Als es in Sibirien noch menschengroße Salamander gab

24. März 2017, 08:00
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Forscher rekonstruierten anhand von Amphibien- und Reptilienfossilien ein Stück Klimageschichte

Frankfurt – Auf die Spuren einer verschwundenen Artenvielfalt begab sich eine deutsche Forscherin mit ihrem Team: Westsibirien war in den vergangenen Jahrmillionen Heimat einer großen Zahl von Amphibien und Reptilien, wie das Senckenberg-Forschungsinstitut berichtet. Dazu zählte unter anderem ein 1,80 Meter langer Salamander. Er übertraf damit noch die größten heute noch lebenden Amphibien der Welt: Der Chinesische und der Japanische Riesensalamander werden jeweils etwa 1,50 Meter lang.

Heute zählt die Großregion zu den herpetologisch gesehen artenärmsten überhaupt: Der Sibirische Winkelzahnmolch, vier Braunfrosch- und vier Krötenarten, ein Grünfrosch, zwei Eidechsen und fünf-Schlangenarten: Das umfasst aktuell die Fauna der Amphibien und Reptilien Westsibiriens, ganze 17 Spezies.

Es war einmal

"Das war aber nicht immer so", sagt Madelaine Böhme von der Universität Tübingen. Sie untersuchte mit ihrem Team Fossilien aus den vergangenen zwölf Millionen Jahre, die von über 40 Fundstellen in Westsibirien stammen. Gesammelt wurden diese in 40-jähriger Forschungstätigkeit von ihrem russischen Kollegen Vladimir Zazhigin.

"Wir konnten über 50 verschiedene Arten bestimmen – von Schwanzlurchen, Fröschen über Schuppenechsen bis zu Schildkröten. Das hat selbst unsere kühnsten Erwartungen übertroffen", sagt Böhme. Neben Spuren von Riesensalamandern fanden sich unter anderem Belege für mehrere Arten von Krokodilmolchen, deren heutige Verwandte in China und Vietnam leben. Am Rücken von Krokodilmolchen ziehen sich Reihen erhabener Warzen entlang, was ein wenig an die Rückenpanzer der Reptilien erinnert.

"Zudem haben wir erstmalig einen asiatischen Vertreter aus der ausgestorbenen Frosch-Familie Paleobatrachidae nachgewiesen", ergänzt Böhme. Und ein Tier, das die Zeit überdauert hat: Der Sibirische Winkelzahnmolch lebt heute noch in der Region, in der es ihn offenbar schon vor zwölf Millionen Jahren gegeben hat. Die Spezies hat sich an die unwirtlichen klimatischen Bedingungen von heute angepasst und kann eingefroren im Boden Temperaturen bis zu minus 40 Grad Celsius überstehen.

Klima im Wechsel der Jahrmillionen

Zugleich lassen die Fossilien Rückschlüsse auf Klima, Niederschläge und Vegetation in vergangenen Zeiten zu: Vor etwa sechs Millionen Jahren muss Westsibirien der heutigen kasachischen Steppe geähnelt haben. Denn damals lebten dort Geckos der Gattung Alsophylax – aber auch Kamele und Strauße. Funde von Land- und Wasserschildkröten, deren letzte Vertreter vor etwa fünf Millionen Jahren aus Westsibirien verschwanden, legen nahe, dass es dort damals wärmer war als heute.

"Die Gesamtheit der Funde belegt die wechselvolle Biodiversität Sibiriens und die dynamische Klimageschichte dieser Region", sagt Böhme. "Sehr feuchte Abschnitte mit der vierfachen heutigen Regenmenge verwandelten sich innerhalb einiger hunderttausend Jahre in Gebiete mit trockenem Steppenklima. Die zunehmend kühleren Temperaturen führten dann wahrscheinlich zum Verlust zahlreicher Amphibien- und Reptilienarten." (red, 24. 3. 2017)

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