TV-Woche: Oh-oh, winke, winke – Teletubbies, stumme Gefährten

Blog9. April 2017, 09:00
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Dass die Horrorpummelchen aus den Wendejahren wieder auferstehen, ist böse. Aber nicht alles ist zum Fürchten, was diese Woche kommt

Was sagen Ihnen die Worte "oh-oh"? Nichts? Und "winke, winke"? Nada? Dann sind Sie entweder vermutlich lange nach 1998 geboren oder im fernsehfreien Haushalt aufgewachsen. Denn diesen Lauten konnte man sich in jenen letzten Jahren des 20. Jahrhunderts nicht entziehen. Gesprochen, oder sagen wir besser: gepiepst wurden sie von den "Teletubbies", einer BBC-Sendung für Vorschulkinder, was bis dahin absolutes Novum war und zur rasanten Ver-oh-oh-ung der Gesellschaft führte, was keine gute Entwicklung war.

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60 neue Folgen hat die BBC produziert, die erste läuft am Dienstag um 6.50 Uhr auf ORF 1, danach dienstags bis freitags. Wenn Fernsehen Ausdruck seiner Zeit ist, in der es stattfindet, was sagt das dann über unsere Zeit aus? Fragen, nichts als Fragen.

Dienstag, 11. April

Man sieht die Redaktion der Kollegen der ARD richtig vor sich sitzen: 500 Jahre Reformation, wichtiges Datum, guter Mann, zentrale Bedeutung – aber wie sag' ich's meinem Publikum? Speziell dem jungen, das bei der schlichten Erwähnung des Wortes "Geschichte" mit Panikattacken reagiert und reihum Reißaus nimmt. Nächtelang müssen sie getüftelt, alle Möglichkeiten gewälzt haben, bis schließlich daraus die "fiktive Recherchegruppe Luther" geboren war, die sich im TV-Experiment "Die Luther-Matrix" an die Figur des Reformators annähert, zu sehen am Dienstag um 23 Uhr. Wie so oft, wenn die Zielgruppe bedient werden soll, bleibt vieles am Klischee picken. Als Krimi angelegt, recherchiert eine ambitionierte Ermittlertruppe gegen den Whistleblower Carsten von Lupfen (!). Der Hacker ein Nerd, der Polizist ein verhinderter Til Schweiger (Michael Steinocher, neuerdings "Soko Donau"), dazu dumpf vor sich hindämmerndes Ostinato. All das muss man aushalten, um zu einer durchaus abwechslungsreichen Luther-Lektion mit Marek Harloff, Sheri Hagen, Michael Steinocher und einigen sehr hübschen dramaturgischen Ideen vorzudringen.

foto: swr/hans jakobi/dmfilm 2016
Über einen Whistleblower heftet sich Michael Steinocher (rechts) auf Luthers Spuren.

Mittwoch, 12. April

Commissario Brunetti steigt am Mittwoch ins Boot. Die kniffligste Frage bei den Fernsehkrimis nach Donna Leon stellt sich jedes Mal aufs Neue: Wieso reden Uniformierte mit bayerischer Sprachfärbung, während der Commissario lupenreines Hochdeutsch spricht? Die Frage, wie man es schafft, so viel venezianisches Stadtbild einzupacken und trotzdem wie "Der Alte" auszusehen, will ich gar nicht stellen. Kurzum, wer sich am Mittwoch um 20.15 Uhr, ORF 2 Donna Leons 23. Fall, "Tod zwischen den Zeilen" mit Uwe Kockisch, Karl Fischer, Michael Degen und Julia Jüger anschauen will, tut es aus demselben Grund wie Rosamunde Pilcher zu schauen: "Wegen der Landschaft."

foto: orf/degeto/nicolas maas
Zwei echte Italiener: Uwe Kockisch und Karl Fischer in Donna Leons "Tod zwischen den Zeilen".

Donnerstag, 13. April

Der nächste Krimi kommt bestimmt: Fürs Fernsehen hat dieser Satz die Gültigkeit eines Axioms. Laut ARD-Medienforschung werden in den reichweitenstärksten 16 deutschen Fernsehsendern täglich knapp 19 Stunden Kriminalfilme ausgestrahlt. Dieser beeindruckenden (Er-)Schlagzahl fügt die ARD am Donnerstag um 21.45 Uhr einen neuen Fall von "Maria Wern – Kripo Gotland" hinzu. In "Vergeltung" hadert die Ermittlerin mit einem toten Buchhändler und mit sich selbst. In Schweden ist es auch dieses Mal wieder sehr finster. "Falscher Tag für Scherze", sagt Maria Wern und beweist, dass sie böse sind.

foto: ard degeto/warner bros./rebecca moen
Eine Frau muss tun, was sie tun muss.

