Forscher für radikalen Bruch mit bisherigem Dino-Stammbaum

Video26. März 2017, 15:37
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Eine aktuelle britische Studie läuft auf ein taxonomisches Erdbeben hinaus

Cambridge – Was Paläontologen um Matthew Baron von der University of Cambridge in der jüngsten Ausgabe von "Nature" vorschlagen, kommt einem taxonomischen Erdbeben gleich. Sie regen buchstäblich radikale – also zu den Wurzeln gehende – Änderungen im Stammbaum der Dinosaurier an. Und der schien immerhin seit über einem Jahrhundert sehr stabil zu stehen.

natural history museum

Die Schockwellen dieses "Erdbebens" würden freilich vor allem Dino-Fans treffen. Für alle anderen hat Wissenschaftsjournalist Ed Yong in "The Atlantic" zwecks Anschaulichkeit folgende Analogie gefunden: Es ist, als würde einem jemand sagen, dass weder Katzen noch Hunde das sind, wofür wir sie hielten, und dass einige Tiere, die wir Katzen nennen, in Wirklichkeit Hunde sind.

Worum es geht

Der Status quo sieht so aus: Zurückgehend auf den britischen Paläontologen Harry Govier Seeley, werden seit 130 Jahren alle Dinosaurier trotz ihrer Formenvielfalt einer von nur zwei Gruppen zugeteilt: den Vogelbeckensauriern (Ornithischia) oder den Echsenbeckensauriern (Saurischia). Grundlegende Unterschiede im Hüftknochenbereich trennen diese beiden Entwicklungslinien.

Sämtliche Ornithischia waren Pflanzenfresser – wenn auch sehr unterschiedlich aussehende. Dazu gehörten unter anderem gehörnte Dinos wie der Triceratops, die gepanzerten Ankylosaurier oder die zumindest zeitweise auf zwei Beinen laufenden Hadrosaurier.

foto: ap/jens meyer, reuters/victoria arbour, ap photo/national geographic society
Einige typische Ornithischia von links nach rechts: Triceratops, der Ankylosaurier Ziapelta und ein Hadrosaurier.

Noch heterogener sahen die Saurischia aus. Zu ihnen zählen einerseits die ebenfalls auf zwei Beinen laufenden Theropoden, die wie der T. rex oder Velociraptor zum weit überwiegenden Teil Fleischfresser waren. Und andererseits eine Gruppe, die unterschiedlicher gar nicht sein könnte: nämlich die kolossalen Sauropoden (oder Sauropodamorpha) mit ihren charakteristisch langen Hälsen und Schwänzen. Diese waren allesamt Vegetarier – nur ganz am Anfang ihrer Stammesgeschichte gab es noch kleinere Allesfresser.

Um die Verwirrung komplett zu machen, gehören nach dieser Einteilung die Vögel, die ja per definitionem ein Vogelbecken haben, zu den Echsenbeckensauriern. Denn wie im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts sukzessive und ohne jeden Zweifel bewiesen werden konnte, sind Vögel theropode Dinosaurier.

fotos, illustrationen: apa/afp/josep lago, apa/georg hochmuth, apa/nature/australian age of dinosaurs museum of natural history, travis tischler
Saurischia nach bisherigem Verständnis: Spinosaurus, Schwan und Savannasaurus. Die Kollegen rechts müssen das Familienfoto möglicherweise verlassen.

Dieses Paradoxon löst sich auf, wenn sich der neue Vorschlag von Matthew Baron und seinen Kollegen von der Uni Cambridge und dem Natural History Museum London nach eingehender Prüfung durch die Fachwelt tatsächlich durchsetzen sollte. Ihren Erkenntnissen nach müssten die Theropoden von den vermeintlich mit ihnen verwandten Sauropoden getrennt und mit den Ornithischia zusammengefasst werden.

Das Datenmaterial

Für ihre Studie zogen sie die Skelette von 75 verschiedenen Dino-Spezies heran und verglichen sie miteinander anhand von 457 Körpermerkmalen, verteilt über die gesamte Anatomie. Dabei fokussierten sie vor allem auf die ältesten bekannten Dinosaurierarten. Am Computer ließen sie dann ein Modell für die Wahrscheinlichkeit erstellen, wie sich die unterschiedlichen Merkmalsausprägungen am ehesten auseinander entwickelt haben können.

Das Ergebnis kurz zusammengefasst: Die Theropoden gehören zu den Vogelbeckensauriern – und mit ihnen auch die Vögel selbst. Das Potenzial zur Ausbildung einer vogelartigen Beckenanordnung sei in dieser Gruppe schon vorab angelegt gewesen, die Ausprägung sei eben nur zu verschiedenen Zeiten erfolgt. Diese Zuordnung würde auch gut zu dem Umstand passen, dass man schon sehr viele Theropoden und auch vereinzelte Ornithischia mit Spuren von Federn oder haarähnlichen Strukturen gefunden hat – aber noch nicht einen einzigen Sauropoden.

illustration: reuters/jon hoad/university of edinburgh
Mit ihrem einzigartigen Körperbau stellten Sauropoden die größten Landtiere aller Zeiten.

Die Sauropoden hingegen blieben in diesem Modell außen vor. Möglicherweise dürfte man sie dann gar nicht mehr Dinosaurier nennen, sagt Baron. Es wären dann nur noch nahe Verwandte der Dinos – etwas näher als Flugsaurier und Krokodile immerhin.

Damit dies nicht geschieht, haben die Forscher einen weiteren Begriff aus dem 19. Jahrhundert aus der Schublade geholt, der seitdem kaum verwendet wurde. Sie schlagen vor, im Stammbaum eine weitere Zwischenebene einzuziehen und Theropoden und Ornithischia unter der Bezeichnung Ornithoscelida zusammenzufassen – als Schwestergruppe zu den Sauropodamorpha innerhalb der Dino-Welt. Ansonsten wären ausgerechnet so ikonische Tiere wie Diplodocus oder Brontosaurus keine Dinosaurier mehr. (jdo, 26. 3. 2017)

  • Eindeutig ein Dinosaurier: der Stieglitz.
    foto: apa/dpa/patrick seeger

    Eindeutig ein Dinosaurier: der Stieglitz.

  • Möglicherweise kein Dino (das ist nun eine reine Benennungssache): Brontosaurus, seit kurzem wieder als eigene Art von Apatosaurus unterschieden..
    foto: ap photo/pat roque

    Möglicherweise kein Dino (das ist nun eine reine Benennungssache): Brontosaurus, seit kurzem wieder als eigene Art von Apatosaurus unterschieden..

  • Links der herkömmliche Dino-Stammbaum, rechts der Neuvorschlag. "Paraphyletisch" bedeutet, dass der Name einer Tiergruppe ihrem Wesen nicht ganz gerecht wird, weil er nicht auf alle Tierarten angewendet wird, die zu ihr gehören. Das Wort "Reptilien" ist paraphyletisch, weil zu ihnen auch die Vögel gehören würden – die aber eben ihren eigenen Begriff haben.
    illustration: university of cambridge

    Links der herkömmliche Dino-Stammbaum, rechts der Neuvorschlag. "Paraphyletisch" bedeutet, dass der Name einer Tiergruppe ihrem Wesen nicht ganz gerecht wird, weil er nicht auf alle Tierarten angewendet wird, die zu ihr gehören. Das Wort "Reptilien" ist paraphyletisch, weil zu ihnen auch die Vögel gehören würden – die aber eben ihren eigenen Begriff haben.

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