Für die Chemotherapie gewappnet sein

    25. Mai 2017, 17:00
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    Wer eine Krebsbehandlung vor sich hat, sollte sich vorbereiten, auch was das Aussehen betrifft – eine Beobachtung aus eigener Erfahrung

    Hierzulande bekommt man häufig gleichzeitig mit der Diagnose Krebs einen Verordnungsschein in die Hand gedrückt. Darauf: die Genehmigung für eine Kunsthaarperücke im Wert von etwa 300 Euro. Nur einen Selbstbehalt von 39 Euro muss man aus der eigenen Tasche bezahlen.

    Die Krankenkassen in ihrer übergroßen Weitsicht wollen damit bezwecken, dass die unglücklichen Krebspatientinnen nicht auch noch unglücklich über den Verlust ihres Haupthaares sind. Denn wenn es um Schönheit, um weibliche Identität geht, ist kaum etwas noch wichtiger als das Haar. Die Brust vielleicht – und unglücklicherweise steht gerade die bei Brustkrebs auf dem Prüfstand.

    Also genehmigen die Kassen – vielen Sparprogrammen zum Trotz – weiterhin den Heilbehelf Perücke. Und viele, viele Frauen freuen sich über das geschenkte Teil – zumindest ein bisschen.

    Haupthaar Beyoncé

    Doch ist die milde Gabe ein zweischneidiges Schwert. Das, was da finanziell übernommen wird, ist ähnlich schön wie Krankenkassenbrillen. Niedrige Qualität und schrecklich unmodisch. In der Regel erkennt man die Krebspatientin mit der Krankenkassenperücke auf dem Kopf von weitem. Auch ist es unter diesen Dingern heiß wie Hölle – und gerade im Verlauf der Chemotherapie wird die Haut am Kopf sensibel und spannt. Besonders im Sommer ist es unangenehm, wenn etwas wie ein Helm auf dem Kopf sitzt.

    Da ist es egal, ob es sich um Echthaar oder um Kunsthaar handelt – außer was den Preis betrifft. Denn natürlich sieht eine Krankenkassenperücke nicht so aus wie der sicherlich nicht echte Schopf von Tina Turner oder die toll wuchernden Haarteile von Beyoncé.

    Es gibt zwei, eigentlich drei Wege, mit dem Krankenkassenschein umzugehen. Erstens: ins Altpapier entsorgen. Zweitens: eine Perücke erstehen, die möglichst ähnlich dem eigenen, natürlichen Haar ist. Diese Variante bevorzugen die meisten Frauen. Sie wollen, dass man die künstlichen Haare nicht als solche erkennt. Das geht nur nicht – oder nicht gut.

    Auch mit Aufzahlung ist eine Perücke eine Krücke, manchmal allerdings auch eine halbwegs ansehnliche. Mit der Chemo geht nicht nur das Haupthaar verloren, sondern auch Wimpern, Brauen, Flaum. Da steht Kunsthaar schnell in einem seltsamen Widerspruch zum nackten Gesicht.

    Deshalb ist Variante drei der Vorzug zu geben, und die gilt eigentlich für vieles, was mit Krebs und dem Alltag während der Behandlung zu tun hat: Sei mutig! Es ist Zeit, neue, schräge Sachen auszuprobieren! Im Falle der Perücke kann dies bedeuten, dass man sich einen Pagenkopf zulegt, obwohl man nie eine solche Frisur getragen hat. Oder eine neue Haarfarbe ausprobiert. Oder einen schrillen Farbton wählt.

    Mit viel Selbstbewusstsein

    Experimentieren ist in jedem Fall gut in dieser Situation. Auch wenn man schon ein bisschen älter ist, soll man nun mit Turbanen, Kappen, Kopftuch und Hüten experimentieren. Je schräger, desto besser. Man kann amerikanische Hip-Hop-Sänger mit ihren steilen Beanies zum Vorbild nehmen. Das ist gescheiter, als ein biederes Mützchen zu tragen. Und natürlich kann man so auftreten wie die leider verstorbene Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser: kahlköpfig und mit viel Selbstbewusstsein.

    Manches sollte man machen, bevor der Haarverlust einsetzt, und das ist in der Regel ab dem zweiten Durchgang der Chemo (die insgesamt meist sechs Durchgänge umfasst). Vor allem die Brauen spielen da eine wichtige Rolle. Man kann sie vorher – am besten noch vor Beginn der Chemotherapie – von einer Kosmetikerin künstlich nachziehen lassen. Vor der Chemo deshalb, weil sich die Kosmetikerin da noch am natürlichen Verlauf der Braue orientieren kann.

