelle, nach der ein Mann und eine junge Frau aus Zentralasien in die Tat involviert sein könnten.

    Angeblicher Verdächtiger

    Ein zuvor verbreitetes Bild einer Überwachungskamera zeigte einen angeblichen Tatverdächtigen: einen hochgewachsenen Bartträger mit einer Tjubetejka, einer bei Tataren und Baschkiren traditionellen Kopfbedeckung. Der Mann habe sich jedoch selbst an die Polizei gewandt und spiele keine Rolle mehr in den Ermittlungen, berichtete die Agentur Interfax.

    Während die Rettungsmannschaften, unterstützt von Verkehrspolizisten, Straßenkehrern und Zivilisten, Verletzte über die langen Rolltreppen der Metrostation hinauftrugen, wurde an einer weiteren Innenstadt-Kreuzungsstation, dem Wosstanija-Platz an der Linie Eins, wo auch der "Moskauer Bahnhof" liegt, eine als Feuerlöscher getarnte scharfe Bombe sichergestellt und entschärft. Ihre Sprengkraft soll ein Kilogramm TNT betragen haben. Daraufhin entschlossen sich die Behörden zu einer drastischen Maßnahme: Das gesamte Metronetz der Stadt wurde evakuiert – und erst nach 20 Uhr wieder partiell in Betrieb genommen.

    Für hunderttausende Petersburger stellte sich damit das Problem, wie sie an diesem Tag nach Hause kommen sollten. Zwar organisierte die Stadtverwaltung 150 Busse, die entlang der Metrolinien kostenlos verkehren sollten. Doch in der Stadt brach alsbald der Verkehr zusammen: Über die Gehwege und Newa-Brücken zogen Massen von Fußgängern, um auf diese Weise nach Hause oder zumindest aus dem aufgrund von Staus und Straßensperren stillstehenden Stadtzentrum herauszukommen.

    Heimatstadt Putins

    St. Petersburg muss nun mit der Gewissheit leben, dass der Terror nicht länger einen Bogen um "Russlands Kulturhauptstadt" macht: In der Heimatstadt von Präsident Wladimir Putin hatte es seit sowjetischen Zeiten nie einen Anschlag mit Todesopfern gegeben – obwohl der kaukasische radikalislamistische Untergrund über Jahre in Russland immer wieder schwere Terrorakte verübt hatte. 2004 und 2010 explodierten Bomben in der Moskauer Metro, es gab jeweils über 40 Tote. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hatte Russland zudem wiederholt mit Anschlägen gedroht, weil Moskau im syrischen Bürgerkrieg die Truppen von Machthaber Bashar al-Assad unterstützt. Putin besuchte noch am Abend den Ort des Anschlags und legte einen Blumenstrauß nieder.

    Trump will Putin unterstützen

    US-Präsident Donald Trump sagte dem russischen Staatschef indes seine "volle Unterstützung" zu. "Beide, Präsident Trump und Präsident Putin, haben darin übereingestimmt, dass der Terrorismus entscheidend und schnell bezwungen werden muss", teilte das Weiße Haus nach einem Telefonat der beiden Staatschefs mit.

    Nach den vergangenen Anschlägen waren auch an allen Eingängen der Petersburger Metro Metalldetektoren installiert worden – wobei die täglich zwei Millionen Metro-Passagiere nur stichprobenartig kontrolliert wurden. Geholfen haben diese Sicherheitsmaßnahmen ganz offensichtlich nichts. (red, Lothar Deeg aus St. Petersburg, 3.4.2017)

    U-Bahnen als Ziel von Anschlägen

    U-Bahnen waren schon oft Ziel terroristischer Anschläge. Häufig waren Russland oder frühere sowjetische Republiken betroffen. Die verheerendsten Angriffe:

    März 2016: Islamistische Terroristen verüben in der belgischen Hauptstadt Brüssel einen Doppelanschlag auf den Flughafen und in der U-Bahn. 32 Menschen werden ermordet, mehr als 320 verletzt. Zudem kommen drei Selbstmordattentäter um.

