Warum Listen à la "Zehn Dinge, die erfolgreich machen" Blödsinn sind

31. März 2017, 14:18
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Sie sind zwar meistens ganz unterhaltsam, führen aber in die Irre: Listen mit Tipps von erfolgreichen Leuten. Dafür gibt es mehrere Gründe

Wenn es doch nur so einfach wäre: "Sieben Dinge, die erfolgreiche Menschen ganz anders machen", oder noch besser: "Emotional intelligente Menschen benutzen nur einen einzigen Trick, um extrem erfolgreich zu werden" – so heißen nur zwei von einigen im März verfassten Listen auf "Business Insider". Tag für Tag werden zig neue Listen verfasst – und auch geklickt, gelesen und geteilt, denn eigentlich ist es doch ganz interessant, welche Morgenroutine Obama zum Erfolg verhilft oder um welche Uhrzeit Topmanager aufstehen, oder?

Dass das Erfüllen dieser Handlungsanleitungen nicht unbedingt Erfolg verspricht, liegt auf der Hand. Laut Analyse im "Harvard Business Review" ist es aber nicht nur wenig zielführend, diese Tipps zu verfolgen, es könnte sogar zu negativen Auswirkungen kommen, weil plötzlich Verhaltensweisen an den Tag gelegt werden, die überhaupt nicht zum Umfeld und der eigenen Person passen. Ein simples Beispiel: Wer es einer Handvoll CEOs nachmachen will und den Tag um fünf Uhr starten möchte, obwohl er oder sie aber abends viel produktiver ist als in der Früh, wird sich damit nichts Gutes tun.

Was kommt zuerst: Erfolg oder Strategie?

Ein Grund dafür: Ein Großteil der Listen hat anekdotischen Charakter. Die Erfolgsgeschichten basieren meist auf einer subjektiven Interpretation persönlicher Geschichten und nur äußerst selten auf einer systematischen oder wissenschaftlichen Analyse. Was daraus resultiert, ist, dass Ursache und Folge häufig vermischt werden. Ist jemand erfolgreich, weil er oder sie den Großteil der Zeit im Home-Office arbeitet, oder ist das nur möglich, weil die Person erfolgreich ist? Für viele Dinge, die erfolgreiche Menschen offenbar teilen, gilt wohl eher Letzteres: sich nicht darum scheren, was andere über die eigene Person oder die eigenen Ideen denken, in nicht zu vielen Meetings sitzen, oft Nein zu Aufgaben sagen oder genug Quality-Time mit der Familie verbringen und eine Stunde jeden Tag meditieren.

Ein weiterer wichtiger Grund dafür, warum diese Listen oft blödsinnig sind, ist der nicht beachtete Kontext. Deutlich wird dies am bereits genannten Beispiel mit dem frühen Aufstehen. Viele Tipps, selbst die auf wissenschaftlichen Studien basierenden, funktionieren eben nur in bestimmten Settings. Genauso komplex wie das Problem ("Wie werde ich erfolgreich") sind dann auch Lösungen und Umsetzungsstrategien. Da diese nicht in eine provokant betitelte Erfolgsstory passen, bleiben sie eben unerwähnt.

Misserfolge werden vergessen

Was ist eigentlich mit all jenen, die auf dem Weg zum Erfolg steckengeblieben sind? Für die Success-Storys spielen ihre Erfahrungen jedenfalls keine Rolle. Auch das ist nicht unproblematisch, denn ihre Abwesenheit führt dazu, dass manchen Erfolgsfaktoren zu viel Gewicht verliehen wird. In der Sozialwissenschaft ist dieses Phänomen als "Survivorship Bias" bekannt – eine statistische Stichprobenverzerrung.

Die Geschichte dazu: Englische Ingenieure interessierten sich im Zweiten Weltkrieg dafür, welche Panzerung ihre Flugzeuge verbessert und somit für eine höhere Überlebensrate unter Piloten sorgt. Zunächst wurde die Panzerung der zurückgekehrten Maschinen an jenen Stellen verstärkt, wo es die meisten Einschusslöcher gab. Die Überlebensrate verbesserte sich dadurch aber nicht. Der Mathematiker Abraham Wald soll den Irrtum dann erkannt haben: Man müsse die Flugzeuge stärker dort panzern, wo sie nur geringfügige Einschusslöcher aufwiesen, da die Treffer an diesen Stellen offensichtlich zum Absturz führten.

Im "Harvard Business Review" wird deswegen dazu aufgerufen, viel stärker auf die Grundrate zu achten: Wie viele Menschen, Ideen oder Organisationen sind ins Rennen gegangen und wollten erfolgreich sein? Wie viele waren dies schlussendlich auch? Je größer der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen sei, desto weniger wert sei irgendein spezifischer Rat.

Der Faktor Glück

Beim nächsten Klick auf die Storys zum garantierten Erfolg ist es nicht schlecht, diese Infos im Hinterkopf zu haben. Dabei wurde die viel komplexere Frage, nämlich was Erfolg eigentlich ist und wie man ihn messen kann, an dieser Stelle noch gar nicht diskutiert. Was die Relativierungen bezüglich der Erfolgslisten allerdings nahelegt, ist, dass der Faktor Glück eine wesentliche Rolle spielt. Diesen zu quantifizieren ist nicht leicht, wurde aber bereits mehrere Male versucht. Manche geben das auch ganz offen zu. So soll Bill Gates zum Beispiel einmal gesagt haben: "Eine unglaublich glückliche Verkettung von Umständen führte dazu, dass ich näher an der Entwicklung von Software dran war als irgendjemand anderer zu der Zeit." (lhag, 30.3.2017)

  • Wird auch oft in Listen, die Erfolg versprechen, zitiert: Facebook-Gründer Marc Zuckerberg.
    foto: afp/money sharma

    Wird auch oft in Listen, die Erfolg versprechen, zitiert: Facebook-Gründer Marc Zuckerberg.

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