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Reportage14. April 2017, 07:12

Wir saßen im Schlosspark in Steyr, und der Gesprächsstoff war ungewöhnlich. Nicht für Demografen in den Büros ihrer Statistikämter, wohl aber für Jugendliche, die sich an einem lauen Abend an ihren Bierdosen festhielten, um sonst über Musik, die Zwischenmenschlichkeiten der Schulkollegen und den Sinn des Lebens zu reden.

"Steyr hat sicher über 40.000 Einwohner", sagte ein Freund.
"Das war einmal, vielleicht vor zwanzig Jahren", antwortete ich.

Mitte der 1990er-Jahre besaß kaum jemand ein Mobiltelefon, schon gar nicht wir im Oberstufenalter. Der Gedanke, jemand könnte unsere Meinung auf den Zweizeilendisplays der unhandlichen Prügel in Sekunden widerlegen, war uns fremd, also vertraten wir unsere Behauptungen mit der nötigen Vehemenz. Die Einwohnerfrage, die längst zu einer Gruppendiskussion eskaliert war, wurde an diesem Abend nicht mehr gelöst.

Die Episode war für meine Sozialisation in Steyr unbedeutend, und ich weiß nicht, warum mir selbst die Parkbank des Geschehens in Erinnerung geblieben ist. Aber sie passt zu dieser Geschichte.

Steyr, ein Zentrum der Strukturschwäche

Steyr hatte tatsächlich nur in den frühen 1970er-Jahren mehr als 40.000 Einwohner. Seither schrumpft die Bezirkshauptstadt im äußersten Osten Oberösterreichs dezent, aber konstant. Anfang 2017 stand der Zähler bei 38.324 Bewohnern. Das ist deshalb bemerkenswert, weil alle vergleichbaren großen Städte in Österreich stark an Einwohnern zugelegt haben. Wiener Neustadt wuchs in den vergangenen 15 Jahren um 18 Prozent, Dornbirn und Feldkirch um je 15 Prozent, Bregenz und St. Pölten um je elf Prozent. Steyr hingegen verlor drei Prozent der Einwohner.

"Dabei wäre Steyr so schön", sagt meine Großmutter. "Die über 1.000 Jahre alte Romantik- und Christkindlstadt zählt zu den schönsten Altstädten Europas", findet auch der örtliche Tourismusverband, schon das Rathaus auf dem Stadtplatz sei "eines der bedeutendsten Rokoko-Baudenkmäler Österreichs".

Drinnen im Baudenkmal versucht Vizebürgermeister Wilhelm Hauser Antworten auf den Rückgang zu finden. Die billigeren Immobilienpreise im Einzugsgebiet saugen die Bewohner ab, sagt Hauser, der ebenso wie Stadtchef Gerald Hackl für die SPÖ im Rathaus sitzt. Steyr ist eine rote Hochburg; weniger als die 41,3 Prozent der Stimmen bei der ersten Gemeinderatswahl im Jahr 1949 fuhr die SPÖ in der Zweiten Republik nicht mehr ein.

Hausers These vom Speckgürtel, der um Steyr wuchert, ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Zwar haben die sieben direkt angrenzenden Gemeinden heute um gut acht Prozent mehr Einwohner als 2002. Doch das liegt immer noch unter dem Bevölkerungsanstieg, den Österreich in dieser Zeit in Summe verzeichnete. Und das Phänomen anschwellender Vororte trifft nicht weniger auf die vergleichbaren Städte zu, die trotzdem auch innerhalb der Stadtgrenzen an Einwohnern gewannen.

"Ich glaube, wir haben 2015 den Turnaround geschafft", sagt Hauser und streicht auf einem Farbausdruck mit dem Zeigefinger die Bevölkerungskurve entlang, die an ihrem Ende eine leichte Krümmung nach oben beschreibt.

Steyr hat heute rund 200 Einwohner mehr als 2014. Ob die Stadt für sie die erste Wahl war, ob sie vor ihrer Ankunft überhaupt von der Existenz Steyrs wussten, ist aber fraglich. Denn der leichte Anstieg ist ausschließlich auf Asylwerber und -berechtigte zurückzuführen. Anfang 2014 lebten 98 Staatsbürger Syriens und Afghanistans in Steyr, 2017 waren es 413. Ohne sie und ohne die Neobewohner aus einigen anderen Krisenstaaten hätte Steyr heute die niedrigste Einwohnerzahl seit der Zeit des Wirtschaftswunders in den 1950er-Jahren.

Die Entwicklung in Steyr dürfte mehreren Faktoren geschuldet sein. Einerseits einer Strukturschwäche, die auch andere frühere Zentren der eisenverarbeitenden Industrie in Österreich erfasst hat. Leoben, Kapfenberg oder Eisenerz kämpfen ebenfalls mit Abwanderung, ihre Industrietradition bringt in der Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft keine Jobs. In Steyr schreiben Leitbetriebe wie BMW oder MAN Produktionsrekorde und investieren in ihre Forschungsabteilungen, um in das Zeitalter der Automation überzusetzen. Dennoch hält Steyr die höchste Arbeitslosenquote aller oberösterreichischen Bezirke. 14,3 Prozent der erwerbsfähigen Steyrer waren im Februar beschäftigungslos, ein fast doppelt so hoher Wert wie die 7,3 Prozent Oberösterreichs.

