Tiefes Südtiroler Unbehagen

Analyse25. März 2017, 16:00
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Nicht einmal die Italiener in Südtirol verwenden die tausenden künstlich geschaffenen italienischen Orts- und Flurnamen. Doch diese abzuschaffen ist für viele ein Sakrileg: Deren Leitmotiv der eigenen Identität ist stets die Sprache

Noch 65 Jahre nach seinem Tod erregt Ettore Tolomei in Südtirol die Gemüter. Denn der 1865 im damals österreichischen Trentino geborene Nationalist hat sein gesamtes Leben einem kolonialen Anliegen verschrieben: der systematischen Italienisierung Südtirols. Bereits 1901 begann er mit seinen Bestrebungen zur Einverleibung Südtirols ins Königreich Italien.

1904 erreichte er in einer angeblichen Erstbesteigung den 2912 Meter hohen Klockerkarkopf an der österreichischen Grenze, ernannte ihn zum nördlichsten Punkt Italiens und taufte ihn Vetta d'Italia. In fanatischer Kleinarbeit "übersetzte" der promovierte Geograf Tausende von Orts- und Flurbezeichnungen in meist frei erfundene italienische Namen. In seinem Testament verfügte er, mit dem Gesicht nach Norden bestattet zu werden, "um zu sehen, wie der letzte Südtiroler über den Brenner gejagt wird".

Das war ihm freilich nicht gegönnt. 1979 zerstörte ein Anschlag Tolomeis Grab und schleuderte den einbalsamierten Leichnam über die Friedhofsmauer. Seine schwerste Niederlage könnte der 1938 vom König geadelte, faschistische Senator nun posthum erfahren: mit der Auslöschung der meisten von ihm eingeführten Ortsbezeichnungen. In einem Land wie Südtirol, in dem jedes ethnische Problem zum Politikum wird, sorgt das für erregte Polemiken.

Seit Jahrzehnten dauert das Gerangel um jene Flurbezeichnungen, für die es in Zukunft keine italienischen Fantasienamen mehr geben soll. Eine Maßnahme, die faschistisches Unrecht gutmacht – und gleichzeitig für neue Verstimmung sorgt.

Sind die rund 500 von einer Kommission ausgewählten zweisprachigen Ortsnamen ein Akt der Bevormundung oder der Vernunft? Oder handelt es sich, wie erregte Proteste suggerieren, um ein weiteres Signal "deutscher Dominanz"?

Neue Risse entstehen

Vorsitzender der Autonomiekommission, in der Vertreter Südtirols und der römischen Regierung sitzen, ist einer, der die Befindlichkeiten und Allergien der Sprachgruppen kennt wie kaum ein anderer: der in Innsbruck promovierte und an der Universität Verona lehrende Verfassungsrechtler Francesco Palermo. Der 47-Jährige wurde erstmals als gemeinsamer Kandidat des Partito Democratico und der Südtiroler Volkspartei in den römischen Senat gewählt.

Palermo hält es für vernünftig, nur jene Namen zu erhalten, die von den Italienern tatsächlich benützt werden. Der Skiort Obereggen bei Bozen etwa heißt San Floriano, aber alle Italiener benützen die deutsche Bezeichnung.

102 Senatoren des römischen Parlaments haben indessen beim Staatspräsidenten gegen die Abschaffung eines Großteils der Tolomei-Namen protestiert. Sie fordern eine Entscheidung des Verfassungsgerichts.

Zu ungelegener Zeit

Der rechte Landtagsabgeordnete Alessandro Urzì wertet den Beschluss als "Massaker zum Schaden der italienischen Sprachgruppe". Dagegen plädiert eine Gruppe italienischer Intellektueller im zweisprachigen Internetportal "salto.bz" für die neue Regelung: "Welchen Sinn hat die künstliche Erhaltung von 10.000 frei erfundenen und im täglichen Sprachgebrauch nie benützten Flurnamen?"

Das Problem dabei: Die immer wieder verzögerte Lösung kommt zu ungelegener Zeit. Denn in Südtirol, das stets als europäische Modellregion galt, bilden sich neue Risse. Die ethnischen Konflikte, die als längst überwunden galten, brechen wieder auf – mit umgekehrten Vorzeichen. Diesmal sind es die Italiener, die über Benachteiligung klagen.

Nicht ganz zu Unrecht, denn ihre Zahl sinkt unaufhaltsam. Während die deutschsprachige Bevölkerung seit 1971 um fast 20 Prozent gestiegen ist, hat jene der Italiener um 16 Prozent abgenommen. Die Zahl ihrer Landtagsabgeordneten ist in zehn Jahren von 23 auf 14 Prozent gesunken. In der Landesregierung sitzt nur noch ein einsamer Italiener. In zwei Dutzend Gemeinden gibt es kaum mehr italienische Bewohner, auch die Carabinieri sprechen Deutsch.

Rekordergebnis für rechtsextreme Liste

Da in den ländlichen Gegenden kaum Italiener leben, werden die Täler immer einsprachiger, die Sprachkenntnisse dürftiger.