Freitag, 14. April

Früher war am Karfreitag das Fernsehprogramm zugepflastert mit Bibelfilmen sonder Zahl, Jesus wurde praktisch stündlich gekreuzigt, hymnisch bejubelt jede neue Version dieser Leidensgeschichte. Und, man kann es gar nicht glauben, es gab an dem Tag keine Werbung im ORF! Kaum vorstellbar, denn heute unterscheidet sich das Programm nicht von jedem anderen Tag, im Gegenteil: Freitag, das ist heute all jenen ein Signal, die auf Neues aus dem Streamingparadies warten. Statt Jesus kommt somit in diesem Jahr Chelsea Handler, die schärfste Trump-Kritikerin des Serien-Universums. Netflix hat die Komödiantin unter Vertrag, und auch in der zweiten Staffel ihrer Selbsterfahrungstrips wagt sie sich unter Wölfe.

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Chelseas Erfahrungen mit Airbnb bringen ihr einen Vergleich mit Imelda Marcos ein.

Nicht verschweigen will ich die Rückkehr des wahrscheinlich meistgeprügelten Privatdetektivs der deutschen Serienwelt: Matula kommt für einen Spielfilm. 36 Jahre nach seinem Debüt beweist Claus Theo Gärtner immer noch Steherqualitäten.

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Claus Theo Gärtner und sein Anwaltskumpel Rainer Hunold.

Brüder und Gegner waren "Die Dasslers", beide schufen Weltmarken, sie selbst überwarfen sich auf Lebzeiten. Adi und Rudi Dassler waren Turnschuhgiganten und einander spinnefeind. Hannah Herzsprung hat daraus einen Zweiteiler gemacht, zu sehen 20.15 Uhr in der ARD.

Christian Friedel (links) und Hanno Koffler sind fit wie ein Turnschuh.

Und dann noch ein Relikt aus früherer Fernsehzeit: 1977 fesselte die Serie "Roots" das Fernsehpublikum. Die Geschichte um den 1767 von Sklavenhändlern verschleppten Mandingo-Buben Kunta Kinte war zur Erstausstrahlung ein Straßenfeger. Auf der unendlichen Suche nach Stoff stieß History auf diesen frühen Erfolg und zimmerte sich nach neuen Hochglanzauflagen ein neues Sklavendramaepos, starbesetzt mit den Oscar-Siegern Forest Whitaker und Anna Paquin sowie Golden-Globe-Gewinner Jonathan Rhys Meyers.

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Samstag, 15. April

In Großbritannien steht heute Abend vermutlich alles Kopf: Neue Folgen mit dem Nationalheiligtum "Dr. Who" heben ab, gleichzeitig bedeutet das Abschiednehmen vom zwölften Doktor Peter Capaldi. Über den Nachfolger wird heftig spekuliert, derzeit führt wohl Olivia Coleman ("Broadchurch") die Wettlisten voran. Meinen Segen hat sie, wiewohl ich trotzdem Tilda Swinton für die Idealbesetzung hielte. Nur falls wer fragt.

doctor who

Sonntag, 16. April

Was für ein Festtag: Nach dem Eierpecken wartet die neue Staffel "Leftovers" auf HBO und Sky Go, es wird, so viel darf man verraten, wieder sehr gespenstisch. Die ersten acht Minuten fällt kein Wort, aber dass sie stumm sein und trotzdem viel sagen können, wissen wir ja bereits.

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Das komplette Gegenteil zu den schweigsamen "Leftovers" ist die goschertste aller US-Fernsehpräsidentinnen, Selina Meyer (Julia Louis-Dreyfus), die in der sechsten Staffel von "Veep" mit einer einschneidenden Veränderung umgehen muss. Wie sie das tut, kann man sich ausrechnen: mit vielen, vielen Worten, auf HBO und Sky Go.

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Und zum Abschluss noch der Trailer der Woche, dieses Mal etwas zum Schmachten (vor allem für mich). Netflix verwurstet "Anne auf Green Gables" neu. Die liebreizende Amybeth McNulty schlüpft in die Rolle des kanadischen Waisenmädchens, das in den 1985er-Jahren im Fernsehen schon einmal entzückte. Im Serienreif-Blog durfte ich meine heimliche erste Serienliebe schon einmal gestehen.

netflix us & canada

Schöne Woche, geruhsame Feiertage, frohes Schauen! (Doris Priesching, 9.4.2017)

Hinweis: Die "TV-Woche" greift kommende Höhepunkte in linearem und digitalem Fernsehen auf. Die Auswahl ist subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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