Die späten Zweifel des George W. Bush

30. März 2017, 13:52
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Der 43. Präsident der USA hat die Gesichter verwundeter Kriegsveteranen gemalt. Der Band schaffte den Sprung an die Spitze der Bestsellerlisten: Dass Bush darin die Fähigkeit zu kritischem Reflektieren offenbart, hatte nicht jeder erwartet

foto: afp/buckman
Der frühere US-Präsident George W. Bush hat nach seiner Amtszeit den Füllfederhalter gegen den Pinsel ausgetauscht. In einer neuen Ausstellung zeigt der 70-Jährige nun Porträts von Soldaten. Bis zum 1. Oktober sind die Ölgemälde im George W. Bush Presidential Center in Dallas im Bundesstaat Texas zu sehen.

Als er aus dem Weißen Haus auszog, so beschrieb es neulich eine amerikanische Feuilletonistin, war er so unpopulär, dass ihm das Land am liebsten hinterhergerufen hätte: Verschwinde von hier! Es folgten acht Jahre, in denen sich George W. Bush konsequent ins Privatleben in Dallas zurückzog, kein Wort der Kritik an seinem Nachfolger übte, es überhaupt unterließ, politische Entscheidungen zu kommentieren – und dafür zu malen begann. Nun residiert Donald Trump im Weißen Haus, und Bush, der resolut vor autokratischen Angriffen auf die Pressefreiheit warnt, erscheint manchen in vergleichsweise milderem Licht. Mit einem Band, in dem er selbst gemalte Porträts von Kriegsveteranen vorstellt, hat er es zur Verblüffung der Fachwelt sogar auf den ersten Platz der amerikanischen Bestsellerlisten geschafft.

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Anfang März wurde das Buch mit den 66 Porträts veröffentlicht. Es heißt "Portraits of Courage".

In "Portraits of Courage" lässt der 70-Jährige stellenweise eine Neugier erkennen, die er als Präsident, zumindest in der Öffentlichkeit, komplett vermissen ließ. Der Mann, der auch dann noch simple Schwarzweiß-Schemen von Freunden und Feinden der Freiheit entwarf, als längst klar war, dass sie der komplizierten Realität im Irak nicht gerecht wurden, offenbart auf einmal die Fähigkeit zum kritischen Reflektieren. Nicht dass er die Intervention als solche infrage stellte. Doch in den kurzen Geschichten, die Bush seinen 98 Soldatenporträts anfügt, geht es um Dinge, die seine Regierung einst ausblendete oder zumindest herunterspielte. Es geht nicht nur um die Wunden des Krieges, körperliche wie seelische.

Alkohol war keine Lösung

Da ist Chris Goehner, ein Matrose der Kriegsmarine, der in einem US-Lazarett im Irak bei ungefähr 450 Operationen assistierte. Nach seiner Rückkehr habe er fünf Jahre lang nachts nicht schlafen können, erzählt Bush. Goehner litt unter Alpträumen. Wann immer er am Grab eines Sergeanten stand, der in der Klinik unter seiner Obhut gestorben war, überkamen ihn Schuldgefühle. Er habe versucht, die Erinnerungen mit Alkohol zu betäuben, schreibt der Ex-Präsident, aber irgendwann begriffen, dass Alkohol die Sache nur noch schlimmer mache. In dem Moment habe er begonnen, auf der Suche nach einer Therapie für Marathonläufe und Triathlon-Wettkämpfe zu trainieren.

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Oder Scott Lilley, ein Feldwebel der Luftwaffe, schwer am Kopf verletzt, als in seiner Nähe ein ferngezündeter Sprengsatz detonierte. Als Bush ihn 2007 bei einer Feier zum Nationalfeiertag zum ersten Mal traf, fehlte noch immer ein Stück seiner Schädeldecke. Jahre später entdeckte er Lilleys Namen auf der Teilnehmerliste eines Golfturniers für Kriegsversehrte. Im Gehirn des Airforce-Veteranen steckte auch damals noch ein Metallsplitter, was sein Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigte. Das sei nicht das Ende der Welt, habe Lilley jegliches Mitleid abgewehrt. Kurz darauf stellte er ihm seine kleine Tochter vor, was ihn, Bush, veranlasst habe, über das Leben nachzudenken, "über Scotts Begegnung mit dem Tod und neu geborenes Leben".

Nach dem Schlüsselerlebnis

Das Pathos erinnert dann doch wieder an den alten George W. , der gern schilderte, wie er dem Alkohol verfallen war, bevor er nach einer durchzechten Nacht mit dem Trinken aufhörte, zum wiedergeborenen Christen wurde – und sich neu erfand. Im Übrigen solle er besser nicht auf Absolution hoffen, rät ihm Philip Kennicott, ein preisgekrönter Rezensent der "Washington Post". Wer den Einmarsch im Irak "für den katastrophalsten außenpolitische Fehler hält, den dieses Land je begangen hat", werde in 98 Bildern keinen hinreichenden Trost für immense Kriegskosten und die jahrzehntelange Destabilisierung des Nahen Ostens sehen.

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Wie er zum Künstler wurde, auch das hat Bush in seinem Buch noch einmal Revue passieren lassen. Es begann im März vor fünf Jahren mit dem Besuch eines Professors der Universität Yale, der erzählte, dass er seine Studenten einen Essay Winston Churchills über das Malen als Hobby lesen lasse. Der Texaner, ein glühender Churchill-Fan, wandte sich daraufhin an eine Malerin namens Gail Norfleet: "Gail, in diesem Körper ist ein Rembrandt gefangen, und es ist Ihre Aufgabe, ihn zu befreien." Als Erstes malte er einen Würfel, dann schlug ihm Norfleets Mentor ihm vor, Politiker in Öl zu verewigen. Daraus wurden dann, 2014 zum ersten Mal ausgestellt, Porträts von Wladimir Putin, Angela Merkel, Tony Blair. Frühe Versuche, die eher für Häme sorgten, ebenso wie die Selbstbildnisse unter der Dusche, die ein rumänischer Hacker namens Marcel Lehel Lazar publik machte. Ein dritter Lehrer, blendet Bush leise selbstironisch zurück, habe ihm in Kenntnis der Politikergemälde geraten, lieber andere Gesichter zu malen. Gesichter von Menschen, die nicht jeder kenne. (Frank Herrmann aus Washington, 30.3.2017)

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