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»Wir müssen das Gesundheitssystem bereinigen«

28. März 2017, 16:34

Dr. Ernest Pichlbauer hat Medizin studiert und als unabhängige Experte für Gesundheitspolitik und Gesundheitsversorgung gearbeitet Heute ist er unter anderem Autor von "rezeptblog.at", einem Blog, in dem er über gesundheitspolitische Themen schreibt.

Herr Dr. Pichlbauer, warum arbeiten Sie heute nicht als Arzt?

Ich war vier Jahre lang Assistenzarzt der Pathologie und wollte eigentlich Pathologe werden. Dass ich es nicht geworden bin, hängt mit einer konzeptlosen Reform und einer für mich schlechten Informationslage zusammen. Die Reform, die damals angedeutet wurde, hätte für mich bedeutet, dass ich praktisch keine Chance gehabt hätte, an der Universität zu bleiben– ich wäre zu einem wissenschaftlichen Mitarbeiter mit Kettenvertrag zurückgestuft worden. Die Information, die hinzukam, war, dass wir auf einen Pathologenüberschuss zusteuern würden, was sich im Nachhinein als falsch erwiesen hat. Wir haben heute einen Pathologenmangel in Österreich! Das, was ich jetzt mache, ist für mich die zweite Wahl.

Massive Finanzprobleme im heimischen Gesundheitssystem, chronische Überlastung des Personals, aber auch fehlende Allgemeinmediziner, eine alternde Bevölkerung mit geringer Gesundheitskompetenz und die Abwanderung junger Ärzte ins Ausland: Das Gesundheitssystem scheint vor dem Kollaps zu stehen. Wie beurteilen Sie die gesundheitspolitische Situation in Österreich? Ist sie tatsächlich so dramatisch?

In Österreich haben wir ein Gesundheitssystem, das den Namen System nicht verdient, weil es schlichtweg keines ist. Stattdessen handelt es sich um ein Zusammenspiel unterschiedlicher Bereiche. Wir brauchen stattdessen klare Regeln. Wir müssen den Ärzten Perspektiven aufzeigen, die es auch heute teilweise schon gibt, die aber im Durcheinander nur schwer zuerkennen sind. Wir brauchen eine integrierte Versorgung. Und wir brauchen eine Finanzierung aus einer Hand. Kurz: Wir müssen das Gesundheitssystem bereinigen.

Noch vor einigen Jahren war von der sogenannten Medizinerschwemme die Rede. Doch Aufnahmeverfahren und die Abwanderung von Jungmedizinern haben mittlerweile zu einem Ärztemangel im Land geführt. Wohin wandern Österreichs junge Ärzte aus? Und welche (besseren) Bedingungen finden sie in den Ländern ihrer Wahl vor?

Ja, Jungmediziner finden im europäischen Ausland, zum Beispiel in Deutschland, die besseren Bedingungen vor. Die Ausbildung ist strukturierter und – was ein wesentlicher Faktor ist – mit klaren Termini verbunden. Die jungen Ärzte wissen genau, wie lange die Facharztausbildung dauert. In Österreich hingegen konnte sich der Turnus ziehen, und der Kampf um die sogenannten"kleinen Fächer" wie HNO, Kinder- und Jugendheilkunde oder Dermatologie führte dazu, dass Jungmediziner unnötige und nicht anrechenbare Zeit beispielsweise auf der Internen verbrachten. War man da mal geparkt, konnte man durchaus ein oder auch zwei wertvolle Jahre verlieren. Ob und wann die neue Ausbildungsordnung hier Verbesserungen bringt, wird die Zukunft zeigen. Die Ausbildung für Fachärzte in unserem Land ist einerseits also exorbitant lang, andererseits bilden wir die meisten Ärzte der Welt aus. Wir haben also keinen Ärztemangel, wie vielfach behauptet wird, wir haben nach wie vor eine Ärzteschwemme und verzeichnen einen Zuwachs von 800 bis 900 Ärzten pro Jahr – auch weil zahlreiche Fachärzte nach ihrer Ausbildung im Ausland wieder zurückkommen. Wie viele das sind, ist statistisch allerdings nicht belegt, was im Übrigen auch schon die WHO kritisiert hat.

Woran es uns allerdings mangelt, sind Allgemeinmediziner. Jungärzte glauben, auf Nummer sicher gehen zu müssen. Und auf Nummer sicher zu gehen bedeutet für viele, sich zum Facharzt ausbilden zu lassen. Fachärzten geht es in Österreich nämlich sehr gut. Die Arbeitsbedingungen sind gut, die Bezahlung ist gut, eine so große fachärztliche Freiheit wie bei uns gibt es sonst nirgends. Alle diese Punkte treiben jedoch den Hausärztemangel voran und lassen das Berufsbild des Allgemeinmediziners unattraktiv erscheinen. Ein neues Gesetz soll nun Abhilfe schaffen, indem es die Position der Hausärzte massiv aufwertet. Dazu gehört auch eine angestrebte Einkommensgleichheit von Allgemeinmedizinern und Fachärzten, die ich für sinnvoll halte.

Zum Weiterlesen
Dr. Ernest Pichlbauer über Gesundheitspolitisches:
www.rezeptblog.at

  • unabhängiger Experte fürGesundheitspolitik und Gesundheitsversorgung
    foto: privat
    Dr. Ernest Pichlbauer

    unabhängiger Experte fürGesundheitspolitik und Gesundheitsversorgung

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