Zur "Normalität" des Widerspruchs im Schulalltag

Userkommentar3. April 2017, 14:07
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Über reflexartige Routinen im Umgang mit Bildungsreformen in Österreich. Etwas salopp formuliert: Zweifler und Reformkritiker könnten sich nun einmal eine kurze Pause gönnen

Bildungsministerin Sonja Hammerschmid und Staatssekretär Harald Mahrer verkünden in Österreich ein ambitioniertes Bildungsreformpaket – zweifellos nach längerer Vorarbeit –, und wieder einmal gibt es reflexartig Widerspruch: Die Autonomie in den Schulen gehe zu weit, den Direktoren könne man nicht zumuten, über das Personal selbst zu entscheiden, die Streichung der Klassenschülerhöchstzahl sei unmöglich und die Schulpartnerschaft durch die Autonomie höchst gefährdet.

Nehmen wir die Begrifflichkeit der Autonomie doch zum Anlass, einmal kurz innezuhalten: Der Ausgangsbefund müsste doch lauten, dass eine Reformbemühung, die ein möglichst ausgewogenes Verhältnis zwischen strategischen Vorgaben (Politik) und operativer Umsetzung mit einem hohen Grad an Autonomie (Schulstandorte) hat, per se nicht schlecht sein kann. Zweifellos handelt es sich um ein Aufbrechen normativer Strukturen, das in der Folge zur Verstärkung innovativer Schulkonzepte führen soll. Aber müsste nicht angesichts der zu erwartenden neuen Spielräume zumindest eine leichte "Grundeuphorie" spürbar werden?

In der Defensive

Weit gefehlt: Um mit Chris Argyris zu argumentieren, kann man in der laufenden Diskussion sogenannte defensive Verhaltensweisen diagnostizieren. Die Vorschläge der Bildungspolitik werden umgehend von den Arbeitnehmervertretern als unerwünschte Provokation zurückgeschmettert. Was in Südtirol, also jenseits des Brenners, seit Jahren im Rahmen von Schulverbünden funktioniert, wird diesseits des Brenners als unmöglich dargestellt. Clusterbildungen und die Leitung von mehreren Schulen mit einem Ausbau an Autonomie im Personalbereich seien schwierig bis unmöglich. Die Bestellung von künftigen Clusterleitungen wird mit dem Zurückdrängen von Mitbestimmungsrechten der Lehrer gleichgesetzt.

Ja, man befürchte sogar, dass die institutionelle Grundeigenschaft der Schule gefährdet sei, weil die Qualität der Pädagogen, die durch die Leiter ausgewählt werden, nicht sichergestellt sei. Bekanntermaßen könnte man hier sehr wohl auf die Erfahrungswerte einschlägiger Personalentwicklungskonzepte zurückgreifen, die entsprechende Anforderungsprofile und Entwicklungsportfolios definieren.

Institutionelle Innovation?

Zusammengefasst: Probleme werden immer von anderen Personen verursacht, so die Annahme der Reformkritiker. Ängste werden geschürt und Hoffnungen geweckt; man habe pädagogische Freiheit gefordert, aber Zentralismus erhalten, so der Kommentar von gewerkschaftlicher Seite. So wird letztlich die Hypothese bedient, strukturelle Veränderungen würden fundamental in den Unterricht hineinregieren, und die Einflussnahme auf den einzelnen Lehrer sei nicht tragbar. Dass dieses Verhalten nicht gerade den Ausdruck institutioneller Innovation verstärkt, sollte angesichts notwendiger gesellschaftlicher Umbrüche an dieser Stelle besonders betont werden. Selbst Schüler werden mit diesen bildungspolitischen Kommunikationsmechanismen konfrontiert. Über die Medien, über Plakate, über Gespräche im Schulgebäude und im Klassenzimmer.

Vielleicht könnte man dies alles als demokratischen Basisprozess bezeichnen, der notwendig und sinnvoll ist. Da Fortschritt aber immer zwei Seiten hat, kann man auch in gewisser Weise davor warnen. Neben dem Erwerb von Bildung werden nämlich Schüler in den Bildungseinrichtungen auf komplexe Fragestellungen der Gesellschaft und des Lebens vorbereitet – Schule dient dann gleichsam als eine Sozialisationsagentur.

Schulalltag im Spannungsfeld

Genau in diesem Spannungsfeld wird nunmehr im Schulalltag die Normalität des Widerspruchs erlebbar gemacht: hautnah, direkt und ohne differenzierte Analyse. Weshalb diese Annahme? Weil die soziologische Systemtheorie in ihrer Formulierung sehr genau zwischen Personen und sozialen Systemen trennt. Schulen sind demnach soziale Systeme, die aus "abgelagerten" Kommunikationen bestehen – weitgehend unabhängig von spezifischen Personen. Die erinnerten Geschichten, gelebten Konventionen und Spielregeln innerhalb der Schule (eben beispielsweise die des reflexartigen Widerspruchs) bestimmen die Identität des Systems Schule und beeinflussen Schüler. Damit lebt unsere zukünftige Generation im Spannungsfeld einer nächsten Gesellschaft: zwischen unberechenbaren differenzierten Fragestellungen des Lebens und des künftigen Berufsalltags und der reflexartigen Negation eines kalkulierten Widerspruchs. (Josef Oberneder, 3.4.2017)

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