Apocalypse now? Vorerst eher nicht

    Kommentar der anderen23. März 2017, 17:06
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    Die drohende "Islamisierung Europas" ist eine vorschnelle Prophezeiung. Es deutet nichts darauf hin, dass sich die derzeit gängigen kulturpessimistischen Verfallstheorien über den alten Kontinent Europa in naher Zukunft bewahrheiten könnten

    Dekadenz- und Verfallsdiskurse sind mittlerweile auch unter Intellektuellen in Mode. Es ist das ganze politische Spektrum vertreten, vom konservativen Kulturpessimisten bis zum islamfeindlichen Atheisten. Der Schriftsteller Michel Houellebecq gehört zu dieser Gruppe genauso wie der Politikwissenschafter Michael Ley und die Philosophen Slavoj Zizek oder Michel Onfray.

    Bei vielen fällt der Niedergang Europas mit dessen allmählicher "Islamisierung" zusammen. Oriana Fallaci stellte bereits nach 9/11 in ihrem Essay Die Wut und der Stolz (2001) polemisch fest: "Die Italiener bekommen keine Kinder mehr, diese Dummköpfe. Die übrigen Europäer auch nicht. Unsere 'ausländischen Arbeiter' dagegen vermehren sich wie die Ratten." Dieses Bild hat sich in vielen Köpfen festgesetzt: die kinderlosen Europäerinnen auf der einen Seite, die – vor allem muslimischen – Immigrantinnen mit einer Horde von Kindern auf der anderen.

    Aufgrund dieser demografischen Entwicklung sei die Islamisierung Europas nur noch eine Frage der Zeit. In den Worten Michael Leys: "Vor diesem Hintergrund einer kulturellen und letztlich gesellschaftlichen Selbstzerstörung wird die Islamisierung zur größten Gefahr: Die demografischen Verschiebungen zwischen den einheimischen Bevölkerungen und den muslimischen Einwanderern werden dazu führen, dass die meisten europäischen Gesellschaften diese Entwicklungen nicht mehr korrigieren können" ("Islamisierung Europas: Nein, ich habe keine Visionen", Die Presse, 19. 6. 2015).

    Fertilitätsrate sinkt

    Dieses Bild hat wenig mit der Realität zu tun. Auch unter Immigrantinnen und eingebürgerten Österreicherinnen sinkt kontinuierlich die Fertilitätsrate. Von Babyboom keine Spur. Familien mit mehr als zwei Kindern sind hier ebenfalls die Ausnahme (Michael Matzenberger, "Geburtenrate bei Migrantinnen und Musliminnen sinkt", der STANDARD, 12. Februar 2017).

    Das entspricht globalen Trends, wie der schwedische Wissenschafter und Statistiker Hans Rosling in einem 2012 aufgezeichneten Ted-Talk nachgewiesen hat. Sinkende Geburtenraten gibt es fast in der gesamten muslimischen Welt. Religion oder Wohlstand spielen – entgegen häufigen Annahmen – dabei keine oder eine geringe Rolle. Die entscheidenderen Faktoren sind offensichtlich die sinkende Kindersterblichkeit, die Zunahme von Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten für Frauen und die Verfügbarkeit von Familienplanung.

    Es gibt auch hier keinen "islamischen Sonderweg". Die Demografen Youssef Courbage und Emmanuel Todd verweisen auf weltweit ähnliche Entwicklungen bei Phänomenen wie Geburtenrückgang, Alphabetisierungsrate oder Familienstrukturen. Ihre These: Europa habe einfach früher mit diesen Entwicklungen begonnen als etwa der Nahe Osten. Mit anderen Worten: Die Menschen auf der ganzen Welt sind – jedenfalls was generatives Verhalten betrifft – alle gleich bzw. einander sehr ähnlich, unabhängig davon, ob sie sich zum Hinduismus, zum Islam oder zum Christentum bekennen.

    Panikmache ist deshalb wenig angebracht. Andererseits sollten drei weitere Aspekte nicht übersehen werden. Erstens ist unverkennbar, dass den alternden Populationen in Europa ein Jugendüberschuss in den arabischen Ländern des Nahen Ostens gegenübersteht. Ein hoher Migrationsdruck bleibt auch bei sinkenden Geburtenraten bestehen, weil der Anteil der Jungen weiterhin noch sehr hoch ist. Nach Schätzungen warten etwa sechs Millionen Flüchtlinge in Mittelmeerländern auf die Möglichkeit, nach Europa zu kommen.

    Die "Jugendwelle" ist – zweitens – für Thomas Hegghammer einer der möglichen Gründe, warum Dschihadismus und islamischer Terrorismus in Europa noch lange ein Problem bleiben werden. Hohe Arbeitslosigkeit unter muslimischen Männern, Konflikte in der muslimischen Welt und die Möglichkeiten des Internets und der sozialen Medien zählt er zu weiteren Makrotrends ("The Future of Jihadism in Europe: A Pessimistic View", Perspectives on Terrorism, 2016).

    Aber auch hier kann die Demografie Trost spenden: Jede "Jugendwelle" geht einmal zu Ende. Außerdem muss ein hoher Jugendanteil nicht immer und notwendigerweise zu Krisen und Konflikten führen. Und drittens: In Krisengebieten oder Failed States wie etwa Afghanistan oder in Teilen Afrikas wird es weiterhin hohe Fertilitätsraten geben.

    Die selbsternannten Propheten des Untergangs betreiben medienwirksame Zuspitzungen und blenden differenzierte Sichtweisen aus. Die Polarisierung wächst. (Georg Cavallar, 23.3.2017)

    Georg Cavallar ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Gymnasiallehrer. Bei Peter Lang (Oxford) erscheint demnächst seine Studie "Theories of dynamic cosmopolitanism in modern European history".

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