Auch die Jugendarbeitslosigkeit ist die höchste des Bundeslandes, und trotz des Rufes als Schulstadt und der Ansiedlung einer Fachhochschule im Jahr 1995 hat Steyr landesweit den höchsten Anteil an Bewohnern, die keine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung abgeschlossen haben.

Zudem leidet Steyr von jeher an der unzureichenden Verkehrsanbindung. Früher waren Flüsse die wichtigsten Lebensadern einer Stadt. An Flüssen mangelt es Steyr nicht. Der charakteristische Zusammenfluss von Enns und Steyr unterhalb von Schloss Lamberg ist sogar im Ypsilon des Stadtlogos abgebildet. Heute aber sind Autobahnen und Schnellfahrstrecken Garanten für florierende Städte. Um Steyr machen sowohl West- und Pyhrnautobahn als auch die Westbahnstrecke in rund 20 Kilometern Entfernung einen Bogen.

Muss eine Stadt denn immer wachsen?

Aber muss Wachstum für eine Stadt das ultimative Dogma sein? Ist Stagnation schon der Vorbote des Niedergangs? Für die Steyrer Verwaltungsspitze schon. "Es war für uns nicht angenehm, den Rückgang wahrzunehmen. Wir sind dabei, ihn einzubremsen und Maßnahmen zu setzen", sagt Hauser.

Es erweckt den Anschein einer Flucht nach vorn: Fast 600 neue Wohnungen sind derzeit bewilligt oder schon im Bau, teils sozialer Wohnbau, teils Eigentum. Damit entsteht fast ohne Nachfrage Wohnraum für bis zu 1.500 Menschen. Hauser ist zuversichtlich, sie erfüllen zu können. Auch kürzlich ferner vom Zentrum errichtete Eigentumswohnungen seien rasch vergriffen gewesen.

foto: michael matzenberger
Neue Wohnungen an der Steyrer Tomitzstraße.

Die strukturellen Probleme ziehen sich in Steyr aber bis ins Mark. Am Stadtplatz und seinen Fortsätzen, dem Grünmarkt und der Engen Gasse, stehen mehr als ein Dutzend Gewerbelokale leer. Auch im Einkaufszentrum Citypoint, nur einen Kreisverkehr von der Stadtpfarrkirche entfernt, sind mehrere Geschäftseinheiten ungenutzt. Bei der Eröffnung 2001 galt es als Heilsversprechen für die Belebung der Innenstadt.

Heute sollen wieder Menschen und Kapital in das Zentrum geködert werden. Wie viele andere Kommunen auch versucht sich Steyr an einem 365-Euro-Jahresticket für den öffentlichen Verkehr, in diesem Fall ein Busnetz, das aus zehn Linien besteht. Radwege wurden ausgebaut, und ein Aufzug soll die Fußgänger vom höhergelegenen Stadtteil Tabor auf den Stadtplatz locken. Das Zentrum soll aber auch mit Autolenkern aus dem Umland gefüttert werden. Mit 1,6 Millionen Euro beteiligt sich die Stadt an einem Infrastrukturprojekt, das bereits seit Jahrzehnten im Gespräch war: eine Tiefgarage, die das Zentrum mit Autolenkern aus dem Umland füttern soll, und eine Brücke, die in ein Haus auf dem Stadtplatz wächst.

fotos: michael matzenberger
Gewerbeleerstand im Steyrer Zentrum.

Leopold Födermayr sitzt in seinem Kaffeehaus mit angeschlossenem Bioladen, es heißt Leopold. Födermayr ist hochgewachsen und ein hagerer Typ, seine Körpersprache wirkt jünger als die eines 74-Jährigen. Der Steyrer hat einige Unternehmungen auf die Beine gestellt, in seiner Heimatstadt kennt man Födermayr am besten für die mittlerweile von ihm aufgegebene Softwarefirma Systema. Heute ist er die treibende Figur hinter dem Konsortium Stadtplatzgarage Steyr GmbH.

Födermayr hat einige örtliche Finanziers zusammengerufen, die er nicht als Partner bezeichnen will, sondern als Freunde. Robert Hartlauer, als Werbetestimonial der eigenen Handelskette aus dem Fernsehen bekannt, ist darunter, außerdem der Forstbetreiber Dietrich Buschmann. Ein Rechtsanwalt, ein Steuerberater und ein Bauunternehmer ergänzen die Investorengruppe.

