Die Sache mit dem T-Wort

Kolumne29. März 2017, 15:55
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Die Dominanz der Korrektheit beginnt Stimmen zu erfassen, von denen man bisher das Gegenteil gewohnt war

Ich gestehe, dass es Debatten über politisch korrekte Sprachregelungen bislang nicht gelungen ist, mein Interesse intensiv genug an sie zu binden, um mir einen einer ernsthaft vertretenen Überzeugung nahekommenden Standpunkt zuzulegen. Die Frage, ob es korrekterweise Gschaftlhuber, Gschaftlhuberinnen, GschaftlhuberInnen oder Gschaftlhuber*innen heißt, konnte mich weder intellektuell noch emotional in ihren diskursiven Bann ziehen, und wenn die Wiener Festwochen in ihrem Programm heuer allen Ernstes einen "Frühlings-Exorzismus der antifaschistischen Ballettschule" ankündigen, empfinde ich darob weder Begeisterung noch Empörung, sondern herzhaftes Amüsement.

Deshalb erschien mir auch die oft geäußerte These, wonach der Erfolg populistischer Politik eine Reaktion auf den überbordenden Einfluss der Political Correctness sei, eher übertrieben. Doch langsam kommen mir Zweifel, denn die Dominanz der Korrektheit beginnt Stimmen zu erfassen, von denen man bisher das Gegenteil gewohnt war. So schrieb Presse-Kolumnist Christian Ortner noch vor ein paar Jahren ungehemmt vom "ungebildeten, unreflektierten und manipulierbaren Pöbel", "den Kevins und Jessicas", die aus der Demokratie eine "Prolokratie" machen, während er nun die "arrogante Anmaßung der intellektuellen Eliten" sowie die daraus folgende "Verachtung für die einfachen Leute" beklagt und den Schriftsteller Daniel Kehlmann in sprachliche Nähe zum Nationalsozialismus rückt, weil er Trump als "Monster" bezeichnet hatte.

Dass Ortner dieses von ihm früher wohl als "Korrektheitsexzess" gegeißelte Schwingen der Nazi-Keule ausgerechnet zur Verteidigung des Verbaldiarrhoetikers Trump auskommt, scheint zunächst doppelt absurd, erklärt sich aber möglicherweise durch die auch unter dem Gesichtspunkt der politischen Korrektheit geführte Debatte über den Geisteszustand des US-Präsidenten.

Dazu lieferte Gary Schaal, Professor für Politikwissenschaft an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, im Interview mit der Wiener Zeitung einen interessanten Beitrag, fernab von psychiatrischen Ferndiagnosen: "Ich glaube, dass sich niemand so konsistent dumm stellen kann. Es gibt einen Ausspruch von Tucholsky: 'Kluge Menschen können sich dumm stellen, aber wirklich dumme wirken echter.' Ich befürchte, das ist Trumps Wesen."

Da die authentische Außenwirkung des von seiner Mikrowelle abgehörten alternativen Denkers auch für seine Gegner außer Streit steht, stellt sich die Frage, wie man mit dieser Erkenntnis sprachlich korrekt umgeht. So wie Rassismus-Debatten das N-Wort tabuisieren (für in Österreich lebende Deutsche gilt das vermutlich auch für das P-Wort), passiert das im Fall Trump mit einem T-Wort, auf dessen Anfangsbuchstaben zwei Silben folgen, die man auch als Abkürzung für "ROTes TELefon" verwenden kann.

Wer aber den Gebrauch dieses Wortes als "die Dinge beim Namen nennen" sieht, wird im Kampf gegen Korrektheitsdiktate wohl nicht einmal mehr davor zurückschrecken, Trump-Fans daran zu erinnern, dass die sprichwörtlichen "Kälber, die ihre Schlächter selber wählen" nicht die allerärmsten, allersystemkritischsten oder gar die allerklügsten sind. (Florian Scheuba, 29.3.2017)

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