Martyrium mit minimalem Aufwand

23. März 2017, 16:40
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Großbritannien gilt als Vorreiter beim Antiterrorkampf. Von Einzeltätern ausgeführte Attentate wie jener in London lassen sich dennoch kaum verhindern

Immer wieder haben auch in Großbritannien die Behörden in letzter Zeit betont, es sei lediglich eine Frage der Zeit, bis es wieder zu einem Terroranschlag in ihrem Land kommen werde. Anfang März erst hatte Mark Rowley, Chef der britischen Terrorabwehr, der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass seit dem Jahr 2013 13 Anschläge ähnlich jenen in Brüssel und Paris vereitelt worden seien. Das Attentat am Mittwoch im Herzen von London war das erste, seitdem im Mai 2013 zwei zum Islam konvertierte Briten ebenfalls in der Hauptstadt auf offener Straße einen Soldaten angefahren und anschließend mit Messern und einem Beil ermordet hatten. Der erste islamistisch motivierte Selbstmordanschlag in Großbritannien datiert auf den Juli 2005, als vier Extremisten mit britischem Pass in der U-Bahn und einem Bus Bomben zündeten.

Die Terrorwarnstufe bleibt auch seit dem Anschlag am Mittwoch unverändert: Seit 2014 wurde sie auf die zweithöchste von insgesamt fünf Stufen angehoben, was bedeutet, dass ein Anschlag als "sehr wahrscheinlich" gilt.

3.000 Menschen stehen laut aktuellsten Zahlen im Vereinigten Königreich wegen Terrorismusverdachts unter intensiver Beobachtung des Inlandsgeheimdienstes MI5. Wobei Antiterrorchef Rowley die Öffentlichkeit gern darauf hinweist, dass auch von Rechtsradikalen Gefahr ausgeht.

Dass verhältnismäßig selten etwas passiere, hängt laut Sicherheitsbeamten in erster Linie mit den strengen Schusswaffenregeln und der Absenz eines signifikanten Schwarzmarktes auf der Insel zusammen. Außerdem gilt Großbritannien im europäischen Vergleich als das am besten auf Terrorgefahr vorbereitete Land. Europol-Chef Rob Wainwright, selbst gebürtiger Waliser, schätzt die Briten als "größten Lieferanten von Geheimdienstinformationen", was nicht zuletzt auf die jahrzehntelange Erfahrung im Kampf gegen die IRA zurückgeht. London zeichnet auch maßgeblich für die Erarbeitung der EU-Anti-Terror-Strategie verantwortlich.

IS reklamiert Tat für sich

Von den laut Europol 5.000 EU-Bürgern, die in die Kampfgebiete in Syrien und im Irak gereist sind, stammen 850 aus Großbritannien. Da es für Terrorgruppen wie den "Islamischen Staat" (IS) oder Al-Kaida schwieriger geworden ist, große, abgestimmte Attacken zu lancieren, setzten sie vermehrt darauf, Einzeltäter in ihrer Heimat zu Attentaten mit Messern oder Fahrzeugen zu motivieren. Diese sind leicht durchzuführen und schwer zu verhindern. Vor allem in den letzten 15 Jahren hat diese Form der Attentate zugenommen, nicht nur in Europa, sondern in vielen Teilen der Welt, etwa auch in Israel und in China. In vielen Fällen ließ sich im Nachhinein auch bei Einzeltätern eine Verbindung zu Terrorgruppen nachzeichnen. Am Donnerstag ließ der IS verlautbaren, nach den Anschlägen in Berlin und Nizza auch jenen in London für sich zu beanspruchen. (giu, 23.3.2017)

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