Das "Gender-Problem" der Bundeswehr

29. März 2017, 15:57
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Wegen Vorwürfen zu sexuellen Übergriffen, Belästigung und Mobbing schickt Ministerin Ursula von der Leyen einen Kriminologen

"Wir. Dienen. Deutschland." Mit diesem Slogan wirbt die Bundeswehr seit 2011 um Nachwuchs. In diesem Jahr wurde die Wehrpflicht ausgesetzt, seither ist Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) darauf angewiesen, dass sich genug junge Leute freiwillig melden.

Doch seit Jahresbeginn haben zwei Skandale die Bundeswehr, die von der Leyen als modernen, attraktiven Arbeitgeber verkaufen möchte, erschüttert. Im Jänner wurden bizarre Praktiken der Staufer-Kaserne in Pfullendorf (Baden-Württemberg) bekannt. Eine Rekrutin hatte diese zuvor von der Leyen direkt gemeldet.

Ihre Schilderungen aus dem Ausbildungszentrum für Spezialkräfte: Soldaten seien stundenlang an Stühle gefesselt und mit Wasserschläuchen abgespritzt worden. Rekruten hätten sich vor Kameraden ausziehen müssen, bekamen Tampons in den After eingeführt und wurden gefilmt.

Verteidigungsministerium hat analysiert

Und im bayerischen Bad Reichenhall wird wegen des Verdachts des Mobbings, der Volksverhetzung und "sexualbezogener Verfehlungen" gegen mehrere Soldaten ermittelt. Ein Obergefreiter hat erklärt, er sei zwischen November 2015 und September 2016 von Kameraden sexuell belästigt und genötigt worden.

Die Vorfälle haben von der Leyen aufgeschreckt, zumal der Wehrbeauftragte der Bundesregierung, Hans-Peter Bartels (SPD), erklärt: "Die Bundeswehr hat ein Gender-Problem." In Fällen von Mobbing und sexueller Belästigung werde "manchmal noch nicht entschlossen genug reagiert, sondern teilweise verharmlost".

In den vergangenen Wochen hat eine Projektgruppe im Verteidigungsministerium "analysiert, ob möglicherweise Hinweise für weitere mit den Ereignissen am Standort Pfullendorf vergleichbare Verstöße gegen die Grundsätze der Inneren Führung in der Bundeswehr vorliegen" – wie es in einem Bericht von Generalinspekteur Volker Wieker für den Verteidigungsausschuss heißt.

Mehr als 200 Fälle

Es ist seit dem Jahr 2015 einiges zusammengekommen, schreibt die "Süddeutsche Zeitung", die aus dem Bericht zitiert. Im Bereich "sexuelle Belästigung, Benachteiligung, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" seien mehr als 200 Fälle offenkundig geworden. Dabei sind sowohl Fälle innerhalb der Bundeswehr als auch im privaten Bereich von Soldaten erfasst worden.

In 16 Prozent dieser Fälle ging es um den Verdacht der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung, in knapp zehn Prozent etwa um "Verbreitung pornografischer Schriften". Den mit knapp 60 Prozent größten Anteil machten Fälle mit dem Verdacht auf "sexuelle Belästigung und Benachteiligung" aus. Von wem dies ausgeht, wird auch aufgelistet: "Überwiegend Mannschaftssoldaten und Unteroffiziere, vorrangig im Altersband zwischen 20 und 30 Jahren."

Das Problem schildert Wieker so: "Sachorientierte Führung, klare Kommunikationsstrukturen und ein kameradschaftlicher Umgang wurden in Teilen durch informelle Strukturen und übersteigerten Korpsgeist untergraben."

Neue Datenbank geplant

Als Konsequenz sollen nun Meldeverfahren gestrafft und die Ausbildung von Vorgesetzten verbessert werden. Eine neue Datenbank ist auch vorgesehen, diese soll helfen, "rascher und leichter als bisher Trends und Fehlentwicklungen zu identifizieren".

Zudem wird der renommierte frühere Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, mit einer Analyse beauftragt. Von der Leyen selbst erklärt: "Ich dulde kein Verhalten, das die Würde, die Ehre und die Rechte auf sexuelle Selbstbestimmung von Soldatinnen oder Soldaten und der zivilen Beschäftigten verletzt." (Birgit Baumann aus Berlin, 29.3.2017)

  • Die meisten Bundeswehrsoldaten versehen ihren Dienst ohne Fehl und Tadel. Auf die schwarzen Schafe will Ministerin Ursula von der Leyen künftig einen schärferen Blick werfen.
    foto: reuters/michaela rehle

    Die meisten Bundeswehrsoldaten versehen ihren Dienst ohne Fehl und Tadel. Auf die schwarzen Schafe will Ministerin Ursula von der Leyen künftig einen schärferen Blick werfen.

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