"Frexit": Anleger sorgen sich vor Wahlsieg Le Pens

30. März 2017, 11:00
54 Postings

Investoren fürchten den Austritt Frankreichs aus der Eurozone. Der Abstand der französischen Anleihenzinsen auf die deutschen hat sich bereits verdoppelt

Paris – Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich werden sich erst in gut einem Monat entscheiden. Bei den internationalen Anlegern rufen sie aber schon großes Interesse hervor – und Sorge. Viele reisen nach Paris, wo sie die komplexen Mechanismen der französischen Wahlen zu verstehen versuchen, um die Kernfrage beantworten zu können: Hat Marine Le Pen eine reale Wahlchance und damit die Möglichkeit, den Ausstieg Frankreichs aus der EU – den "Frexit" – oder zumindest aus dem Euro durchzuziehen?

Arithmetisch sind die Chancen gering. Die Kandidatin des Front National führt zwar etliche Umfragen für den ersten Wahlgang am 23. April an; in der Stichwahl am 7. Mai wird sie aber gegen ihre wichtigsten Widersacher François Fillon oder Emmanuel Macron als Verliererin mit 35 bis 40 Prozent Stimmen gesehen. Auszuschließen ist ein Sieg Le Pens aber nicht. Das sagen sich gerade die amerikanischen Investoren, die auch nicht mit einem Wahlsieg von Donald Trump gerechnet hatten.

Gefahr für europäisches System

Ein "Frexit" hätte zudem für Europa gravierendere Folgen als der Trump-Sieg oder der "Brexit": Wenn EU-Mitbegründer Frankreich aus dem Euro ausstiege, würde zweifellos das ganze europäische System zusammenbrechen. US-Investoren nennen das ein "tail risk" oder einen "black swan", einen schwarzen Schwan – ein zwar unwahrscheinliches, aber höchst gefährliches Ereignis. "Die Rückkehr zum Franc würde rasch zu einem Kapitalabfluss der französischen und ausländischen Investoren führen, weil sie sich vor dem Abwertungsrisiko schützen möchten", schreibt der Pariser Thinktank Montaigne, um für Frankreich ein Schreckenszenario einer massiven Rezession und Inflation an die Wand zu malen.

Das wirkt sich bereits aus. Die französischen Zehnjahresanleihen (OAT) müssen neuerdings mit einem Prozent verzinst werden. Damit wächst der Abstand zur europäischen Referenzanleihe, dem deutschen "Bund" (0,39 Prozent): Dieser "Spread" hat sich seit vergangenem Herbst von 25 auf rund 60 Punkte verdoppelt. Pariser Anleger sprechen klar von einem "Le-Pen-Risikoaufschlag".

Front National beruhigt Anleger

Zugleich versuchen sie ihre ausländischen und namentlich amerikanischen Kollegen zu beschwichtigen. Didier Le Menestrel, Vorsteher der Anlegerfirma Financière de l'Echiquier, erklärt, der zunehmende Spread zwischen OAT und Bund zeige "nur, dass die Märkte die Wahrscheinlichkeit einer Wahl Le Pens bei 25 Prozent ansetzen". Immerhin eine Viertelchance, antworten skeptische Investoren.

Vertreter von Blackrock, UBS und Barclays haben sich laut Insidern direkt beim Front National informiert und dessen Wirtschaftsstrategen Bernard Monot ausgefragt. Er beruhigt die Märkte mit öffentlichen Stellungnahmen: "Wir werden wegen des Euroausstiegs sehr häufig angefragt und erinnern daran, dass wir die Abhaltung eines EU-Gipfels verlangen, um ein Ausnahmeregime für Frankreich durchzusetzen. Es kommt für uns nicht infrage, die Tür einfach zuzuschlagen, wie das die britische Ministerpräsidentin Theresa May mit dem Brexit tut."

Selbst in Paris wächst indes die Sorge über die wahren Pläne des Front National. Der Gouverneur der Banque de France, François Villeroy de Galhau, hat für den Fall eines Wahlsiegs von Marine Le Pen bereits ausrechnen lassen, dass ein Euroausstieg den Schuldendienst Frankreichs um zusätzliche 30 Milliarden Euro pro Jahr belasten würde. Diese Mitteilung hätte die Gefährlichkeit dieses Projekts aufzeigen sollen; sie verunsicherte aber in erster Linie die Finanzmärkte. (Stefan Brändle aus Paris, 30.3.2017)

  • Im Namen des Volkes hofft Marine Le Pen die Präsidentschaftswahlen in ein paar Wochen für sich  zu entscheiden. Anleger und Finanzmärkte teilen diese Hoffnung allerdings nicht. Sie straften französische Staatsanleihen bereits vorsorglich ab.
    foto: ap/loic venance

    Im Namen des Volkes hofft Marine Le Pen die Präsidentschaftswahlen in ein paar Wochen für sich zu entscheiden. Anleger und Finanzmärkte teilen diese Hoffnung allerdings nicht. Sie straften französische Staatsanleihen bereits vorsorglich ab.

Share if you care.