"Digitalisierung ist eine Produktivitätspeitsche"

Interview30. März 2017, 06:06
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Wird die Technologieentwicklung zum Jobkiller? Nicht, wenn Beschäftigte qualifiziert werden, sagt Arbeitsexpertin Sandra Hofmann

STANDARD: Die Angst vor Arbeitsplatzverlust durch Digitalisierung ist groß. Andererseits besteht die Sorge, dass die demografische Entwicklung zu einem Engpass bei Mitarbeitern führen wird. Worauf sollten wir uns einstellen?

Hofmann: Wir brauchen die Digitalisierung. Sie ist nichts anderes als eine Produktivitätspeitsche, die wir brauchen, um den Rückgang des Fachkräftepotenzials kompensieren zu können.

STANDARD: Von welchem Zeitraum sprechen wir?

Hofmann: In Deutschland wird schon 2025 die Babyboomer-Generation vom Arbeitsmarkt verschwinden und in Rente gehen. Österreich hat noch einige Jahre mehr Zeit. Andererseits hat Österreich auch ein niedrigeres Pensionsantrittsalter. Womit die derzeitigen Fachkräfte früher den Arbeitsmarkt verlassen. Letztlich brauchen Wirtschaft und Gesellschaft Digitalisierung, um der strukturellen Veränderung in der Arbeitswelt begegnen zu können.

STANDARD: Was braucht es, um den Übergang gut zu schaffen?

Hofmann: Wichtig ist, dass die Gesellschaft sich von der Angst, dass Arbeitsplätze verlorengehen, befreit. Sie gehen dann verloren, wenn man es nicht schafft, die Leute entsprechend den Bedarfen weiterzuqualifizieren. Durch Automatisierungs- und Rationalisierungsprozesse werden zwar bestimmte Stellen wegfallen. Damit hat man aber auch ein gewisses Potenzial an Arbeitskräften, das für andere Aufgaben eingesetzt werden kann. Schaffe ich es nicht, diese Leute am Arbeitsmarkt zu halten, habe ich ein Problem.

STANDARD: Das heißt wohl verstärkt Aus- und Weiterbildung?

Hofmann: Sie haben in Österreich ja bereits ein paar Ansätze mittels Bildungskarenz und Bildungsteilzeitgesetz, wodurch die Leute sich auch im Beruf weiterbilden können. Lebenslanges Lernen muss noch stärker kommen, damit man die Arbeitskräfte nicht abhängt.

STANDARD: Österreich ist in Sachen Digitalisierung kein Vorreiter. Was könnte man sich etwa von den skandinavischen Ländern abschauen?

Hofmann: Diese Länder sind neuen Technologien gegenüber viel aufgeschlossener. Stichwort freies WLAN, da sind sie um Jahre voraus. Entscheidend dafür, wie die Digitalisierung voranschreiten kann, ist die Wirtschaftsstruktur und die Prägung. Es wird zum Beispiel eher wieder der persönliche Kontakt gesucht. Kleine Tante-Emma-Läden kommen, alles wird wieder ein bisschen individueller.

STANDARD: Die Entwicklung geht also nicht nur in eine Richtung?

Hofmann: Ich finde diese Polarisierung spannend. Auf der einen Seite wird alles immer digitaler und vernetzter, etwa durch Plattformökonomie. Auf der anderen Seite wird verstärkt wieder auf ältere Werte wie regionale Produkte oder Vorortkaufen gesetzt. Die Frage ist, welche am Ende stärker durchschlagen oder ob es ein Nebeneinander geben wird und muss.

STANDARD: Der Handel schreitet jetzt in Sachen Digitalisierung zügig voran. Ebenso die Bankenbranche. Wo geht es langsamer?

Hofmann: Banken, Financial Services generell, Handel, aber auch die Logistikbranche sind schon gut dabei. Vermutlich auch ein Stück weit, um Lohnnebenkosten einzusparen. Verkaufskräfte werden teilweise obsolet werden. Andererseits entstehen auch neue Berufe wie zum Beispiel der E-Commerce-Kaufmann.

STANDARD: Wo werden durch die Digitalisierung verstärkt Fachkräfte nachgefragt?

Hofmann: Wir haben für Deutschland eine Studie gemacht, um zu sehen, wo eher noch mehr Arbeitskräfte benötigt werden. Das ist natürlich die IT-Branche, die eine Kaderschmiede sein wird. Das heißt aber auch, dass alle Branchen in Konkurrenz um diese IT-Fachleute stehen. Auch der öffentliche Sektor, konkret das Bildungswesen, wird verstärkt Fachkräfte brauchen, um die Leute qualifizieren zu können. Dieses klassische Ausbildungssystem beziehungsweise auch neue Lernformen führen in der Digitalisierung dazu, dass man auch mehr Fachkräfte benötigt, die die Kompetenzen auch vermitteln können.

STANDARD: Österreich hat ebenso wie Deutschland das vielfach gelobte duale Ausbildungssystem. Gleichzeitig ist Karriere mit Lehre teilweise nicht sehr sexy für junge Menschen. Wo kommen künftig unsere Nachwuchskräfte her?

Hofmann: Das duale Ausbildungssystem hat in den letzten Jahren durch die zunehmende Akademisierung ein bisschen an Attraktivität verloren. Nichtsdestotrotz ist es über die Unternehmensstruktur in Deutschland und Österreich ein Stück weit ein Erfolgsgarant. Der Dialog zwischen Unternehmen, Universitäten, Lehrausbildungsstätten und jungen Leuten sollte aber wieder stärker werden. Ich glaube aber nicht, dass unser alleiniger Fokus auf den Nachwuchskräften liegen darf. Wir müssen uns auch um die aktuell Beschäftigten kümmern. In zehn Jahren wird es eher darum gehen, wie ich meine Fachkräfte halte, und nicht mehr darum, wo ich sie finden kann.

STANDARD: Die Bachelors, die jetzt auf den Markt strömen, wollen mehr verdienen, weil sie ja auch besser ausgebildet sind. Wie können sie sich behaupten?

Hofmann: Die Wirtschaft ist auf den großen Akademikeransturm durch die schnelle Akademisierung zum Teil nicht vorbereitet. So schön es ist, dass Leute besser ausgebildet sind – sei es über die Uni oder auch über die Lehre -, wenn sie ihr Wissen am Arbeitsmarkt nicht abrufen dürfen oder können, ist es schwierig. Das führt manchmal zu Frustration, weil Unternehmen für gewisse Stellen auch Bachelor-Leute einsetzen, die sie früher vielleicht mit einem Auszubildenden oder mit jemandem mit einer dualen Berufsausbildung besetzt hätten.

STANDARD: Das heißt, Akademiker werden wie Lehrlinge eingesetzt?

Hofmann: Genau. Natürlich hat die Wirtschaft immer laut nach besser qualifizierten Fachkräften gerufen. Allerdings glaube ich nicht, dass das jetzt schon passgenau ist. Der Mismatch ist an manchen Stellen noch relativ groß. (Regina Bruckner, 30.3.2017)

foto: wifor
Sandra Hofmann (33) leitet die Arbeitsmarktforschung bei WifOR, einem Institut der TU Darmstadt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind empirische Arbeitsmarktforschung, Wandel der Arbeitswelt und Digitalisierung.
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    foto: reuters/rick wilking

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