In die Pedale treten: Warum Radeln gesund ist

1. Mai 2017, 12:24
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Radfahren lernt jedes Kind – als Sport kann es lebenslang überraschend vielseitig bleiben

"Jetzt überholen wir rechts einen Mähdrescher", ruft Stefan Macek. Die ganze Gruppe tritt in die Pedale. Schnell geht es an der landwirtschaftlichen Erntemaschine vorbei, dann kann das Tempo wieder verlangsamt werden. Bis die nächste Anweisung kommt: Diesmal soll im Windschatten der anderen gefahren werden, um dann, auf Geheiß des Trainers, vorzustoßen und die Führung zu übernehmen und kräftig in die Pedale zu treten. Währenddessen kommen zwei Berge immer näher, die noch überwunden werden müssen, bevor die einstündige Einheit vorbei ist.

All das geht sich aus, weil sich Macek und seine Truppe gar nicht auf einer hügeligen Landstraße befinden, sondern inmitten des ersten Bezirks. Hier, am Bauernmarkt, hat der Fitnesstrainer vor einigen Wochen "Soundcycle" eröffnet – ein Fitnessstudio, in dem ausschließlich auf Fahrradergometern trainiert wird. Das Besondere daran: Hier wird in völliger Dunkelheit geradelt, so wie man es in den USA in Soulcycle-Studios seit Jahren tut.

Neue Spielart "Spinning"

Das Auspowern in Clubatmosphäre sei nicht nur für den Körper gut, sondern auch für die Seele, argumentieren Anhänger dieser Spielart des Radelns, die beispielsweise auch im Studio Supercycle im siebten Bezirk betrieben wird – dort wird sogar standesgemäß unter einer Discokugel gestrampelt.

Das Gute am Spinning: Jeder entscheidet selbst, wie anstrengend es sein soll. Denn den Widerstand am Ergometer stellt jeder selbst ein. Noch ein Vorteil: "Durch die Dunkelheit fühlen sich die Menschen nicht so stark exponiert", erklärt Macek, "bei mir sitzen komplette Anfänger neben zehnfachen Triathleten."

Beim Linzer Sportmediziner Rainer Hochgatterer häufen sich jedes Jahr im Frühjahr die Anfragen von Hobbysportlern zum Thema Radfahren, wobei es dann eher um das Radeln im Freien geht: "Wenn man auf der Suche nach einem Ausdauertraining ist, dann ist Radfahren der beste Sport", ist er überzeugt. Radfahren habe den Vorteil, dass man die Belastung schrittweise steigern kann, das Verletzungsrisiko dabei gering bleibt, selbst dann, wenn man zu viel Gewicht auf die Waage bringt.

Muskeln und Gelenke

Egal ob drinnen oder draußen: Trainiert wird laut Hochgatterer die Muskulatur der Beine sowie das Herz-Kreislauf-System. Und das tut Menschen jeden Alters gut: "Solange man eine Kniebeugung von 110 Grad zusammenbringt, kann man Rad fahren." Die Sportart ist auch gut für die Gelenke, weil sie, ohne belastet zu sein, geschmiert werden.

Einen Unterschied zwischen Hometrainer und Fahrrad sieht Hochgatterer darin, dass das Stabilisieren durch den Oberkörper im Fitnessstudio wegfällt. Denn mit dem Ergometer legt man sich im Normalfall nicht in die Kurve. Dafür kann man drinnen das Training präziser steuern: "Hier gibt es keinen Windschatten, keinen Rückenwind, kein Bergabfahren. Jeder Tritt ist Teil des Trainings", sagt Hochgatterer. Daher, so seine Schlussfolgerung, sei bei einer Stunde auf dem Ergometer der Trainingseffekt größer. Der Nachteil vom Indoor-Radeln ist in vielen Wohnzimmern ersichtlich, wo die Geräte verstauben: "Der mentale Widerstand", sich auf den Hometrainer zu schwingen, sei größer.

Das Problem an Spinning-Klassen ist für den Sportmediziner, dass diese für den Durchschnittssportler oft zu intensiv sind: "Wenn jemand nur hochintensive Workouts macht, dann verliert er in der Grundausdauer – das ist aber das, worum es beim Hobbysport eigentlich geht."

Keine Potenzstörungen

Grundsätzlich rät Hochgatterer dazu, sich das Fahrrad richtig anpassen zu lassen: "Ich sehe viele Menschen, die auf zu großen oder zu kleinen Fahrrädern unterwegs sind." Auf Verspannungen im Rücken oder im Nacken müssten sich Radeinsteiger ohnehin einstellen: "Es dauert bis zu 1.000 Kilometer, bis sich der Körper an diese Sitzposition gewöhnt hat", so Hochgatterer.

Dafür räumt er mit einem hartnäckigen Gerücht unter radelnden Männern auf – mit Angst vor Potenzstörungen: Zwar sitzt man beim Radfahren auf dem Nerv, der die Schwellkörper versorgt. Bei längerer Belastung könnten also Hoden und Penis tatsächlich "einschlafen". "Das ist aber bei den allermeisten Männern, zehn Minuten nachdem sie vom Rad absteigen, wieder weg", so Hochgatterer.

"Seien wir uns ehrlich: Am Ende ist es Radfahren zu Musik", sagt Macek über den Fitnesstrend aus New York. Hauptsache radeln, sind sich die Experten einig: "Egal ob Rennradfahren, Mountainbiken oder Soulcycle – solange man etwas macht, ist es gut für den Körper", sagt Hochgatterer. Selbst E-Bikes seien eine gute Möglichkeit, in Bewegung zu kommen, wenn die körperliche Fitness noch fehlt.

Wie, das bleibt also Geschmackssache: entweder in frischer Luft durch schöne Landschaften oder indoor mit dem passenden Soundtrack. Und ja, mit genügend Vorstellungskraft überholt man auch einen Mähdrescher, der im ersten Bezirk unterwegs ist. (Franziska Zoidl, CURE, 1.5.2017)

  • Oberschenkelmuskeln und Ausdauer aufbauen: Jeder Tritt ist beim Fahrradfahren Training.
    foto: getty images / istock / anchiy

    Oberschenkelmuskeln und Ausdauer aufbauen: Jeder Tritt ist beim Fahrradfahren Training.

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