    April 2011: Bei einem Bombenanschlag in der Metro der weißrussischen Hauptstadt Minsk werden 15 Menschen getötet und etwa 150 verletzt. Die Verdächtigen sollen im Auftrag Oppositioneller gehandelt haben, heißt es zunächst. Der Präsident der autoritär regierten Exsowjetrepublik, Alexander Lukaschenko, sagt später, es gebe keine Hinweise auf die Drahtzieher.

    März 2010 in Moskau: In zwei Metro-Zügen sprengen sich Selbstmordattentäterinnen in die Luft. Sie reißen 40 Menschen mit in den Tod. Der Anführer der Islamisten im Nordkaukasus, Doku Umarow, bekennt sich zu den Anschlägen.

    Juli 2005 in London: Beim ersten Selbstmordanschlag in Westeuropa zünden vier Muslime mit britischem Pass in drei U-Bahnen und einem Doppeldeckerbus Sprengsätze. 56 Menschen sterben, etwa 700 werden verletzt. Eine Geheimorganisation Kaida al-Jihad bekennt sich zu den Anschlägen.

    August 2004 in Moskau: Eine mutmaßliche Tschetschenin sprengt sich am Eingang einer belebten U-Bahn-Station in die Luft. Elf Menschen sterben, darunter die Attentäterin und ihr Komplize, ein seit langem gesuchter Terrorist aus der nordkaukasischen Teilrepublik Karatschai-Tscherkessien. Rund 50 Menschen werden verletzt. Die Terrorgruppe Islambuli-Brigaden der Terrororganisation Al-Kaida bekennt sich zu der Tat.

    Februar 2004 in Moskau: Bei einem vermutlich tschetschenischen Selbstmordanschlag in einem voll besetzten Waggon der U-Bahn werden mindestens 40 Fahrgäste getötet. Nach unterschiedlichen Angaben werden zwischen 100 und 230 Menschen verletzt.

    Juni 1996 in Moskau: Auf einer vielbefahrenen Linie explodiert unter einem Sitz eine Bombe. Vier Menschen sterben, weitere zwölf Fahrgäste werden verletzt.

    Juli 1995 in Paris: Algerische Islamisten zünden eine Bombe in einer Untergrundbahn. Acht Menschen werden getötet, mehr als 100 verletzt.

    März 1995 in Tokio: Mitglieder der japanischen Aum-Sekte setzen in mehreren U-Bahn-Waggons das Nervengas Sarin frei. Zwölf Menschen sterben, mehr als 5.300 werden zum Teil schwer verletzt.

    Mai 1994 in Baku (Aserbaidschan): Zwischen zwei Stationen explodiert in einem U-Bahn-Waggon ein Sprengsatz, im Tunnel bricht Feuer aus. Sieben Reisende kommen ums Leben, zehn Menschen werden verletzt.

    März 1994 in Baku: 13 Menschen sterben, als in einem vollbesetzten Zug eine Zeitbombe explodiert. 50 Menschen werden verletzt. Die Behörden vermuten militante Muslime oder Armenier dahinter.

    Jänner 1977 in Moskau: Zwischen zwei Stationen explodiert ein unter einer Sitzbank versteckter Sprengsatz. Für den Mord an sieben Fahrgästen werden drei Armenier 1979 hingerichtet.

    • Präsident Wladimir Putin besuchte am Montag Abend den Anschlagsort.
      foto: ap/lovetsky

      Präsident Wladimir Putin besuchte am Montag Abend den Anschlagsort.

    • Videoaufnahmen der Nachrichtenagentur Interpress zeigen, wie Menschen aus der U-Bahn-Station Sennaja Ploschtschad flüchten.
      foto: alexander nikolayev/interpress/via reuters for editorial use only.

      Videoaufnahmen der Nachrichtenagentur Interpress zeigen, wie Menschen aus der U-Bahn-Station Sennaja Ploschtschad flüchten.

    • Beamte bewachen den Zugang zur Station Technologistschesky Institut.
      foto: afp photo / ruslan shamukov

      Beamte bewachen den Zugang zur Station Technologistschesky Institut.

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