Flüchtlingshilfe: Weniger Spenden, dafür mehr Hasspostings

26. März 2017, 18:20
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Vorwürfe gegen Hilfsorganisationen gehören zu "Diffamierungskampagne der EU", sagen Vertreter der NGOs

Wir haben nur noch wenige Mittel", beklagt Regina Catrambone den Rückgang an Spenden. Die Italienerin hatte zusammen mit ihrem Mann vor drei Jahren die NGO Migrant Offshore Aid Station (MOAS) gegründet, um Menschenleben im Mittelmeer zu retten. Nun habe die Organisation mit dem Vorwurf zu kämpfen, sie sei ein Pull-Faktor. Außerdem gebe es mittlerweile viele private Rettungsorganisationen, die um Geld von Spendern werben. Für MOAS ist unsicher, wie es weitergeht. Zudem ist die NGO verstärkt Hasspostings im Netz ausgesetzt. "Es ist eher die Regel, nicht die Ausnahme", sagt Sprecher Giulio Tiberio Marostica.

Einen Spendenrückgang hat Sea Watch nicht zu beklagen. "Zum Glück ist Humanität immer noch genügend Menschen wichtig", sagt Ruben Neugebauer zum STANDARD. Doch auch die deutsche NGO beschäftigt der Vorwurf, ein Pull-Faktor zu sein. "Wir suchen den Kontakt zu Forschern, um das wissenschaftlich zu widerlegen." Für Neugebauer ist das Teil einer "Diffamierungskampagne der EU": Man wolle sie abhalten, Menschen zu retten, um mit Leichen im Mittelmeer andere abzuschrecken, nach Europa zu fliehen.

Nach dem Rekordjahr 2016 mit 181.000 Ankünften in Italien wird heuer mit einem weiteren Anstieg gerechnet. "In Afrika drohen gerade vier Hungerkatastrophen, deshalb flüchten Menschen", sagt Neugebauer dazu, "wer tatsächlich glaubt, ein 33 Meter langer Kutter aus Deutschland sei ein ernsthafter Pull-Faktor, sollte sich einmal die globalen Dimensionen genauer ansehen."

Österreich: NGOs wehren sich gegen Vorwürfe

In Österreich wehren sich derzeit Hilfsorganisationen gegen Vorwürfe in dem vom ehemaligen Lagerleiter in Traiskirchen, Franz Schabhüttl, verfassten Buch. Laut "Brennpunkt Traiskirchen" hätten im Herbst 2015 NGOs und Medien lancierte Berichte über "angeblich unterversorgte Flüchtlinge" in Traiskirchen zu einem Ansturm privater Spender beim Lager geführt, obwohl es zu nie Versorgungsprobleme gegeben hätte.

"Jeder, der die Bilder von obdachlosen Menschen in der Erstaufnahmestelle Traiskirchen gesehen hat, weiß: Hier herrschte dringender Handlungsbedarf", sagte der Wiener Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner im Ö1-Morgenjournal. Sich rückwirkend über "das Engagement von tausenden Freiwilligen zu beschweren macht deutlich, dass hier bis heute nichts verstanden wurde". Amnesty-International-Generalsekretär Heinz Patzelt sprach von "schlampiger Recherche und haltlosen Vorwürfen".

(ksh, ook, dpa, 26.3.2017)

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