"Ich will nicht wie Trump alle Vorschriften für Banken kippen"

Interview3. April 2017, 10:00
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Raiffeisen-Generalanwalt Walther Rothensteiner sieht die Bundesländer-Ausrichtung als Teil des Erfolgs des Instituts

Walter Rothensteiner, Raiffeisen-Generalanwalt und Exchef der RZB, hält weitere Bankenfusionen im Sektor für entbehrlich. Der Aufsicht in Frankfurt ordnet er "einen klaren Auftrag" zu.

STANDARD: Sie verlassen nach 22 Jahren die Raiffeisen Zentralbank (RZB), genauer gesagt, hat sich die durch die Fusion mit der Raiffeisen Bank International (RBI) aufgelöst. Die Raiffeisenbanker haben sich noch nicht geeinigt, wie die Sektoraufgaben aufgeteilt werden, die bislang die RZB erfüllt hat. Sie hinterlassen eine offene Baustelle?

Rothensteiner: Baustelle kann man nicht sagen, da es die Funktion hier einfach nicht mehr gibt. Also muss man etwas Neues schaffen. Die Gespräche laufen, in zwei Monaten wird das erledigt sein.

STANDARD: Geplant ist eine Genossenschaft für die sektorweiten Dienstleistungen wie Recht, Compliance oder Marketing. Es gibt aber Machtkämpfe: Die Raiffeisen Landesbank (RLB) NÖ Wien ist dagegen, dass RLB-OÖ-Chef Heinrich Schaller Obmann wird.

Rothensteiner: Da halte ich mich raus, ich halte mich auch aus den Sitzungen raus ...

STANDARD: In der letzten waren Sie.

Rothensteiner: In der Vormittagssitzung war ich, in der Nachmittagssitzung dann nicht mehr. Wenn es früher etwas Sektorübergreifendes zu tun gab, war es klar, dass das die RZB macht. Die RBI aber ist ein börsennotiertes Institut mit Streubesitz, muss sich auf ihr Geschäft konzentrieren. Der Sektor muss also entscheiden, wer welche Rolle übernimmt. Das ist halt noch nicht erledigt.

STANDARD: Warum? Die Fusion kam doch nicht plötzlich.

Rothensteiner: Wichtig ist, dass einmal die Fusion klaglos erledigt wurde. Jetzt müssen einmal alle durchatmen.

STANDARD: Beim Streit um die Arbeitsaufteilung zeigt sich ein Machtkampf: Raiffeisen OÖ und Steiermark gegen das einst so mächtige Ostösterreich.

Rothensteiner: Selbstständige, dezentrale Genossenschaften und Organisationen sind eben nicht immer einer Meinung. So what? Die drei großen Landesbanken NÖ, Wien, Oberösterreich und Steiermark halten die Hauptbeteiligung an der RBI, dass ihre Chefs daher eine wichtige Rolle spielen im Sektor ist klar. Aber wir sind Genossenschaften, da müssen alle eine Rolle haben. Das muss man sich halt ausschnapsen.

STANDARD: 2018 endet auch Ihre Funktion als Raiffeisen-Generalanwalt. Ihr Vorgänger Christian Konrad ist schon weg, RBI-Exchef Karl Sevelda geht im Juni. Wie mächtig ist Raiffeisen noch?

Rothensteiner: Bei Raiffeisen wird man immer nach Macht gefragt, da sträuben sich mir die Nackenhaare. Von dem, was Sie Macht nennen, ist ein Teil Netzwerken. Und das betreiben wir alle drei nach wie vor. Raiffeisen bleibt eine starke Organisation im Land. Die funktioniert, wenn viele dabei sind und in ihrem Wirkungsbereich gut arbeiten, und nicht, wenn da einer sitzt, der groß redet.

STANDARD: "Von dir lass ich mich nicht verstaatlichen": Mit diesem Satz an einen Notenbanker hat Raiffeisen-Chef Konrad 2009 sehr klar gemacht, was er von der Bankenbeteiligung des Staates durch PS-Kapital hält. Das Kapital mussten Sie aber trotzdem nehmen.

Rothensteiner: Ja, natürlich haben wir immer unsere Positionen vertreten. Aber es ist halt nicht so, dass etwas nicht stattfindet, weil Raiffeisen Nein sagt; das ist ein Märchen. Aber: G'sagt haben wir's. Und an unserem PS-Kapital hat die Republik verdient.

STANDARD: Sie haben jüngst gemeint, dass Banker seit der Finanzkrise grundsätzlich diskriminiert werden. Glauben Sie das wirklich?

