Die vielen Zukunftsängste der Ärzte

    19. April 2017, 10:00
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    Keine andere Standesvertretung tritt so dominant auf wie die Ärztekammer – nicht alle Ärzte teilen ihre Haltung

    Kein Verhältnis scheint derart konfliktbeladen wie das der Ärztekammer mit den Hauptakteuren der Gesundheitspolitik. Es könnte der Eindruck entstehen, die Standesvertretung befinde sich im Dauerkonflikt mit dem Gesundheitsministerium, dem Hauptverband der Sozialversicherungen und den Landesgesundheitsreferenten.

    Doch auch außerhalb der Kammer ist vielen Medizinern bewusst: Ihr Berufsbild unterzieht sich gerade einem Imagewandel. Ob Ängste oder berechtigte Sorgen – die Anliegen werden von der Standesvertretung geschickt aufgenommen, um nicht zuletzt auch ihre eigene Legitimation zu schützen. Gleichzeitig spielt sich ein Generationenkonflikt hinter den Kulissen ab.

    In der öffentlichen Wahrnehmung verschwimmen die Anliegen: Zwischen berechtigtem Protest und überzogener Abwehrhaltung wird kaum unterschieden. Andererseits kann kein politisch Verantwortlicher die vielen Baustellen im Gesundheitsbereich leugnen – angefangen von hohen Kosten bis zu langen Wartezeiten auf Untersuchungen. Dass die Gesundheitsversorgung längst nicht mehr optimal funktioniert, ist für Patienten spürbar und lässt Unsicherheit entstehen.

    Angst vor Veränderungen

    Es wird aber auch bewusst mit den Ängsten der Ärzte und mit jenen der Patienten gespielt: Der Hausarzt steht im Mittelpunkt der Debatte. Ewiger Konfliktpunkt ist die elektronische Gesundheitsakte (Elga), um die es recht ruhig geworden ist. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass sie vor mehr als einem Jahr schrittweise in Spitälern implementiert wurde – bisher ohne Probleme.

    Im Laufe des Jahres sollen alle österreichischen Krankenhäuser mit Elga arbeiten. Die niedergelassenen Ärzte sind noch nicht Teil des Systems, die Vernetzung der Vertragspraxen ist jedoch noch für heuer geplant, deshalb sind sie extrem skeptisch – auch weil die Kammer immer wieder betont, warum Elga die Arbeit der Mediziner eher erschwert als erleichtert. Elga macht mehr Bürokratie, bedeutet höheren Zeitaufwand bei Patientengesprächen, und der Blick in den Computer könne eine gründliche Anamnese nicht ersetzen, warnt sie.

    Das alles mag im Hintergrund mitspielen, doch es ist auch eine Altersfrage. Ältere Ärzte tun sich nicht leicht im Umgang mit neuen Technologien, sie scheuen Investitionen in die Infrastruktur, die den Betrieb mit Elga sicherstellt. Ihr Widerstand ist epidemiologisch nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass zwei Drittel aller Ärzte bis 2020 das Pensionsalter von 65 erreicht haben. Dennoch geht Bernhard Wurzer, stellvertretender Generaldirektor des Hauptverbandes, davon aus, dass sich die Kritik mit der Zeit legen werde.

    Tauziehen um Primärversorgung

    Am deutlichsten wird der Generationenkonflikt bei der Diskussion um neue Formen der Primärversorgung. Diese sind notwendig, um einerseits Spitalsambulanzen zu entlasten, andererseits, um den Versorgungsengpässen im ländlichen Bereich rechtzeitig vorzubeugen. Dass Hausärzte auf dem Land kaum nachbesetzt werden können, ist ein offenes Geheimnis.

    In der Stadt sind etwa Primärversorgungszentren (Primary Health Care, PHC) vorgesehen, in denen sich mehrere Allgemeinmediziner mit anderen Gesundheitsberufen zusammenschließen und grippale Infekte genauso wie chronische Erkrankungen versorgen. Das muss nicht unbedingt in einem Gebäude vereint sein, sondern kann auch als Netzwerk organisiert sein.

