Eltern oder Kinderlose: Wer lebt besser?

Blog2. April 2017, 08:00
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Ewig tobt die Auseinandersetzung zwischen Eltern und Kinderlosen. Wenig Verständnis füreinander, gegenseitige Anwürfe und Unterstellungen. Ein Dilemma in 45 Punkten

1. Kinderlose Paare können Sex haben, wann immer sie wollen.
2. Eltern nur dann, wenn gerade kein Kind was von ihnen will. Oder die Kinder fernsehen.
3. Kinderlose Paare haben viel mehr Geld zur Verfügung, obwohl sie keine Leistung aus dem Familienlastenausgleichsfonds (Flaf) bekommen.
4. Eltern erhalten zwar eine Leistung aus dem Flaf, trotzdem reicht das Geld fast nie. Zumindest nicht für Sachen, die Eltern manchmal unvernünftigerweise gerne hätten. Wie eine Skitourenausrüstung oder eine Karibik-Rundreise.
5. Kinderlose verstehen Kinder meist nicht. Ja, das ist wirklich so, auch wenn sie es glauben, sie verstehen Kinder oft einfach nicht.
6. Eltern nerven, wenn sie nur über ihre Kinder reden können.
7. Kinderlose nerven, wenn sie nicht verstehen, dass für Eltern Kinder immer an erster Stelle stehen.
8. Eltern haben jede Minute an jedem Tag etwas zu tun,
9. Kinderlose haben manchmal dazwischen frei.
10. Kinderlose haben mehr Hobbys,
11. Eltern weniger.
12. Kinderlose wissen, welche Filme gerade angesagt sind und welche Theaterstücke man besuchen sollte.
13. Eltern kennen den Unterschied zwischen Osanit und Osa.
14. Kinderlose sind meist glücklich mit ihrem Partner/ihrer Partnerin.
15. Eltern meistens auch.
16. Kinderlose haben Paarbeziehungen, um die sie sich mehr kümmern können.
17. Eltern hoffen, dass die eigene Beziehung so lange überlebt, bis die Kinder groß sind.
18. Eltern beneiden Kinderlose manchmal um ihr selbstbestimmtes Leben.
19. Kinderlose beneiden Eltern manchmal.
20. Kinderlose verstehen diese besondere Form der Liebe zu Kindern nicht, weil sie sie nicht kennengelernt haben.
21. Eltern verstehen nicht, dass man sich auch zu zweit oder auch allein echt genug sein kann.
22. Eltern haben Sorgen um ihre Kinder. Und das hört nie auf.
23. Kinderlose kennen diese Form der Kindessorge nicht, dafür haben sie andere Sorgen.
24. Eltern sind glücklich, wenn ihre Kinder es sind.
25. Kinderlose sind auch meistens glücklich.
26. Eltern und Kinderlose tun sich mit zunehmendem Alter immer schwerer miteinander, weil die einen dann nur über die Enkel reden, während die anderen immer festgefahrener in ihren Ansichten werden.
27. Eltern hassen Kinderlose, die alles besser wissen.
28. Kinderlose hassen Eltern, deren Nachwuchs im teuren Restaurant vom Nebentisch rüberkreischt und mit dem Schnitzerl wirft.
29. Eltern finden meist rasch einen Draht zu fremden Kindern.
30. Kinderlose sprechen Kinder manchmal komisch an und wundern sich dann, warum Kinder komisch auf sie reagieren.
31. Eltern schämen sich manchmal in den perfekt geputzten Wohnungen von Kinderlosen, wenn der Nachwuchs alles verwüstet.
32. Kinderlose laden Eltern mit Kleinkindern manchmal nicht mehr zu sich nach Hause ein.
33. Eltern haben es besser.
34. Kinderlose haben es besser.
35. Eltern sind glücklicher.
36. Kinderlose sind glücklicher.
37. Ganz ehrlich: Jeder und jede möge den eigenen Lebensentwurf wählen, jeder und jede möge mit diesem Entwurf glücklich sein. Es gibt kein Besser und kein Schlechter, so wie bei fast allen Dingen im Leben.
38. Bis auf eine klitzekleine Kleinigkeit.
39. Die ich hier nur erwähnen möchte, weil ich sie wirklich schon oft beobachten durfte.
40. Ich mag Menschen, die sich selbst reflektieren. Menschen, die ihre eigenen Handlungen und ihr soziales, politisches und gesellschaftliches Umfeld kritisch hinterfragen. Diese Menschen treffen oft tragfähige und gute Entscheidungen, für sich selbst, für ihr Umfeld, im Job, überall. Und sie sind meist lustig und lieb, weil sie sich selbst nicht immer allzu ernst nehmen. Und nicht nur über andere, sondern auch über sich selbst lachen können. (Ich mag Lachen sehr gerne.)
41. Diese Menschen haben manchmal Kinder, manchmal nicht.
42. Eltern haben es, glaube ich, aber leichter, solche Menschen zu werden, denn die klitzekleine Kleinigkeit, die ich jeden Tag erlebe, die macht für mich – neben vielen anderen Dingen natürlich – die Größe, den Wert, die Großartigkeit von Kindern aus: Kinder animieren mich dazu, kritisch zu sein – mir selbst und meinem Umfeld gegenüber. Weil Kinder mich kritisieren, mich permanent hinterfragen. Nicht wenn sie Nein sagen im Trotzalter. Nicht wenn sie mir sagen, dass ich so blöd und gemein bin, weil sie mit 13 nicht zur Party vom Hansi dürfen, weil ich genau weiß, dass es die Party nicht gibt, und ich auch weiß, was der 16-jährige Hansi will. (Und seine Eltern auf Urlaub sind.) Nein, meine Kinder, die argumentieren, die zeigen mir ihre Weltsicht, die lassen mich nicht stehen bleiben. Kinder sind nicht formbar, Kinder sagen Nein. Kinder lieben uns, aber sie schreien uns mitunter auch an. Sie haben vielleicht meist nicht recht mit der Schreierei, aber sie tun es trotzdem. Wir Eltern haben auch nicht immer recht, obwohl wir das supercool fänden. Kinder zwingen uns, uns immer weiterzuentwickeln. Und das ist sehr gut so. Und Kinder lassen nicht zu, dass wir festgefahren werden oder überheblich. Und sie zeigen uns, dass wir anderen Menschen nie unsere Meinung aufzwingen können. Wenn sie zum Beispiel dann doch einen Weg finden, zu Hansi zu gelangen. Und dann weinend nach Hause kommen. Oder vielleicht auch glücklich, weil es superschön war mit dem Hansi.
43. Und: Meine Kinder haben mir noch jedes Mal mit wenigen Worten mein selbstgefälliges Grinsen aus dem Gesicht gewischt, wenn ich auch nur für eine Sekunde gedacht hatte, ihnen gegenüber die Wahrheit gepachtet zu haben.
44. Ich bin lieber Eltern.
45. Und Sie? (Sanna Weisz, 2.4.2017)

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