Was passiert, wenn Eltern nicht führen

Kolumne26. März 2017, 16:08
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Wenn Eltern nicht ihren Werten entsprechend führen und Einigkeit mit dem Partner erzwingen, kann ein Vakuum entstehen, das Kinder für Manipulation nutzen

Für das Wohlergehen in einer Familie ist es extrem wichtig, wie die Interaktion zwischen den Familienmitgliedern gestaltet ist. Dieser Prozess sollte sozusagen als der Duft in der Backstube, als Gemütsverfassung oder auch Atmosphäre verstanden werden. Es ist sehr wichtig, wie oder in welcher Weise wir in der Familie (inter)agieren.

Ich möchte es nicht idealisieren, aber hervorheben, dass der Tradition gemäß die Frauen diese Atmosphäre gestaltet haben – ihre Führung in der Familie wurde meist unterschätzt. Frauen haben viele Hunderte Jahre Erfahrung gesammelt, was die Finanzen, den Haushalt und seine Organisation oder auch die des familiären Umfelds betrifft. All diese Qualitäten braucht eine Familie. Es ist heute an der Zeit, diese Bereiche neu zu überdenken.

Die Verantwortung liegt bei den Eltern

Es gibt in unserer Gesellschaft wenig Erfahrung damit, wie sich eine Familie gleichberechtigt führen lässt. Und es fehlen diesbezüglich Vorbilder, auf die wir zurückgreifen könnten. Es überrascht auch nicht, dass Kinder manchmal die Tendenz zeigen, die Führung in der Familie zu übernehmen, sobald die Erwachsenen diese aufgegeben haben. Kinder unter 15 Jahren haben aber weder die Erfahrung noch das Wissen, wie sie eine sichere und entwicklungsfördernde Atmosphäre zu Hause gestalten können.

Das heißt nicht, dass sie keine guten Ideen hätten. Dennoch liegt die Verantwortung bei den Eltern – auch dafür, dass sie ihre Kinder als große Bereicherung für die Familie sehen. Wenn die elterliche Führung misslingt, so gerät das Familiensystem aus den Fugen. So entsteht ein destruktives Vakuum.

Bettzeiten und Schuhpolitik

Auch in kleinen Ländern mit einer eher homogenen Bevölkerung gibt es die unterschiedlichsten Varianten von Führung, Normen und Werten. Das wird hoffentlich so bleiben. Trotzdem sollte man einige allgemeine Prinzipien elterlicher Führung definieren. In manchen Familien müssen die Schuhe von allen am Eingang ausgezogen werden, in anderen wiederum nicht. Auch strikte Bettzeiten gelten nicht in jeder Familie. Diese Prinzipien sind für jede Familie individuell verschieden, sagen aber noch nichts über die Qualität der Führung aus.

Vielfalt und Unterschiede

Wir hören oft, dass es für Eltern wichtig sei, immer ein und derselben Meinung zu sein. Doch es gibt gute Gründe, warum das nicht immer gilt. Unterschiedliche Ansichten in einer Beziehung lösen häufig Konflikte aus, sind aber auch eine wichtige Ressource. In vielen Situationen vertreten zwei Erwachsene unterschiedliche Werte, Normen und persönliche Erfahrungen, auch in Bezug auf die eigene, neue Familie.

Manchmal sind uns Erwachsenen diese Werte und Normen bewusst, manchmal agieren wir in einem "halbautomatischen" und unbewussten Modus. Wir haben unsere Muster schon so lange verinnerlicht, dass wir uns kaum Zeit dafür genommen haben, diese genauer unter die Lupe zu nehmen, miteinander darüber zu sprechen und sie durch andere, neue zu ersetzen.

Das kann dazu führen, dass wir, bevor wir reflektieren, einfach aufgeben und der jeweils anderen Person die Führung überlassen. Das ist nicht gut! Weder für die Person, die sich unterordnet, noch für die bestimmende.

Raum für Manipulation

Es liegt in der Natur der Sache, insbesondere im Familienleben, dass wir in akuten Situationen schnell und ohne große Diskussion eine gemeinsame Entscheidung treffen müssen. Allerdings begegnen wir diesen wirklich akuten Situationen im Tagesablauf eher selten. Kinder beginnen ihre Eltern dann zu ihrem Vorteil zu manipulieren, wenn sie feststellen, dass es den Erwachsenen schwerfällt, ihre Unterschiedlichkeit anzuerkennen und dieser in der Familie Raum zu geben.

Eltern sollten sich darüber Gedanken machen, in welchen Belangen sie sich einig sein möchten. Das kann ruhig anhand von Listen geschehen, deren Inhalt man dann vergleicht. Sprechen Sie darüber, in welchen Bereichen es für Sie eine zu große Bürde wäre, sich zu einigen, und wie Sie vielleicht voneinander lernen können, mit Ihrer Unterschiedlichkeit und auch Ihren Meinungsverschiedenheiten so umzugehen, ohne dass dabei ein Machtkampf ohne Erfolgsaussicht entsteht.

Unauthentische Einigkeit ist ein Resultat von Anpassung. Auf kurze Sicht gibt sie ein hohes Maß an Sicherheit. Mittelfristig entwickelt sie sich aber zur tickenden Zeitbombe. (Jesper Juul, 26.3.2017)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne erscheint am 9. April 2017.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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