Achtziger-Hysterie: Thomas Anders in den USA

Video31. März 2017, 07:00
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Der Ex-Modern-Talking-Sänger füllt noch immer Konzertsäle – auch wegen der Nostalgie von Migranten

Postkartenschöne Bilder aus San Francisco flimmern über die Bühne, die Golden Gate Bridge, steile Straßen, alte Straßenbahnen. Er wolle die Leute auf eine Reise nach Kalifornien mitnehmen, hatte Thomas Anders das Lied angekündigt, "Der beste Tag meines Lebens", einen neuen Titel. Die Leute aber wollen etwas anderes, sie wollen Schnulzen aus den Achtzigerjahren. Wann immer der Sänger ansagt, dass als Nächstes ein solches Lied folgt, "a song from the eighties!", bricht ein Jubel los.

Der Schauplatz: die Constitution Hall, eine altehrwürdige Halle schräg gegenüber vom Weißen Haus. Das Publikum: Ukrainer, Russen, Letten, Litauer, Vietnamesen, Amerikaner mit Wurzeln in diesen Ländern, um genauer zu sein. Anders singt vor den Kindern von Auswanderern, die es nach dem Ende des Kalten Krieges zum früheren Klassenfeind verschlagen hat – und vor den Auswanderern selbst. Jedenfalls ist Russisch die Sprache, die das Stimmengewirr im Foyer und an den Weintheken der Constitution Hall prägt.

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Thomas Anders' Auftritt in Washington D.C.

Um das Phänomen zu erklären, sagt Lutz-Rainer Seidel, müsse er mit dem Kalten Krieg beginnen. Seidel, der aus Dresden stammt, sitzt neben Anders, der mit bürgerlichem Namen Bernd Weidung heißt, in einem Restaurant an der K Street. Während der sonnengebräunte Sänger in kleiner Runde davon erzählt, wie er im Alter von sechs Jahren seinen ersten Auftritt in einem Schützenverein hatte, als Gage belohnt mit einem Sackerl Chips und einer Schokolade, erzählt sein Impresario von einer Tagung des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe.

Amtlicher Segen

Auf der sei irgendwann Mitte der Achtzigerjahre beschlossen worden, Schallplatten mit Liedern von Modern Talking zu pressen. Es war der amtliche Segen für eine Musik, an der die Funktionäre nichts Subversives entdecken konnten. "Musikalisch wollte man Friede, Freude, Eierkuchen", erinnert sich Seidel, "und seien wir ehrlich, Modern Talking rief ja nun nicht gerade zur Revolution auf." So kam es, dass Thomas Anders und Dieter Bohlen östlich der Elbe auf Hunderttausenden von Platten zu hören waren, auf manchen offiziell und sehr vielen offenbar schwarz gepressten. Bis nach Hanoi und Kamtschatka, sagt Seidel, aber auch im Iran.

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Das neue Lied "Der beste Tag meines Lebens" kam nicht so gut an.

Vor ein paar Jahren war es dann ein aus Teheran stammender Armenier, der sich bei dem Manager meldete. Der Mann lebte inzwischen in Los Angeles. Er organisierte Anders' Konzertstart in den USA. Seidel wollte erst nicht daran glauben, aber dann wurde es – dank der Migrantengemeinde – ein Erfolg. Der Premiere des Jahres 2015 folgten in diesem März ausverkaufte Auftritte in Washington, Boston und Seattle.

You're My Heart, You're My Soul, Brother Louie, Cheri, Cheri Lady: Die alten Lieder haben die Constitution Hall in eine Disco verwandelt. Je länger Anders singt, umso ausgelassener tanzt das vornehmlich weibliche Publikum. Die Musik, erklärt Seidel den Jubel, erinnere die Ukrainer, Russen, Letten an ihre Familienfeiern. Es sei wie mit einem ebenso alten wie fernen Bekannten, den man endlich einmal aus der Nähe sehe. (Frank Herrmann aus Washington, 31.3.2017)

  • Thomas Anders sorgt noch immer für Jubel – auch in den Staaten.
    foto: apa/epa/csaba krizsan

    Thomas Anders sorgt noch immer für Jubel – auch in den Staaten.

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