Koalitionswaxing

Kolumne30. März 2017, 16:26
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In der Beauty Bar der Republik soll am Koalitionspartner kein gutes Haar erhalten bleiben

Der Aufstieg Österreichs von einer Heimat großer Töchtersöhne in ein patriotisches Intimwaxfigurenkabinett scheint nicht mehr aufzuhalten. Wo Schamhaare möglichst ungehindert von Arbeitnehmerschutzbestimmungen fallen sollen, will die Politik nicht länger mit der gewohnheitsmäßigen Schamhaftigkeit belastet werden, die rot-schwarze Koalitionen unabhängig von den gebotenen Leistungen immer wieder von einer Wahl zur nächsten zusammenfinden ließ. Jetzt wird gewaxt auf Gegenseitigkeit, möglichst bis zur totalen Entblößung des anderen, und das unter Umständen, die man in jeder Beauty Bar – Arbeitsinspektor hin, Vizekanzler her – um jeden Preis vermeiden will, nämlich bei weit geöffneter Auslage.

Und eben darauf kommt es an. Anders als an Orten, wo man die geschäftliche Intimsphäre vor Totalüberwachung durch das Arbeitsinspektorat und die menschliche durch Blickschutz wahren will, soll in der Beauty Bar der Republik am Partner kein gutes Haar erhalten bleiben, und wenn dafür brutal gerupft werden muss. Denn sieht man auch keinen Grund, vom Wahltermin Herbst 2018 abzugehen, kann es ebenso gut der Herbst 2017 sein, würde nur ein Koalitionär sich selber so weit entblößen, ihn einzufordern. Für diesen lustvoll-schmerzlichen, aber eben schwer vorhersagbaren Moment gilt es gerüstet zu sein, und es war ja nicht zuletzt dieses "Allzeit bereit, wenn man uns zwingt", das den Wirtschaftsminister veranlasste, die ihm zufallende Rolle in der Waxing-Schmiere "Die Schöne und das Biest" lautstark einzufordern; immerhin ist er als oberste Behörde für die Einhaltung der Regeln verantwortlich, die er sich – vorwahlbedingt unter Gelöbnis der Besserung – als skandalös an den Kopf werfen lassen musste.

Sollte er wirklich Änderungsabsichten haben, könnten sie unter das Deregulierungsgrundsätzegesetz 2017 fallen, mit dem die Regierung nun das in einem völlig anderen Geist beschlossene, aber offensichtlich nicht dauerhaft deregulierend wirkende Deregulierungsgesetz 2001 dereguliert – ein Zeichen ersprießlicher Regierungsarbeit gegen jeden Pessimismus, auch wenn es nicht einmal in der Koalition von allen so verstanden wird.

Deshalb wird unter Epilation aller Reste von Schamgefühl nun auch erbittert gestritten, wo es besonders darauf ankommt, sich zu profilieren, nämlich dort, wo der Verdacht unterdrückt werden soll, man sei ohnehin gleicher Meinung, wie etwa bei der Relocation von Flüchtlingen. Die Bedeutung des Falles wurde von Michael Häupl mit der Bemerkung dimensioniert, die fünfzig Jugendlichen aus Italien bringe er in Ottakring unter. Weder Kern noch Sobotka wollen sie aufnehmen, aber während der Innenminister, der mit seinen Vorschlägen Verfassungsrechtlern gelegentlich die Haare zu Berge stehen lässt, justament auf Vertragstreue gegenüber der EU besteht, will der Kanzler – Österreich zuerst – justament aus dem Vertrag ausscheiden. Was Sobotka begrüßt, denn nach rechts lassen er und seine Partei sich nicht gern übertreffen.

Im Vergleich zum koalitionären Intim-Waxing ist jede Beauty Bar eine Stätte arbeitsrechtlicher Seriosität. (Günter Traxler, 30.3.2017)

Weitere Kommentare von Günter Traxler lesen sie hier.

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