Rothensteiner: Schauen Sie nur, wie sehr die persönlichen Strafrahmen für Banker erhöht wurden, das gibt es in keiner anderen Branche. Irgendwann werden wir kein Personal mehr finden. Ich will nicht wie Trump alle Vorschriften für Banken kippen, vieles an der Regulierung passt ja. Aber zum Teil ist sie überzogen, etwa wenn Bankmanager der Aufsicht in Frankfurt Stundenaufstellungen zu ihren Tätigkeiten in Beteiligungsgesellschaften schicken müssen. Oder, wenn wir ab 2018 Daten aller Kommerzkredite über 25.000 Euro tagesaktuell übermitteln müssen – das sind allein fünf Millionen Kredite bei uns, es gibt aber 140 von der EZB beaufsichtigte Banken in der EU. Was machen die mit den Daten? Statistiken – und das kostet die Institute in Summe dreistellige Millionenbeträge. Ich gebe zu: Vorher war die Aufsicht ein bisserl zu locker, jetzt wird das Geschäft langsam verunmöglicht.

STANDARD: Raiffeisen hat keine Fehler gemacht? Sie selbst sagen, Sie seien im Osten "vielleicht zu schnell gewachsen", die Krise habe Sie dann gebremst. Hätte Sie nicht die Vernunft bremsen sollen? Die RBI hat jahrelang an jedem Wochentag eine Filiale eröffnet.

Rothensteiner: Hätten wir in der Zeit nicht im Osten expandiert, hätten wir es nachher nie wieder tun können. Das war unser Zeitfenster. Ich habe daher Verständnis, dass man mit Risiko hingegangen ist. Und als es uns schlechtging, hatte das nur externe Gründe wie Ukraine-Krieg oder Orbáns Kurs in Ungarn. Verlust haben wir nur einmal, 2014, geschrieben – aber jeder tut, als wäre die RBI eine marode Bank.

STANDARD: Die Bank laboriert aber nach wie vor an notleidenden Krediten (Non Perfoming Loans; NPL), musste ihr Kapital entlasten und massiv schrumpfen.

Rothensteiner: Ja. Ende 2016 hatten wir eine NPL-Rate von 8,74 Prozent (berechnet für die fusionierte Bank; Anm.), davon sind aber drei Viertel bevorsorgt und besichert. Und: Bankgeschäft ist definitionsgemäß mit Risiko verbunden.

STANDARD: Sie waren 44 Jahre bei Raiffeisen. Was in Ihrer Laufbahn hätten Sie besser nicht getan?

Rothensteiner: Ich hätt nicht so viel essen sollen. Sonst bin ich froh und dankbar, dass es so gelaufen ist. Die Krise ist vorbei, die Bank steht auch kapitalmäßig gut da – idealer Zeitpunkt zu gehen. Auch die Aufsicht EZB schläft ruhiger.

STANDARD: Mit den neuen Aufsehern in Frankfurt hatten Sie zunächst kein gutes Einvernehmen?

Rothensteiner: Doch, ich schon. Unsere direkten Supervisoren sind schwer in Ordnung, aber die Aufsicht in der EZB hat halt einen klaren Auftrag. Sie meint, dass es in Europa zu viele Banken gibt.

STANDARD: Apropos. Ex-RBI-Chef Sevelda meint, weitere Zusammenschlüsse wären für Raiffeisen wünschenswert. Was sagen Sie?

Rothensteiner: Ich bin nicht so progressiv. Jetzt ist einmal ein Schritt erfolgt, der Nächste muss sein, dass die Landesbanken gemeinsam weniger Geld ausgeben. Es macht Sinn, dass es in jedem Bundesland Entscheidungsträger gibt. Damit sind wir immer gut gefahren. Wir müssen die Kosten verringern, nicht unsere Identität.

STANDARD: Apropos Identität. Sie lieben Oper, lieben Musik. Was ist das Schöne dran?

Rothensteiner: Dass man beim Zuhören nicht übers Geschäft nachdenkt.

STANDARD: Hätten Sie gern einen Job in der Musikbranche gehabt?

Rothensteiner: Dirigieren gefällt mir. Aber dafür ist es zu spät. (Renate Graber, 3.4.2017)

Walter Rothensteiner (64) war 1995 bis 18. März Chef der Raiffeisen Zentralbank. Er verbrachte sein gesamtes Berufsleben im Sektor, 2012 wurde er Generalanwalt des Raiffeisenverbands, das bleibt er noch bis Mitte 2018. Bis 2015 war er Obmann der Banken-Sparte der Wirtschaftskammer. Als Banker geht der Opernfan nun in Pension.

  • Der langjährige Chef der Raiffeisen Zentralbank, Walter Rothensteiner, meint, dass sich die streitenden Landesbanker die neue Machtverteilung im Sektor bald ausgeschnapst haben werden.
    foto: reuters / heinz-peter bader

    Der langjährige Chef der Raiffeisen Zentralbank, Walter Rothensteiner, meint, dass sich die streitenden Landesbanker die neue Machtverteilung im Sektor bald ausgeschnapst haben werden.

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