    Und außerdem – und das ist noch wichtiger – kann man da noch relativ sicher sein, dass es zu keiner Irritation oder gar allergischen Reaktion kommt. Außerdem werden in ein paar Monaten, wenn die Behandlung zu Ende ist, die Brauen wieder nachwachsen. Wenn dann Permanent-Make-up und Braue nicht übereinstimmen, schaut das mehr als schräg aus.

    Brauen modellieren

    Grundsätzlich ist für die Brauenmodellierung Microblading zu empfehlen. Das ist eine neue, sanfte und natürlich wirkende Methode. Bei Microblading wird die Haut unter der Braue nicht voll eingefärbt, wie tätowiert, sondern die Haut wird zart strichliert, was im Idealfall, wenn man den richtigen Farbton wählt, echt aussieht.

    Wenn Ihnen also die Kosmetikerin zwei schwarzen Balken im Gesicht einreden will, sagen Sie "Nein!". Bestehen Sie darauf, dass die Braue nur hell strichliert nachgezeichnet wird. Das wirkt natürlicher – und während einer Krebsbehandlung ist man eh eher blass.

    Beim Schminken darf man gerne tiefer in den Farbtopf greifen als sonst. "Smokey Eyes" und knallig rote Lippen sehen bei einem Glatzkopf oder einem Turban hervorragend aus. Eventuell versteckt man das Gesicht noch hinter Sonnenbrillen – und voilà! Am besten ist es, wenn man sanfte Biokosmetik verwendet, die möglichst ohne chemische Inhaltsstoffe auskommt. Auch möglichst unparfümiert sollten die Kosmetika sein. Der Geruchssinn wird während der Chemotherapie überempfindlich. Am besten macht man einen Bogen um Parfums und bittet den Liebsten, sein schweres Herrenwasser eine Zeitlang nicht aufzutragen.

    Eine Kühlhaube auf dem Schädel

    Weil der Verlust der Haare für viele einen ziemlichen Psychostress darstellt, wurde begonnen, über Abhilfe gegen den Haarausfall nachzusinnen. Seither gibt es in einigen Spitälern Kühlhauben. Diese setzt die Patientin etwa eine Stunde vor der Chemotherapie auf. Durch die Kälte verengen sich die Blutgefäße, und das Krebsmedikament kann sich an der Schädeldecke nicht so gut verbreiten.

    Der Effekt ist, dass die Haarwurzeln dem Medikament nicht voll ausgesetzt werden und Haare im Idealfall nicht ausgehen. Die Kühlhaube muss während der Therapiezeit und auch noch ein bisschen danach getragen werden, also etwa sechs Stunden am Stück.

    Die Zufriedenheit mit der Kühlhaube ist unterschiedlich. Weder kann man sicher sein, dass dies den Haarausfall ganz stoppt. Noch ist ein eiskalter Schädel während der mehrstündigen Chemo angenehm. Viele Frauen probieren die Kappen aus, viele verzichten dann aber darauf. Es ist nicht angenehm, und es besteht die Gefahr, dass man sich eine Verkühlung holt.

    Doch gibt es mittlerweile unterschiedliche Kappentechnologien: Die älteren arbeiten auf Basis von simplen Coldpacks, die laufend, und zwar immer dann, wenn sie sich erwärmt haben, ausgewechselt werden müssen. Das ist für Patientin und Krankenschwester recht aufwendig. Besser und neuer sind Kühlkappen, die ein bisschen wie Trockenhauben funktionieren.

    Was das Körpergewicht während dieser schwierigen Zeit betrifft, so ist leider alles möglich. Gewichtszunahmen sind ebenso zu beobachten wie -abnahmen. Sehr oft sind es Medikamente, die einen aufschwemmen. Kortison zum Beispiel. Wenn die Schwankungen beim Gewicht nicht extrem sind, sollte man sich nicht zu viele Gedanken machen.

    Die Zeit der Behandlung dauert vielleicht nur ein halbes Jahr. Viele der Begleiterscheinungen verschwinden nach dem Ende der Behandlung. Und auch das mit der Schönheit während einer Krebsbehandlung ist eine vernachlässigbare Größe. "Mission completed" ist, wenn die Gesundheit wiederhergestellt ist. (Johanna Ruzicka, CURE, 25.5.2017)

    • Eine Krebserkrankung killt die Eitelkeit nicht: Weil sämtliche Körperhaare ausfallen, gilt es rechtzeitig ästhetische Vorkehrungen zu treffen – etwa das Fassonieren der Augenbrauen.
      foto: katsey

      Eine Krebserkrankung killt die Eitelkeit nicht: Weil sämtliche Körperhaare ausfallen, gilt es rechtzeitig ästhetische Vorkehrungen zu treffen – etwa das Fassonieren der Augenbrauen.

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