Kleinschwänziger Größenwahn

24. März 2017, 16:56
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Werner Schwabs "Reigen"-Variation im Mozarteum

Salzburg – Zum Sex ist heutzutage schon alles gesagt, nur noch nicht von allen – um ein Bonmot von Karl Valentin zu variieren. Das war zu Zeiten Arthur Schnitzlers noch anders, als der Zeitgenosse Freuds in seinem 1896 verfassten Skandalstück Reigen zehn Figuren auftreten ließ, um in den Dialogen vor und nach dem Geschlechtsverkehr die Lügen und die Doppelbödigkeit bürgerlicher Moralvorstellungen aufzuzeigen.

Dass ein Brachialdramatiker wie Werner Schwab (1958-1994) sich des Stoffes drei Jahre vor seinem Tod unter dem Titel Der reizende Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler annehmen sollte, verwundert nicht. Der Skandal beschränkte sich schon damals auf die Rechtsstreitigkeiten zwischen den Schnitzler-Erben und Schwabs Verlag. Inzwischen ist auch das Geschichte, am Donnerstag feierte von Schwabs Variation im Salzburger Kunstquartier Premiere.

Deftige Wortkaskaden

Es ist die erste Inszenierung David Böschs am Mozarteum, seine neun Akteure – Valentina Schüler spielt gleich zwei Rollen – meistern sie mit Bravour. Der Regisseur setzt ganz auf den satirisch-sprachspielerischen Aspekt des Stücks: Schwabs deftige Wortkaskaden, diese assoziationsreichen Wortschöpfungen garantieren einen unterhaltsamen Abend: Da reimt sich Schnitzel auf Schnitzler, und der ihr angedichtete "Duft einer frischen Erdscholle" wird von der Sekretärin mit "Ich rieche nicht nach Fisch" gekontert. Sex und das Sprechen darüber als ein einziger Irrtum.

Selbstironie schadet aber auch beim Schreiben nicht: So laboriert der Dichter (Alexander Prince Osei) an einer "Sprechblasenentzündung". Sehenswert ist dieser – manchmal zu aufgelegt – Brüller provozierende Reigen aber auch wegen der Momente, in denen von der Ökonomie der Sexualität die Rede ist – also davon, dass Sex mit Macht, gesellschaftlichem Status oder sozialen Aufstiegswünschen und Notlagen zu tun hat. Es gilt nur ein Prinzip: Geilheit siegt!

Jegliche Erotik fehlt

Dabei fehlt dem Geschehen auf der spartanisch ausgestatteten Bühne jegliche Erotik. Wie auch, wenn die Wahrheit über Sex und Orgasmus verhandelt wird: Sie sind (auch) komisch und lächerlich. Das wird durch Tom Jones' Sex Bomb beim kleinbürgerlich lamentierenden Hausherren (Jonas Hackmann) noch fein betont. (Gerhard Dorfi, 24.3.2017)

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