Der "disagio", das Unbehagen der Italiener, ist seit Wochen Thema erregter Diskussionen. Vor allem in der italienischen Tageszeitung "Alto Adige", deren Verkauf an den Verlag des deutschen Konkurrenten "Dolomiten" viele Italiener in ihrer Überzeugung des "dominio dei tedeschi" bestärkt hat, der "deutschen Dominanz". Dass bei der jüngsten Gemeindewahl in Bozen die rechtsextreme Liste Casapound mit vier Sitzen ein italienweites Rekordergebnis erzielte, ist Ausdruck dieses Disagio.

Vieles an diesem ethnischen Tauziehen mutet irrational an: Befindlichkeiten scheinen wichtiger als Fakten im surrealen Streit um die Flurbezeichnungen, der von den deutschen und italienischen Rechtsparteien angeheizt wird. Die nationale Presse nimmt sich dankbar des Falles an: "In diesem Teil des Landes leben die Italiener als wahre Helden", schreibt der "Corriere della Sera".

Hysterische Auftritte

In einer Rai-Talkshow provozierte das Thema an Hysterie grenzende Auftritte. Für Polemiken sorgt auch ein von Senator Palermo eingebrachter Gesetzesentwurf, der die Einführung zweisprachigen Unterrichts in jenen Klassen vorsieht, in denen er von mindestens 15 Eltern gefordert wird. Die Südtiroler Volkspartei lehnt die Initiative als "Alleingang" ab, die Rechtspartei Südtiroler Freiheit beschimpft Palermo als "Totengräber Südtirols" und als "Mehrsprachigkeitsimperialisten". Die Partei versteht sich als antiitalienische Bastion. Sie verehrt Andreas Hofer als Volkshelden, verteilt Broschüren mit dem Titel "Meine Muttersprache ist Deutsch" und Aufkleber mit der Botschaft "Tirol Patrioten sind keine Nazi-Idioten".

Auf der Webseite der Landtagsabgeordneten Myriam Atz Tammerle von der Südtiroler Freiheit steigt mit ausgebreiteten Flügeln ein Adler in den Himmel – eine zerrissene Kette in der linken Kralle: "Südtirol, sprenge deine Ketten". Wie ihre kämpferische Vorgängerin Eva Klotz ist die Mandatarin und Wirtin Atz Tammerle durch und durch patriotisch gesinnt – ganz im Sinne ihrer Partei, die Süd-Tirol prinzipiell mit Bindestrich schreibt.

Wohlstandsprovinz

Ihre patriotische Rhetorik vernebelt allerdings die Antwort auf die essenzielle Frage, welche Ketten die Wohlstandsprovinz Südtirol eigentlich sprengen soll. Mit einem Pro-Kopf-BIP von fast 40.000 Euro übertrifft sie Deutschland und gehört zu den reichsten Regionen Europas. Die Arbeitslosenrate beträgt magere 3,7 Prozent. Der Fremdenverkehr boomt mit einer Rekordzahl von 30 Millionen Übernachtungen, das öffentliche Budget für die 530.000 Einwohner beträgt 6,4 Milliarden Euro.

Die Ortsnamenregelung, die zu Beginn als reine Formsache erschien, scheiterte überraschend in der entscheidenden Sitzung der Autonomiekommission. Unter dem Druck der italienischen Rechtsparteien verweigerte der Landtagsabgeordnete Roberto Bizzo der neuen Ortsnamenregelung seine wenige Tage vorher erteilte Zustimmung.

Er gehört dem Partito Democratico an, der mit der SVP in der Bozner Regierungskoalition sitzt. Kommissionspräsident Palermo hatte auf einem einstimmigen Beschluss bestanden: "Andernfalls ist der ethnische Friede in Südtirol gefährdet – zum Vorteil der Hardliner."

"Peinlichkeit sondergleichen"

Das wieder aufflammende ethnische Hickhack wird von vielen Südtirolern mit Besorgnis verfolgt. Dazu gehören Unternehmer, gemischtsprachige Familien und Wähler nichtethnischer Parteien wie Grüne, Partito Democratico und Fünf-Sterne-Bewegung. Und jener Teil der Bevölkerung, der urbane Kultur ebenso schätzt wie die einzige dreisprachige Universität Europas in Bozen, die im jüngsten "Times"-Ranking unter den zehn weltbesten kleinen Universitäten gereiht ist.

Die Südtiroler Volkspartei – mit 45 Prozent deutlich stärkste Kraft – fürchtet im Ortsnamenstreit die Propaganda der drei rechten, antiitalienischen Parteien, die ein Viertel der Wähler hinter sich wissen.

In Südtirol sind ethnische Tabus und Vorurteile seit Jahrzehnten tief verankert. Wenn der junge SVP-Obmann Philipp Achammer erklärt, dass "beim Lernen einer Sprache niemand etwas verliert", ist das bereits als Fortschritt zu werten.

Für Reinhold Messner ist der der neue Konflikt "eine Peinlichkeit sondergleichen", die den ethnischen Frieden beeinträchtigen könne. Ein Ausweg aus dem Dilemma ist nicht in Sicht. "La Repubblica" entwirft bereits ein apokalyptisches Szenario: "Eine Implosion der Autonomie könnte die europäische Modellregion ins Wanken bringen." (Gerhard Mumelter, 25.3.2017)

  • Postkartenidyll Drei Zinnen: Eine der reichsten Regionen Europas pflegt, für viele unverständlich, weiter ihre traditionellen ethnischen Animositäten.
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