Frankreich: Aufruhr nach tödlichen Polizeischüssen auf Chinesen

2. April 2017, 21:29
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Der Tod eines Chinesen sorgt in Paris seit Tagen für Krawalle – und ist auch Thema im Wahlkampf

Shaoyao Liu war in seiner Pariser Wohnung offenbar gerade dabei gewesen, einen Fisch abzuschuppen, als jemand an die Tür polterte. Der 56-jährige Familienvater öffnete und sah sich zwei Polizisten in voller Montur gegenüber. Was danach passierte, ist umstritten. Laut der Tochter hielt ihr Vater nur eine Schere in der Hand, mit der er sich die Mahlzeit zubereitete. Die Polizei behauptete hingegen, er habe damit auf einen der Ordnungshüter eingestochen. Auf jeden Fall eröffnete der andere Beamte das Feuer und verletzte Shaoyao Liu mit Schüssen tödlich.

Die Meldung von seinem Tod verbreitete sich blitzschnell. Im 19. Stadtbezirk von Paris, wo die chinesische Familie wohnt, kam es noch am Montagabend, dem 27. März, zu einem Volksauflauf, gefolgt von heftigen Ausschreitungen mit Brandstiftung und Angriffen auf die angerückte Bereitschaftspolizei. In den Tagen danach beruhigte sich die Lage kaum. Mehrere hundert Demonstranten vor allem asiatischer Herkunft riefen in Sprechchören "Polizisten, Mörder" und verlangten "Gerechtigkeit und Sicherheit".

Immer wieder Behördenübergriffe

Die chinesische Gemeinschaft Frankreichs, mit schätzungsweise 700.000 Vertretern die größte in Europa und nicht als polizeifeindlich bekannt, spricht von einer "bavure", einem Schnitzer oder Fehler der Polizei. Im aktuellen Ausnahmerecht, dass in Frankreich seit den Terroranschlägen von 2015 weiterhin gilt, kommt es immer wieder zu Behördenübergriffen. Im Februar war ein junger Schwarzer in der Pariser Banlieue mit einem Polizeischlagstock brutal misshandelt worden, was zu Demonstrationen und teils schweren Krawallen führte.

Das allgemeine Gefühl der Unsicherheit fernöstlicher Immigranten rührt auch von einem anderen Gewaltakt her: Im vergangenen Herbst war ein chinesischer Näher im Norden von Paris von drei später verhafteten Kleinkriminellen zu Tode geschlagen worden. Der neue Todesfall verstärkt das Gefühl eines verdeckten antichinesischen Rassismus in Frankreich.

In Peking berichten die Medien ausführlich über die Lage ihrer Landsleute in Paris. Am Mittwoch wurde in Shanghai ein junger Franzose von einem Chinesen angegriffen und mit einem Messer am Hals verletzt. Die Pariser Behörden, die nicht zuletzt negative Folgen für den Reisetourismus aus China befürchten, ließen verlauten, die Sicherheit der chinesischen Bürger stellten für sie "eine Priorität" dar. Der Pariser Polizeipräfekt empfing am Samstag den Botschafter Chinas sowie Vertreter chinesischer Vereine in Frankreich und drückte ihnen ihr Mitgefühl aus. In einem Communiqué hielt er indessen fest, die Polizei sei durch Nachbarn gerufen worden und der Verstorbene haben einen Ordnungshüter verletzt.

Macron empfing Delegation

Am Sonntag gingen in Paris Tausende auf die Strasse, um für das Gedenken Shaoyao Lius zu demonstrieren. Die Affäre erhielt auch sonst eine politische Note, als bekannt wurde, dass der parteilose Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron die chinesische Diaspora empfangen hatte. Angesichts der umstrittenen Polizeirolle und des geltenden Terrornotrechts wollte der – ausländischen Zuwanderern günstig gesinnte – Wahlfavorit seine Publicity offenbar auf die betroffene Gemeinschaft beschränken, veröffentlichte er doch weder Fotos noch Communiqué. Da unter der Delegation auch chinesische Journalisten waren, kam das Treffen aber ans Tageslicht. Auch identifizierten diese Journalisten einen Teilnehmer als einen gewissen Jacques Sun, der laut dem französischen Geheimdienst DGSI ein Agent Pekings sein soll.

Die Zeitung "Le Parisien" berichtete ihrerseits, die Krawalle seien von Drahtziehern aus dem Umfeld der chinesischen Mafia oder Geheimdienste angestiftet worden. Macrons Entourage ließ daraufhin verlauten, man sei über Suns Identität auf dem Laufenden gewesen. Trotzdem bleibt in der Öffentlichkeit der Eindruck zurück, dass der Kandidat in dieser politisch überaus heiklen Affäre, in der das Polizeiverhalten ungeklärt bleibt, unvorsichtig gehandelt habe. Das Außenministerium in Peking verlangt seinerseits "raschestmögliche Aufklärung". (Stefan Brändle aus Paris, 2.4.2017)


  • Zahlreiche Menschen, viele asiatischer Abstammung, nahmen auch am Sonntag an einer Kundgebung in Paris teil. Im Vordergrund ist die Witwe des Anfang vergangener Woche von der Polizei erschossenen Familienvaters zu sehen.
    foto: afp / benjamin cremel

    Zahlreiche Menschen, viele asiatischer Abstammung, nahmen auch am Sonntag an einer Kundgebung in Paris teil. Im Vordergrund ist die Witwe des Anfang vergangener Woche von der Polizei erschossenen Familienvaters zu sehen.

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