Politische Überläufer und parlamentarische Beuteprojekte

31. März 2017, 14:16
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Seitenwechsel führen derzeit meist zur ÖVP – Team Stronach verdankt Gründung Politswingern

Wien – Diesmal hat es die Neos getroffen. Einer ihrer Abgeordneten, Christoph Vavrik, wollte nicht nur seinen Hut nehmen und die pinke Fraktion im Parlament verlassen, nachdem er auf Facebook durch befremdliche Sätze zur Homosexualität auffällig geworden war (er sprach angesichts der ersten Adoption durch ein homosexuelles Paar von "gesellschaftlichen Abartigkeiten"), nein, Vavrik nahm am Donnerstag sein Nationalratsmandat mit – und brachte es der ÖVP als Gastgeschenk.

foto: apa/hochmuth/techt/neubauer/pfarrhofer/neumayr
Christoph Vavrik, zuerst Neos, jetzt ÖVP. Monika Lindner, Kandidatin auf der Liste Stronach, 33 Tage "wild" im Parlament, danach Rücktritt. Georg Vetter, Team Stronach, jetzt ÖVP. Kathrin Nachbaur, Team Stronach, jetzt ÖVP. Rouven Ertlschweiger, Team Stronach, jetzt ÖVP. Rupert Doppler, FPÖ, seit Juni 2015 "wild". Susanne Winter, FPÖ, jetzt "Wilde". Marcus Franz, Team Stronach, dann ÖVP, jetzt "wild". Gerhard Schmid, FPÖ, seit Juni 2015 "wild". Jessi Lintl, Team Stronach, kurz "wild", jetzt FPÖ.

Im schwarzen Klub findet der politische Überläufer zumindest bis zur Nationalratswahl Unterschlupf. Den Neos, deren Wahlliste das Gründungsmitglied Vavrik seinen Parlamentssitz und aktuell 8.755,76 Euro Monatsgehalt zu verdanken hat, bleiben nach diesem Mandatstransfer noch acht Stimmen.

Der schwarze Parlamentsklub wiederum hat seit Anfang Juni 2015 insgesamt fünf "Beuteabgeordnete" eingeheimst (vier davon blieben) und ist damit nach der Wahl ohne Wahl bis auf ein Mandat an die SPÖ (52) herangekommen. Klubchef Reinhold Lopatka dirigiert jetzt 51 Fraktionsmitglieder und ist aktuell der erfolgreichste Überläufersammler im Hohen Haus. Wäre ihm inzwischen nicht ein Gastabgeordneter (Marcus Franz) aus fremder Fraktion (Team Stronach) wieder abhandengekommen, lägen Rot und Schwarz stimmenmäßig gleichauf.

Tritt ein, bring Geld herein

Franz, ebenfalls mit recht eigentümlichen Ansichten zu Homosexualität ("amoralisch" und "genetische Anomalie") sowie eigenwilligen Thesen zum Reproduktionsneid der deutschen Kanzlerin aufgefallen (Angela Merkel würde als "metaphorische 'Mutti' des Staates" ihre Kinderlosigkeit durch die Willkommenspolitik für "viele, viele junge Migranten wieder gutmachen" wollen, postete der Arzt auf Facebook), fand ebenso Unterschlupf in Lopatkas Parlamentsklub wie der Rechtsanwalt Georg Vetter. Beide fragten an und wurden mit offenen Armen empfangen. Dass beide auch mehr Geld für den Klub der Schwarzen bedeuteten, darf unter erwünschte Nebenwirkung verbucht werden.

Nach seiner Merkel-Interpretationen verließ Franz, der nie ÖVP-Mitglied war, den schwarzen Klub und sitzt nun als fraktionsfreier oder "wilder" Abgeordneter im Parlament.

Die zwei Monate nach ihm und Vetter an Bord des ÖVP-Klubs gekommenen Team-Stronach-Abtrünnigen Kathrin Nachbaur und Rouven Ertlschweiger dienen hingegen bislang unauffällig.

"Wilde" Existenzen im Hohen Haus

Schwarz-Blau-Mehrheitsbastlermastermind Lopatka hätte auch noch gern Jessi Lintl vom Team Stronach (davor war sie bei der VP Wien) zu sich geholt, die aber zog die "wilde" Existenz im Parlament vor – zumindest vier Monate und elf Tage, eh sie sich einen Tag vor Weihnachten 2015 der FPÖ als Zusatzstimme anbot. Im selben Jahr haben die Blauen (38 Mandate) jedoch durch Parteiausschluss drei Sitze verloren – und dem Nationalrat drei "Wilde" beschert: Rupert Doppler, Gerhard Schmid, Susanne Winter.

Rein quantitativ, nur eben ohne nachhaltige Langzeitwirkung, war das von Frank Stronach gegründete Team das politisch erfolgreichste Crowdfunding-Modell mit Humankapitaleinsatz. Denn im Herbst 2012 verhalfen sechs Seitenwechsler (fünf aus FPÖ/BZÖ-Milieu beziehungsweise akut "wild" und ein SPÖler) dem finanzpotenten Parteigründer aus dem Stand zum Klubstatus (fünf hätten gereicht).

Deine Liste, mein Mandat

Bei der Wahl 2013 lieferte das Team Stronach dann noch ein Kuriosum: Ex-ORF-Generalin Monika Lindner distanzierte sich noch vor der Wahl von ihrer Wahlliste. Das gewonnene Mandat nahm sie aber an und amtierte exakt 33 Tage als "wilde" Abgeordnete.

Immerhin, als Lindner ging, fiel der Sitz wieder an das Team Stronach, das damit sein Allzeithoch mit elf Abgeordneten hatte – bis Sommer 2015, als die ÖVP-Lockrufe auf wechselwillige Adressaten trafen.

Churchill swingte viermal

Ein Pendelschlag zurück ist für das Team Stronach angesichts der Umfragen eher nicht zu erwarten. Wenngleich es für einen politischen Kreistanz ein prominentes Beispiel gibt: Winston Churchill, legendärer britischer Premierminister und späterer Nobelpreisträger, absolvierte gleich vier Seitenwechsel an drei verschiedene Ufer: Er war zuerst Konservativer, wechselte dann zu den Liberalen, kandidierte später als Unabhängiger, wurde wieder liberal, um schlussendlich dort anzukommen, wo alles angefangen hatte, bei seiner Erstpartei, den Konservativen. (Lisa Nimmervoll, 31.3.2017)

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