"Ohne sie kein Weltverändern"

27. März 2017, 09:00
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Die TU Wien versucht seit Jahren mehr Frauen anzuziehen. Noch immer herrschen aber traditionelle Rollenbilder, die nachhaltige Änderungen blockieren

Von künstlicher Intelligenz über Augmented und Virtual Reality bis zur Datensammlung: Jene Entwicklungen, die unser Leben von A bis Z vollkommen verändern werden, entstehen in der Informatik oder, wie es treffender auf Englisch formuliert wird: in den Computer-Sciences (CS). Und jene Menschen, die an dieser neuen Zukunft tüfteln, programmieren und rechnen, sind meistens eines: männlich. Warum das nicht gut ist, fasst Hannes Werthner, Dekan der Fakultät für Informatik an der Technischen Universität Wien, so zusammen: "Hier wird die Welt verändert. Da wäre es sehr schlecht, auf die Hälfte der Köpfe verzichten zu müssen."

Austausch fördern

In einigen Ländern der Welt sind diese Zukunftsstudien bereits diverser, unter anderem in den USA. Eine, die viel Zeit und Energie in die Feminisierung der Informatik gesteckt hat, ist Leonore Blum, in diesem Fach international angesehen und aktuell Professorin an der Elite-Institution Carnegie Mellon. "Bei uns sind 48 Prozent der CS-Studierenden weiblich. Und es war keine Kunst, diese Zahl in den letzten Jahren maßgeblich zu erhöhen", sagt sie bei einem Besuch in Wien. Vor allem sei wichtig gewesen, explizit Beziehungen und Austausch zwischen – nicht nur, aber vor allem – weiblichen Studierenden zu fördern. "Als männlicher Student ist man mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Zimmer mit anderen CS-Studierenden, man hilft sich gegenseitig bei Aufgaben und bekommt vielleicht auch leichter einen Sommerjob, weil ein Kollege dort schon gearbeitet hat", erklärt Blum. Bei Mädchen sei es aber anders: "Die Zimmerkollegin studiert mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas anderes, kann nicht weiterhelfen, und das Netzwerk ist allgemein viel eingeschränkter." Viele müssten deswegen im Laufe des Studiums aufgeben. Blum initiierte daher Netzwerktreffen, Übungsgruppen, Veranstaltungen und vieles andere, damit sich auch Studentinnen mehr austauschen konnten.

Das Leck in der Pipeline

Die Formel "Je weiter fortgeschritten das Studium oder die Position, desto weniger Frauen" – die sogenannte "leaky pipeline" – gilt auch an der TU Wien, insbesondere in den sehr technischen Studienfächern, denn den Gesamtfrauenanteil an der TU Wien heben vor allem die Architekturstudentinnen. Das "Leck" wird seit Jahren genauer untersucht, und an Lösungen wird gearbeitet. In einer internen Studie wurde 2011 auch nachgewiesen, dass Männer bei Bewerbungen für das Doktorat oder bei anderen Ausschreibungen bevorzugt werden, außerdem seien Frauen starkem Assimilationsdruck ausgesetzt.

"Ich weiß nicht, ob sich die Situation seither maßgeblich geändert hat, aber ich hoffe es sehr", sagt Werthner. Aufgrund der Größe – "wir haben es hier mit einer Massenuniversität zu tun" – sei es schlichtweg nicht so einfach wie an Eliteunis, wo Mentoring, Programmieren in Paaren und andere Maßnahmen in überschaubarem Rahmen umgesetzt werden können, sagt er. "Die Industrie möchte ja gerne, dass wir noch mehr Leute zum Studium zulassen. Wir versuchen also gerade herauszufinden, wie wir gleichzeitig groß sein können und niemanden durch diese Strukturen ausschließen."

Vorbilder gesucht

Eine ähnliche Pionierin wie Blum ist auch Christiane Floyd. Sie war die erste Informatikprofessorin Deutschlands und lehrt heute an der Universität Hamburg. Sie stimmt Werthner nicht zu. Sinnvolle Maßnahmen hätten überhaupt nichts mit der Größe zu tun. Auch sie nennt ein gutes Netzwerk als Voraussetzung: "Als ich damals zu studieren begann, war es mir nicht wichtig, ob da eine Frau ist, die ich als Vorbild habe. In meiner Arbeit mit Doktoratsstudentinnen habe ich aber erkannt, dass das sehr wichtig ist", sagt Floyd. Der Grund: Studentinnen hätten in dem Alter meist mehr unter einen Hut zu bekommen als Männer. Da sei es wichtig zu sehen, dass es klappen kann.

Auch die Studenten an der TU Wien machen sich Gedanken darüber, mehr Frauen im Studium zu halten. Man könne zum Beispiel gezielt nach weiblichen Tutorinnen suchen, statt nur die obersten fünf Prozent eines Faches dafür zu nehmen, schlägt ein Informatikstudent vor, der selbst Tutor ist. "Ich glaube, dass sich viele Studentinnen dann einfach wohler fühlen würden."

Stereotype aufbrechen

Dass man gar nicht früh genug damit beginnen kann, das Interesse für Technik zu fördern, darin herrscht Einigkeit. Natürlich müsse man daran arbeiten, Frauen zu halten. Aber es gebe einfach zu wenige Studienanfängerinnen, sagt Werthner. In den höheren Schulen sei es bereits zu spät, denn Rollenbilder bekämen Kinder ja schon viel früher vermittelt.

Auch Blum und Floyd stimmen bei der Frühförderung zu. Da sei es auch wichtig, Klischees von Technikern aufzubrechen, sagt Blum. "Informatiker sind nicht nur Hacker, die tagelang im stillen Kämmerchen programmieren." Mit diesem Bild würden sich nur wenige Frauen identifizieren. "Sie schätzen andere Aspekte der Computerwissenschaft, die aber genauso wichtig sind. Auch das muss erkannt werden." (lhag, 27.3.2017)

  • Austausch ermöglichen, Netzwerke schaffen, Interesse früh fördern: Mehr Frauen in die Technik zu bekommen sei keine "Rocket-Science", sagt Leonore Blum, Informatikprofessorin an einer US-Eliteuni.
    foto: istock

    Austausch ermöglichen, Netzwerke schaffen, Interesse früh fördern: Mehr Frauen in die Technik zu bekommen sei keine "Rocket-Science", sagt Leonore Blum, Informatikprofessorin an einer US-Eliteuni.

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