"Parsifal"-Premiere: Schädelbohrungen im Spital der Erlösung

31. März 2017, 17:04
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Regisseur Alvis Hermanis verlegt die Gralsritter auf die Baumgartner Höhe. Seine Gedankenspielerei bleibt konzeptuell jedoch etwas unentschlossen. Applaus für die guten Sänger, Buhs für Dirigent und Regisseur

Wien – Hoch oben, auf der Baumgartner Höhe, ordinieren zwei Wagner-Fans, beseelt von der Heilkraft der Musik. Doktor Gurnemanz ist der Psychoanalyse, der Spiritualität wie der Opernfamilienaufstellung zugeneigt. Dies hindert ihn allerdings nicht daran, Kundry, die ihm offensichtlich vertraut, im Käfig schlafen zu lassen. Die Moderne und die Wissenschaft von der Seele tragen noch Vorurteile mit sich.

Kollege und Konkurrent Klingsor jedenfalls, der im ersten Akt vorbeikommt, um Kundry samt Käfig abzuholen, forscht eher noch brutaler in der Pathologie. Zwar steht dort Freuds Analysecouch für Kundry bereit. Den Medikus, der sich auch auf Hypnose versteht, treibt jedoch ein dunkler Ehrgeiz, der mit der Erforschung des Unbewussten nichts gemein hat.

Er drängt ihn, naturgesetzliche Fakten zu pulverisieren: Mit der Kälte eines Besessenen sucht dieser Doktor Frankenstein so etwas wie die Formel für das ewige Leben. Er betreibt mit Elektroschocks und Schädelbohrungen die Wiederbelebung von Toten.

Irgendwo in diesem Gruselambiente liegt auch Parsifals Mutter, deren Leiche zu begegnen dem reinen Toren in Klingsors Kammer des Schreckens später vergönnt sein wird.

Starke psychologische Details

Es finden sich in der Inszenierung von Regisseur und Bühnenbildner Alvis Hermanis also Ideen und starke psychologische Details, Momente, in denen die Figurengestaltung hochdramatisch abhebt: Wie Kundry – im ersten Akt – leidgebeutelt und schuldbeladen herumtobt, um am Erlösungsschluss überraschend Parsifals Rolle einzunehmen, ist erfrischend. (Nina Stemme punktet mit hochdramatischer Intensität).

Zudem: Wie bedeutungsvoll Parsifals Blick schon zu Beginn auf Kundry fällt oder wie packend der grandios singende Gerald Finley Amfortas' Leiden (er wurde von Klingsor angebohrt, daher Kopfwunde) umsetzt, ist hochambitioniertes, geglücktes Musiktheater. Hermanis' Flug übers Wagner-Nest umgibt dann aber zu oft das Flair einer nicht konsequent durchgeführten Idee: Die Verlegung ins Otto-Wagner-Spital wird zwar zur reizvollen Raumpointe. Jugendstilelemente mit ihrer verschnörkelten Pracht können sich präsentieren, die Altarkuppel der Otto-Wagner-Kirche schwebt wie ein Luster von der Decke herab. Das Spiel mit Zeiten, Räumen und Stilen mutet jedoch letztlich zu oft nur dekorativ an. Die Verlegung der Erlösungsgeschichte in die Spitalssphäre bleibt inhaltlich unbegründet.

Neben der versenkten statischen Verführungsszene (vor dem Kundry-Kuss klangen die Blumenmädchen etwas unausgewogen) wiegt vor allem der Schuss schwer: Er führt das Patientenrollenspiel mit Wagner halbherzig zu Ende, das Werk wirkt da nur oberflächlich in das gewählte Milieu implantiert.

Gut gesungen, durchaus

Es bleibt jedoch immerhin die Erkenntnis, dass an der Staatsoper wieder einmal etwas gewagt wurde und dass es im vokalen Bereich Beachtliches, dem Abend Glanz Verleihendes zu hören gab: Einspringer René Pape, der kurzfristig Hans-Peter König ersetzte, war ein durchdringender, eloquenter Gurnemanz, Jochen Schmeckenbecher wirkt (als Klingsor) souverän, und Jongmin Park tönte (als Titurel) klar. Imposant auch die Chorpassagen, respektabel und mit schlanker Stimme ist Christopher Ventris (Parsifal) unterwegs, bei dem in den letzten Momenten die Kräfte nachließen.

Dirigent Semyon Bychkov und das Staatsopernorchester gingen es im ersten Akt gar behutsam und langsam an, was die Spannung abfallen ließ. Danach aber ergaben sich elastische Momente glühender Orchesterekstatik wie auch Stellen, an denen der Klangzauber und die farblichen Transformationen von Strukturen berückten. Bychkov neigt mitunter der süffig-süßen Linienbehandlung zu und weniger der kühlen Schönheit des Flächigen. In Summe aber eine tolle Leistung, die leider einige Buhs nach sich zog.

Den Hauptteil des akustischen Unmuts hob sich ein signifikanter Teil des Publikums jedoch für Hermanis auf. (Ljubiša Tošić, 31.3.2017)

  • Den Parsifal gibt Christopher Ventris.
    wiener staatsoper gmbh / michael pöhn

    Den Parsifal gibt Christopher Ventris.

  • Parsifal (Christopher Ventris, Mi.) trifft auf den bösen Doktor Klingsor (Jochen Schmeckenbecher), der die hypnotisierte Kundry (Nina Stemme) zwecks Verführung auf Parsifal loslassen will.
    foto: pöhn

    Parsifal (Christopher Ventris, Mi.) trifft auf den bösen Doktor Klingsor (Jochen Schmeckenbecher), der die hypnotisierte Kundry (Nina Stemme) zwecks Verführung auf Parsifal loslassen will.

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