Warum Migranten häufiger erkranken

1. April 2017, 11:30
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Verschiedene Risikofaktoren für Erkrankung greifen laut einer Studie bei Migranten oftmals ineinander

Wien – Wie gesund jemand ist, bestimmt nicht allein die Biologie. Je nach Angehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, erhöhen sich die Chancen, einen gesunden Lebenswandel zu führen oder an Krankheiten zu leiden. Etwa sind Migranten überdurchschnittlich oft krank – darauf weist auch eine vom Gesundheitsministerium und Arbeiterkammer in Auftrag gegebene Studie hin: Das Risiko an Adipositas oder Diabetes zu erkranken ist bei Menschen mit Migrationshintergrund höher als im Durchschnitt.

Die Gründe dafür sind nicht einfach zu bestimmen. Was auffällt, ist, dass die Risikofaktoren oft ineinandergreifen: Migranten sind auch deshalb häufiger Krankheit betroffen, da sie überdurchschnittlich oft Teil anderer benachteiligter Gruppen sind: Auch der Grad des Bildungsabschlusses oder die Arbeitssituation beeinflussen den Gesundheitszustand.

Psychische Belastung

Um die unterschiedlichen Forschungsperspektiven in Dialog treten zu lassen, lud die Fachhochschule Campus Wien mit der Arbeiterkammer vergangene Woche zur Diskussion. Der Soziologe Konrad Hofer vom Institutes für qualitative Arbeits- und Lebensweltforschung untersuchte das subjektive Gesundheitsempfinden der migrantischen Bevölkerung in Österreich: "Viele Migranten haben Berufe im Bereich der unqualifizierten Arbeit", sagt Hofer. Das ziehe eine hohe psychische Belastung nach sich: Man habe das Gefühl, man dürfe nicht krank werden, weil schon der Nächste auf den Job wartet.

Hofer verdichtete dreißig Interviewprotokolle zu einem Bericht und lieferte eine Übersicht über wiederkehrende Muster in Bezug auf den erschwerten Zugang zum Gesundheitssystem. Einerseits ist da das Sprachenproblem: Wer die Landessprache nicht beherrscht, hat einen schlechteren Zugang zum Gesundheitssystem – auch, was die Diagnose betrifft. Andererseits unterscheidet sich das Gesundheitssystem in manchen Herkunftsländern wesentlich vom österreichischen: "In vielen Ländern haben öffentliche Krankenhäuser einen schlechten Ruf. Man befürchtet, dass es nach dem Besuch schlimmer ist als vorher."

Lange Wartezeiten

Die Analysekategorie "Menschen mit Migrationshintergrund" ist in diesem Zusammenhang weit gefasst: So fallen darunter sowohl Kinder, die bereits in Österreich geboren sind, als auch Flüchtlinge aus Kriegsgebieten, die vor ein paar Monaten ins Land gekommen sind. Die Problemfelder, die Hofer ausmachte, dürften in – je geringerer oder stärkerer Ausprägung – auf alle zutreffen, obgleich bei traumatisierten Flüchtlingen zusätzliche Herausforderungen auf das Gesundheitssystem zukommen, da diese oft therapeutische Behandlungen benötigen.

Diese sind aber rar: Der Wiener Verein Hemayat bietet solche Therapieplätze an und betreute vergangenes Jahr 1044 Personen, davon 129 Minderjährige. Derzeit gebe es jedoch eine Wartezeit von eineinhalb Jahren, berichtet Psychologin und Psychotherapeutin Nora Ramirez Castillo.

Theoretisch wisse man schon viel, meint Hofer, "jetzt geht es darum, die praktische Seite anzugehen". Josef Bakic, Studiengangsleiter der Sozialen Arbeit an der FH Campus Wien, dockt genau hier an: "Wir versuchen, den Diskurs der Fachwelt und die Betroffenenperspektive zusammenzubringen." Zusätzlich zu den Forschungsergebnissen sollen Wege in der Einbindung von betroffenen Menschen gefunden werden. (Vanessa Gaigg, 1.4.2017)

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