Mehr als neun Millionen Euro haben sie aufgestellt, zur Hälfte Eigenkapital, zur Hälfte Bankdarlehen. "Eine gute Quote", sagt Födermayr. Den größten Teil des Geldes kostete es, zwei jeweils 270 Meter lange Etagen unter die Dukartstraße zu treiben. Trotz des Namens Stadtplatzgarage befindet sich das Bauwerk nämlich nicht unter dem Stadtplatz, wie es schon in den 1990er-Jahren diskutiert wurde, sondern in einem Hang am gegenüberliegenden Enns-Ufer.

foto: stadtplatzgarage steyr

Geplant war der Baubeginn bereits im Jahr 2013, die Gemeinde hatte das Projekt durch alle Verfahren gewinkt. Ein Anrainer bekämpfte es aber vor dem Landesverwaltungsgericht, der das Bauvorhaben 2014 zurück an den Stadtsenat schickte. Das Konsortium kaufte dem Beschwerdeführer das Haus schließlich ab und reichte die Pläne nach den Entwürfen des Vorarlberger Büros Marte.Marte Architekten neu ein. Diesmal erfolgreich. Im Frühsommer 2016 ließ die ausführende Strabag die ersten Baumaschinen auffahren, nur um vor einem neuen Hindernis zu stehen: Bei Bohrungen stieß man auf harten Fels, wo lockeres Konglomerat aus verkittetem Kies vermutet worden war. Die Kosten stiegen um mehrere Hunderttausend Euro, der Zeitplan verzögerte sich um einen Monat.

260 Stellplätze, zu gleichen Teilen für Dauermieter und Laufkundschaft vorgesehen, wollen gefüllt werden, die feierliche Eröffnung ist für 11. November 2017 vorgesehen. "Um 11.11 Uhr, leicht zu merken", sagt Födermayr. Für Kurzparker werden die Stellgebühren dann an den einen Euro angepasst, den auch die Stadt pro Stunde auf öffentlichen Parkplätzen verlangt. Bußgelder für das Überschreiten sind nicht vorgesehen, die Abrechnung erfolgt nach Minuten. Rund zwanzig Jahre, schätzt Födermayr, wird es dauern, bis so die Investitionen beglichen sind.

foto: heidelinde matzenberger
Der Steg vor der Fertigstellung im März.

Weil die Enns zwischen dem Garagenausgang und dem Stadtplatz fließt, wurde ein Übergang notwendig. Ein fast hundert Meter langer Fußgängersteg, montiert aus fünf separaten Teilen, sitzt nach einigen Einsprüchen des Bundesdenkmalamts seit März auf einem einzelnen Pfeiler im Fluss. Für den Bau der Brücke war nicht die Strabag, sondern die Perger Baufirma RW Montage verantwortlich, die allerdings wenige Monate vor dem Baustart in den Konkurs schlitterte. Die Mutter, das Bauunternehmen GLS, sprang ein. Das trieb die Projektkosten erneut um 300.000 Euro auf fast zehn Millionen Euro in die Höhe.

Kritik an der Errichtung der Brücke war in Steyr schon zuvor laut geworden, weil die Teile trotz des regionalen Stahlbau-Know-hows in Tschechien produziert wurden. Die Fertigung wäre angesichts des mangelnden Angebots zu Hause kaum möglich gewesen, verteidigt sich Födermayr, und überhaupt habe sie nur einen Bruchteil der Gesamtkosten ausgemacht. Die viel teureren Posten wie Planung, Aushub-, Bohr- und Kranarbeiten seien der Wertschöpfung in Oberösterreich zugutegekommen.

derstandard.at

An ihrem westlichen Ende ist die Brücke geradewegs in einem Haus am Ennskai aufgelagert, das sich im Besitz der Gemeinde befindet. Ein Teil der Außenwand im ersten Geschoß wurde zerschlagen, und heute tritt man vom Steg durch das ungeschliffene Loch in einen Raum, in dem auf Laminatboden noch ein Bürostuhl vor einem Schreibtisch steht. Später soll von dort ein heller Durchgang über einen Innenhof auf den Stadtplatz führen – vorbei an den Schaufenstern von Födermayrs Bioladen.

Ob sich der 74-Jährige mit dem Bauwerk ein Denkmal setzen will? Immerhin wurde in der Steyrer Innenstadt seit Jahrhunderten keine Brücke gebaut, die nicht eine ältere an selber oder ähnlicher Stelle ersetzt hat. "Der Steg und die Garagenfassade aus Cortenstahl mit Edelrostoptik hat Potenzial zum neuen Wahrzeichen der Stadt", steht auch auf der Projektwebsite. "Nein", sagt Födermayr, "irgendwer hat sich halt finden müssen, der die Letztverantwortung übernimmt."

foto: michael matzenberger, rendering: stadtplatzgarage steyr
Leopold Födermayr vor der Baustelle und ein Rendering mit dem geplanten Aussehen von Brücke und Garagenfront.

Födermayr ist zuversichtlich, dass sich das Projekt positiv und nachhaltig auf die Stadt auswirkt. Dass es neues Leben bringt. Ob eine Stadt lebt, sagt Födermayr, lasse sich an den Kränen in ihrem Stadtbild ablesen. Er schaut auf den gelben Kranausleger über der Garage und grinst zufrieden. (Michael Matzenberger, 14.4.2017)

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