In Paris studieren die Elite-Geeks

    28. März 2017, 06:00
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    Die École "42", wo ausschließlich mit Games programmieren gelernt wird, will nicht nur die klassischen IT-Nerds ansprechen

    Eine Schule, an der mit Games gelehrt und geprüft wird, ohne konkretes Studienprogramm, ohne Lehrer: die École 42 in Paris, die die besten IT-Experten von morgen hervorbringen will. Vor drei Jahren vom französischen Milliardär Xavier Niel ins Leben gerufen, soll sie den Unternehmen jene Fachkräfte liefern, die momentan fehlen. Die Ausbildung ist kostenlos, Financier ist Gründer Niel.

    Ihren Namen – 42 – hat die Schule von Douglas Adams' Roman Per Anhalter durch die Galaxis und der gleichnamigen Verfilmung. In beiden ist 42 die Antwort auf die Frage "nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest". Aktuell sind etwa 3000 Studierende an der Pariser Schule inskribiert. Das Curriculum besteht aus 21 Modulen, genannt "Spiel-Level". "Es funktioniert ähnlich wie bei 'World of Warcraft'", sagt Nicolas Sadirac, Mitbegründer und Direktor der Schule, dem STANDARD . "Man tut sich mit Studienkollegen zusammen und muss verschiedene Aufgaben lösen."

    Die Ergebnisse werden wiederum von Mitstudierenden bewertet. Ob das nicht zu Unmut führt? "Nein, jeder weiß, dass allein die Qualität der Arbeit beurteilt wird." Auch Deadlines gibt es an der École 42 nicht. "Jeder kann sich so viel Zeit nehmen, wie er möchte. Eine Woche, einen Monat, ein Jahr." Die Schnellsten beendeten das Studium nach 18 Monaten, andere brauchten fünf Jahre. Einige würden die Ausbildung auch gar nicht erst beenden, weil sie davor einen Job finden oder ein eigenes Unternehmen gründen.

    Vierwöchiges Auswahlverfahren

    70.000 Bewerbungen gibt es pro Jahr für 1000 Studienplätze. Ausgewählt wird mit einem harten Selektionsverfahren: Jene Kandidaten, die einen Onlinetest bestehen, studieren vier Wochen lang in Paris. Bewerber müssen zwischen 18 und 30 Jahre alt sein, ansonsten gibt es keine Voraussetzungen – auch ohne Matura kann man sich anmelden. Der Abschluss wird daher nur mit einem Zertifikat bestätigt. Von künftigen Studenten erwarte er, "dass sie sich für IT begeistern", sagt Sadirac. Sie müssten unternehmerisch denken können und Risiken eingehen, "denn das braucht es für Innovation".

    foto: william beaucardet
    An der französischen École "42", die die Tech-Elite von morgen ausbilden will, lernen die Studierenden mittels Onlinegames.

    Von den Studierenden sind etwa 90 Prozent Franzosen, die restlichen kommen "aus allen Teilen der Welt". Sie hätten den unterschiedlichsten sozialen Background, sagt Sadirac.

    Bewusst wolle man mit der Ausbildung nicht nur klassische "IT-Nerds" ansprechen. "Wir bemühen uns um Diversität." Um ein guter Programmierer zu sein, brauche man nicht unbedingt technisches Vorwissen, ist Sadirac überzeugt. "Kreativität ist wichtiger." So kommt es, dass manche Studierende zuvor Literaturwissenschaft oder Philosophie studiert haben. "Einer hat als Bäcker gearbeitet. Mittlerweile hat er ein eigenes Start-up." Nur 40 Prozent der Anfänger hätten bereits Programmiererfahrung. Der Interdisziplinarität wegen kooperiert man mit Museen und bietet auf dem Campus Kochkurse an.

    Dass der Frauenanteil unter den Studierenden nur zehn Prozent beträgt, freut den Direktor nicht. Er versichert: Man arbeite daran, dass sich diese Zahl erhöht.

    Digitale Bildung ist in

    Die École 42 ist eines von vielen onlinebasierten Bildungsexperimenten. Viele sind in Amerika entstanden. An der Elite-Uni Stanford etwa machten bereits 2011 zwei Professoren ihr Seminar über künstliche Intelligenz kostenlos im Netz zugänglich. 160.000 Menschen aus 190 Ländern meldeten sich dafür an. 23.000 bestanden die Abschlussprüfung und erhielten ein Zertifikat.

    Der israelische Unternehmer Shai Reshef gründete in Kalifornien eine kostenlose Onlineuniversität für Computerwissenschaften, die University of the People. Wie an der École 42 werden auch hier keine Diplome verliehen, dafür wird über Praktika der Zugang zu renommierten Tech-Unternehmen ermöglicht. Auch hier lautet der Anspruch: Bildung für möglichst jeden zugänglich zu machen. Egal woher er kommt. Egal ob er Geld hat oder nicht.

    Ob derlei Projekte tatsächlich mehr Bildungschancen für Benachteiligte eröffnen? Experten sind skeptisch. Von Kursen im Netz würden vor allem jene profitieren, die ohnehin schon privilegiert seien, heißt es.

    Im Herbst vergangenen Jahres wurde übrigens eine zweite Schule nach dem Vorbild der École 42 eröffnet, in Fremont (Kalifornien). (Lisa Breit, 28.3.2017)

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