    Doch der Gesetzesentwurf ruft bei vielen Ärzten und bei ihrer Standesvertretung Argwohn hervor. Damit werde der allseits beliebte Hausarzt bedroht und durch anonyme Zentren ersetzt, so die Hauptkritik. Zudem sind die Mediziner besorgt, dass Kapitalgesellschaften einen Weg auf den heimischen Gesundheitsmarkt finden könnten.

    Einheitliche Richtlinien

    Doch der Hauptverband und die neue Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) halten an ihren Argumenten fest und beharren auf dem Gesetz. Im ohnehin fragmentierten Gesundheitswesen soll es einheitliche Richtlinien geben, welche Aufgaben ein PHC erfüllen soll, aber gleichzeitig auch Gestaltungsspielraum für diese. "Wir wollen einen Rahmen bilden, was in der Primärversorgung zwischen Bregenz und Neusiedl passieren soll", sagt Wurzer. Dazu sei das Bundesgesetz angedacht, im regionalen Strukturplan Gesundheit könne dann auf bestimmte Herausforderungen eingegangen werden.

    Dafür wird ein neuer, auf Regionen abgestimmter Gesamtvertrag für PHCs angepeilt. Wenn ein PHC in Wien einen Suchtschwerpunkt plant, werden Sozialarbeiter angestellt, in Mistelbach unterstützen Ergotherapeuten bei einem PHC mit geriatrischem Schwerpunkt.

    Änderung im Selbstverständnis

    Es ist die Frage von Macht und Mitreden, die den Konflikten anheizt. Seit die Standesvertretung durch die Gesundheitsreform 2013 an Mitsprache verloren hat, versucht sie ihre Rolle neu zu definieren. Auch wenn einzelne Funktionäre danach trachten, sich in den Entscheidungsprozess reinzureklamieren, beginnt auch eine Änderung im Selbstverständnis der Ärzte der jüngeren Generation. "Die Macht der Ärztekammer beruht darauf, was ihre derzeitigen Mitglieder wollen, nicht die künftigen", sagt Wurzer. Daher glaubt er, die Standesvertretung versuche ein "gemeinsames Feindbild zu zeichnen". Das bilde sich auch in der Ablehnung des PHC-Gesetzes ab.

    Tatsächlich ist es für Jungärzte nicht nachvollziehbar, warum die Teamarbeit im PHC bekämpft werden soll. Relevant für alle Ärzte wiederum ist aber der Gesamtvertrag, der als ärztlicher Kollektivvertrag gilt. Die Frage, wie ein Arztbesuch in Geld abgegolten werden soll, ist kompliziert geregelt.

    Es gibt eine Fallpauschale, die bei der Wiener Gebietskrankenkasse rund 19 Euro beträgt, darüber hinaus werden jedoch verschiedene Behandlungen in einem Punktesystem abgerechnet. Thomas Szekeres, Präsident der Wiener Kammer, erklärt, dass im Schnitt ein Allgemeinmediziner für einen Patienten pro Quartal 45 Euro bekommt. Drei Konsultationen sind in diesem Betrag eingerechnet.

    Leistungskataloge reformieren

    Dass dieses System reformiert werden sollte, darüber sind sich Kammer und Sozialversicherung einig, nur bei der Ausgestaltung gibt es unterschiedliche Ansätze. Für die Standesvertretung gilt der Gesamtvertrag als heilige Kuh, doch die Abgeltung der Einzelleistungen müsse auch reformiert werden. Denn der Gesamtvertrag garantiere auch, dass die Kassen einzelne Ärzte nicht einfach kündigen können, sagt Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer.

    Der Hauptverband will zwischen einfachen und chronischen Patienten unterscheiden. Außerdem sind Prämien vorgesehen. Wird in einer Region besonders häufig ein Leiden festgestellt, kann ein Ziel erklärt werden, etwa die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen zu erhöhen. Die nächste Debatte steht bevor. (Marie-Theres Egyed, CURE, 19.4.2017)

    • Eine Ärztekarriere ist von vielen Faktoren abhängig: Die Ärztekammer ist zu sehr in alten Strukturen verhaftet, meinen Kritiker.
      foto: getty images / istock / 3d_generator

      Eine Ärztekarriere ist von vielen Faktoren abhängig: Die Ärztekammer ist zu sehr in alten Strukturen verhaftet, meinen Kritiker.

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