Landesmutter "großer Töchter, Söhne"

    Rezension28. März 2017, 17:07
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    Zum 300-Jahr-Jubiläum gedenkt die Republik Maria Theresia, die in Wahrheit in weiten Zügen sowohl für den heutigen Staatsapparat als auch für den imperialen Charakter Österreichs verantwortlich ist

    Am bekanntesten ist das von ihr 1774 erlassene Dekret der allgemeinen Schulpflicht. Als umsichtige Reformerin war sie die mächtigste Frau an der Spitze Österreichs. Sie gilt als Landesmutter des Vielvölkerstaates und war real Mutter von 16 Kindern. Mithilfe ihrer radikalen Heiratspolitik vernetzte sie die internationalen Adelshäuser und verwurzelte die Hausmacht der Habsburgerdynastie in nahezu allen Ländern des europäischen Kontinents. Sie wurde in Wahrheit nie zur Kaiserin gewählt oder gar gekrönt. Dennoch kennt man sie als "Kaiserin Maria Theresia"; aufgrund des Umstandes, dass es ihr nach dem Tod Karls VII. aus dem Hause Wittelsbach gelang, dass ihr Gemahl Franz Stephan I. von Lothringen (ein schwacher Mann ohne Hausmacht, ohne politische, diplomatische oder militärische Begabung) zum römisch-deutschen Kaiser gewählt wurde. Zum 300-Jahr-Jubiläum gedenkt die Republik jener Frau, die in Wahrheit in weiten Zügen sowohl für den heutigen Staatsapparat als auch für den imperialen Charakter Österreichs verantwortlich ist. Getragen war ihre Politik vom Geist des aufgeklärten Absolutismus. "So ist ein Landesfürst schuldig, zu Aufnahme oder Erleichterung seiner Länder und Unterthanen wie auch deren Armen, alles anzuwenden, keineswegs aber mit Lustbarkeiten, Hoheiten und Magnifizenz die einhebenden Gelder zu verschwenden", deklamierte sie.

    Die Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn garantierte den Zusammenhalt der Völker, sie reformierte und modernisierte Verwaltung, Justiz, Heer, Bildung und Wirtschaftswesen. Ohne falsche Verklärung oder Negation von Ungerechtigkeiten, sozialen Missständen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Problemen, sozialen Revolutionen, adeligen Intrigen und bürgerlichen Begehrlichkeiten.

    Bis heute ist sie Mythos und Projektionsfläche für unterschiedliche Frauenbilder; als Ehefrau, als Geliebte, als aufopfernde und strenge Mutter, als gnadenlose Herrscherin, als umsichtige, sozial engagierte Katholikin, als mächtige Regentin und Förderin der schönen Künste. Mythos und Wahrheit hinterfragt Katrin Unterreiner in ihrer detaillierten Biografie. Erhellend ist auch der Briefwechsel zwischen Herrscherin und Hofdame. Monika Czernin hat diesen Schatz exhumiert und kommentiert. Fest steht, dass unter Maria Theresias Ägide Österreich erblühte. (Gregor Auenhammer, 28.3.2017)

    Katrin Unterreiner, "Maria Theresia. Mythos & Wahrheit". € 24,90 / 192 S., Styria 2017 Monika Czernin, "Maria Theresia – Liebet mich immer". € 22,- /200 S., Ueberreuter 2017

    Ausstellungen: Schönbrunn: "Frauenpower & Lebensfreude", Hofmobiliendepot: "Familie & Vermächtnis", Schloss Hof: "Bündnisse & Feindschaften", Niederweiden: "Modernisierung & Reformen". KHM: "Zu Handen Ihrer Majestät", ÖNB: "Habsburgs mächtigste Frau"

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