Explizit bis enttäuschend: Sex und Romantik in "Mass Effect Andromeda"

28. März 2017, 10:12
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Biowares Sci-Fi-Rollenspiel schreibt sich Erotik auf die Brust, befriedigt aber nicht alle Fans gleichermaßen

Blickt man auf die lange Liste der kontemporären Videospielblockbuster für Erwachsene, wird der inhaltliche Fokus deutlich: Im Mittelpunkt stehen Kämpfe, Gefechte, epische Schlachten. Das hat mehrere Gründe, einer davon ist der Umstand, dass Spielentwickler bereits früh herausgefunden hatten, wie sich beispielsweise Schießereien oder Schwertkämpfe in interessante Gameplay-Mechaniken übersetzen lassen.

Die Einbindung von Erotik und Romantik in Games erfolgt hingegen auch heute noch oft gar nicht oder nur am Rande. Zu den wichtigsten Vorreitern bei "Herzensangelegenheiten" abseits von expliziten Werken, gehört das Studio Bioware, der seinen schlagkräftigen Charakteren in Games wie "Dragon Age" oder "Mass Effect" auch eine sensible und erotische Seite angedeihen lässt. Das jüngste Werk, der Sci-Fi-Rollenspiel-Shooter "Mass Effect Andromeda", stellt keine Ausnahme dar. Im Vorfeld versuchte sogar so mancher Entwickler das Spiel als "Softporno" zu verkaufen. Mittlerweile ist das Spiel seit einer Woche auf dem Markt und das Internet voll mit Videos und Screenshots der intergalaktischen Romantik. Ebenso intensiv wird bereits darüber diskutiert, ob der Hersteller seine Versprechen halten konnte und ob jede sexuelle Orientierung gleich zum Zug kommt.

edu9k7 tv
Damit alle wissen, worum es geht: Der Youtube-Channel Edu9k7 TV hat alle Romanzen von "Mass Effect Andromeda" in einem Video zusammengefasst.

Vielschichtig und feinfühlig

Branchenbloggerin Patricia Hernandez von Kotaku sieht in der Romanze zwischen Alec Ryder und Kameradin Cora den Höhepunkt erreicht. "Sie zeigt einen Sinn für Verspieltheit, Schüchternheit. Die Küsse sehen ziemlich ordentlich aus, berücksichtigt man die Animationsqualität bei anderen Szenen im Spiel, was ein Gefühl der Intimität erzeugt", schreibt Hernandez. Zudem begrüße die Autorin, dass die Entwickler nicht davor zurückgeschreckt haben, nackte Haut und eindeutige Posen und Bewegungen zu zeigen. "Normalerweise gehen Videospielsexszenen nicht so weit."

Sex ist allerdings nicht die einzige Ausdrucksform der Zwischen"menschlichkeit". "Andromeda" lässt Spieler viele Facetten Zuneigung verfolgen, die manchmal nicht über ein paar herzliche Worte hinausgehen. Kreativdirektor Mac Walters erklärte bereits Ende Jänner das neue Konzept dahinter. Ziel war es, von dem formelhaften System der ursprünglichen "Mass Effect"-Trilogie abzusehen. "Man sprach zu Charakteren und dann kam man zu einem Punkt im Spiel, an dem es kein Zurück mehr gab und die Romanze nahm ihren Lauf", so Walters im Gespräch mit der Seite GameInformer. "Das hat nichts mit dem realen Leben zu tun. Es sollte manche Leute geben, die sofort in die Kiste springen wollen. Es sollte Leute geben, die in Langzeitbeziehungen interessiert sind. Und es gibt Leute, die an Romanzen gar nicht interessiert sind."

Probleme mit Homosexualität

Während man also mit manchen Wegbegleitern eine stürmische Affäre im Raumschiff haben kann, gibt es Mitstreiter, denen man die Treue schwören kann. Doch nicht alle Vorlieben kommen in gleichem Maße zum Zug. Der einzige transsexuelle Charakter zum Beispiel wirke laut einem Bericht der Seite Eurogamer erzwungen, als wäre er nur ein Eintrag auf einer Marketingcheckliste gewesen.

Und wie Fans in den Branchenforen Reddit und NeoGAF monieren, stehen Spielern bei gleichgeschlechtlichen Intimitäten deutlich weniger Optionen zur Verfügung, was sogar dazu, dass man eine virtuelle Errungenschaft (Trophy oder Achievement) nur unter Einbeziehung einer weiteren heterosexuellen Beziehung erhalten kann. "Das Problem ist nicht nur das Achievement, sondern dass die Darstellung von Homosexualität generell problematisch ist", schreibt NeoGAF-User Burbeting. Gleichgeschlechtliche Sexszenen würden beispielsweise rasch ausgeblendet werden. "Es ist zudem bedenklich, dass Romanzen für den männlichen homosexuellen Ryder (Spieler können zwischen einem männlichen Protagonisten und einer weiblichen Protagonistin) wählen auf Nebencharaktere außerhalb des Squads beschränkt sind." Für viele Bioware-Fans sei dies eine Enttäuschung, speziell nachdem das letzte Rollenspiel des Herstellers, "Dragon Age Inquisition", Homosexualität ebenbürtiger in die Romanzen der Spielwelt eingebaut hatte.

Enttäuschung für Fans

Bloggerin Hernandez zufolge könnten manche Einschränkungen wie viel Dialoge im Spiel auch auf allgemeine Produktionsmängel zurückzuführen sein. Eine Sexszene zwischen Sara Ryder und Peebee erinnere beispielsweise eher an Bilder, die man mit einem heterosexuellen Akt in Verbindung bringt. "Es scheint, als hätte man die Animation von der männlichen Sexszene recycelt."

Brendan Routh zeigt sich im Gespräch mit Kotaku enttäuscht über die sexuellen Einschränkungen von "Andromeda". Nicht, weil er es als Verpflichtung der Entwickler sehe, alle sexuellen Vorlieben gleichsam zu berücksichtigen, sondern weil der Vorgänger einen besonderen Stellenwert bei homosexuellen Spielern und Spielerinnen genoss. "'Mass Effect 3' hat mir eine Welt gezeigt, in der homosexuelle Männer Helden sein können, die die Welt retten. Helden, die andere Männer lieben konnten und sich nicht dafür schämen mussten. Das hat mir viel bedeutet." (zw, 28.3.2017)

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Die meiste Zeit geht es explosiv in "Mass Effect Andromeda" zu.
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    foto: mass effect andromeda
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