Small is beautiful: Ja zur Kleinstaaterei!

Kommentar der anderen24. März 2017, 17:26
18 Postings

Europa muss keine große Einheit sein: Die einzigartige Kombination aus politischer Fragmentierung und kultureller Einheit ermöglichte über Jahrhunderte einen intensiven politischen Wettbewerb – um die besten Köpfe, die besten Ideen

Jüngst hat sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gegen "Kleinstaaterei" ausgesprochen. Juncker vertritt die verbreitete Auffassung, dass Europa in Zeiten der Globalisierung nur in einem Staat vereint, als "Vereinigte Staaten von Europa," prosperieren könne. Nur zusammen als EU bringe man genug Gewicht auf die Waage, um mit anderen Großmächten wie USA, Russland oder China auf einer Augenhöhe verhandeln zu können.

Der Luxemburger Juncker verkennt, dass das Konzept der "Großstaaterei" zutiefst antieuropäisch ist. In der Geschichte gab es zahlreiche Großreiche in Asien mit Persien oder China, in denen zumeist das politische und religiöse Oberhaupt ein und dieselbe Person waren. In Europa versuchten Eroberer wie Karl der Große, Napoleon oder Hitler indes vergeblich ein Großreich zu etablieren.

Was Europa historisch aus- und groß gemacht hat, ist gerade seine politische Fragmentierung wie der Wirtschaftshistoriker Eric Jones gezeigt hat. Politisch fragmentiert war Europa jedoch kulturell und intellektuell geeint. Der christliche Glauben, das geistige Erbe der Antike, und das Lateinische als Lingua franca erzeugten einen einheitlichen Kulturraum. Diese einzigartige Kombination aus politischer Fragmentierung und kultureller Einheit ermöglichte einen intensiven politischen Wettbewerb, um die besten Köpfe, um die besten Ideen.

Sich herausputzen

Aber warum sind kleine Staaten einer wirtschaftlichen und kulturellen Blüte zuträglich? In kleinen Staaten sind die Grenzen nah. Benimmt sich ein Staat in Form von hohen Steuern oder erdrückenden Eingriffen in das Leben seiner Bürger daneben, dann können sich diese unter geringen Kosten dem Zugriff entziehen. Sie wandern einfach in einen nahen und kulturell ähnlichen Nachbarstaat aus, der attraktivere Rahmenbedingungen bietet. Unter Kleinstaaten entwickelt sich ein intensiver Wettbewerb, der zu niedrigeren Steuern und weniger Eingriffen führt. Kleinstaaten müssen sich herausputzen, um Bürger anzuziehen und zu binden.

Garant der Freiheit

Die Angst der Staaten seine Bürger, und damit seine Macht- und Steuerbasis zu verlieren, wird zum Garant der Freiheit. Es ist kein Zufall, dass die Idee der individuellen Freiheit in Europa zur vollen Blüte gelangte und mit der industriellen Revolution zuerst auf unserem Kontinent die Massenarmut überwunden werden konnte.

Aber würde ein Rückfall in die Kleinstaaterei nicht die offenen Grenzen und den Frieden in Europa gefährden? Die Befürchtung, dass sich heute ein Europa kleiner Staaten dem Protektionismus verschreiben und neue Zollschranken errichten würde, ist unbegründet. Denn gerade Kleinstaaten sind auf offene Grenzen und Frieden angewiesen.

Kleinstaaten können viele Güter gar nicht und andere nur sehr ineffizient innerhalb ihres Staatsgebietes produzieren. Ein Land wie etwa das Fürstentum Liechtenstein kann es sich einfach nicht leisten, sich vom Rest der Welt abzuschotten. Liechtenstein importiert Bananen, Thunfisch, Smartphones, Autos etc. Im Gegenzug bezahlt es mit hochspezialisierten Exportprodukten. Für Liechtenstein ist der internationale Handel überlebenswichtig. Bei Großstaaten sieht das anders aus. Riesenstaaten wie USA verlieren zwar auch in Autarkie. Jedoch können sie viele Güter im eigenen Land produzieren.

Der zu befürchtende neue Protektionismus unter Donald Trump würde auch zu Wohlfahrtseinbußen führen, ist aber durch die schiere Größe der Vereinigten Staaten leichter zu verkraften. Auch die große EU erlaubt sich Außenzölle und protektionistische Regulierungen, denen Kleinstaaten aus dem Weg gehen müssen. Würde Liechtenstein eine Mauer auf seiner Grenze hochziehen, wären die Einbußen gewaltig und unmittelbar spürbar.

Friedlichere Staaten

Weil Kleinstaaten Freihandel und einen ungehemmten Warenverkehr zum Überleben benötigen, sind sie auch friedlicher. Denn in einem Krieg wird meist der freie Warenverkehr behindert. In Konflikten verhalten sich Kleinstaaten neutral. Sie mischen sich nicht in die Angelegenheiten anderer Staaten am anderen Ende der Welt ein. Großstaaten mit Ambitionen, die große Weltpolitik betreiben wollen, sind tendenziell aggressiver. Sie können sich ihre Aggressivität leisten und Behinderungen des Welthandels leichter verkraften. Mit ihren Massenvernichtungswaffen können sie auch viel mehr Schaden anrichten als harmlose Kleinstaaten.

Ein freies, friedliches und kulturell geeintes Europa kleiner Staaten ist nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert. Ironischerweise entpuppt sich Juncker mit seiner Kritik an der "Kleinstaaterei" als Europaskeptiker. Anstatt asiatischer Großstaaterei nachzueifern, sollten wir uns auf die europäische Dezentralisierung und politische Fragmentierung zurückbesinnen.

Gegen das Monster

Mehr kleine Liechtensteins, ein unabhängiges Bayern oder auch Flandern stünden Europa gut zu Gesicht. Ein Bürokratiemonster Brüssel als Kopf eines europäischen Zentralstaats und eine EU-Kommission mit Herrn Juncker an der Spitze braucht Europa für sein Wohl nicht. (Philipp Bagus, 24.3.2017)

Philipp Bagus ist Volkswirt (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) und Professor an der König-Juan-Carlos-Universität in Madrid. "Wir schaffen das – alleine! Warum Kleinstaaten einfach besser sind" von Philipp Bagus und Andreas Marquart erschien am 20. März im Finanzbuch-Verlag.

  • Mehr Liechtensteins, das wäre was für Europa. Kleinstaaten sind auch friedfertiger als Großmächte.
    foto: karl-josef hildenbrand/dpa

    Mehr Liechtensteins, das wäre was für Europa. Kleinstaaten sind auch friedfertiger als Großmächte.

Share if you care.