The Jesus and Mary Chain: Auf den Hass ist Verlass

24. März 2017, 08:00
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Die britische Band veröffentlicht heute nach 19 Jahren Pause ein neues Album. Es heißt "Damage and Joy" und erinnert an alte Rock-'n'-Roll-Tugenden wie Sex, Drogen und schlechte Laune

Wien – Altersmilde, die ist für die Alten und Milden. Zwar macht das Alter vor Jim und William Reid nicht halt, die Milde aber immer noch einen großen Bogen um die beiden Brüder. Schmale Lippen und ihre Fuck-you-Attitüde stehen da wie ein Fels. William und Jim Reid sind Rockstars. Sie sind The Jesus and Mary Chain. 1985 veröffentlichte die Band ihr Debütalbum Psychocandy, einen Meilenstein seiner Epoche.

Darauf ließen sie süße Popmelodien mit brutalem Gitarrenfeedback kollidieren. Trommelfelle platzten, Konzerte endeten oft schon nach wenigen Minuten im Chaos. Darüber legte sich der Trockeneisnebel, das Stroboskoplicht zuckte. Psychocandy und ihre Auftritte machten die maulfaulen Reid-Brüder berühmt und berüchtigt. Eben waren sie noch die Sprösslinge eines arbeitslosen Fabrikarbeiters aus Knockemstiff, Schottland, plötzlich lag ihnen die Welt zu Füßen. Und die Reid-Brüder traten nach ihr.

Apathie und Zorn

Eine Handvoll weiterer Alben sorgte für Weltruhm. Das war erstaunlich, denn noch mehr als die Welt als solche hassten sich die Brüder selbst. So apathisch sie ihre Musik aufführten: Kaum waren sie zusammen in einem Raum, flog das Inventar in die Richtung des anderen. Was sich hasst, das schlägt sich. Waffenstillstand herrschte nur, um gemeinsam alle Drogen zu nehmen, die man um Geld kaufen konnten. Niemand hielt es lange in ihrer Nähe aus, die Liste ehemaliger Bandmitglieder ist beträchtlich.

1998 schmiss William Reid während eines Konzerts den Krempel dann ganz hin und brachte einen Ozean und den amerikanischen Kontinent zwischen sich und seinen Bruder. Er zog nach Los Angeles, Jim blieb auf der Regeninsel.

Dennoch – ab 2007 taten sie sich immer wieder zusammen, um für viel Geld irgendwo die Festivalheadliner zu geben und sich anschließend wieder in ihren Leben zu verkriechen. Aus dieser behutsamen Annäherung ist nun 19 Jahre nach ihrem letzten Album ein neues entstanden. Es heißt Damage and Joy und erscheint am Freitag.

Schadenfreude macht Spaß

Der Titel deutet bereits an, dass sich nichts geändert hat. Damage and Joy ist mit Schadenfreude gut übersetzt und steht in Tradition von anderen Manifesten der schlechten Laune wie The Power of Negative Thinking oder Everything's Alright When You're Down. Dieses negative Phlegma prägt ihre Musik, die maßgeblich von Lou Reed und Phil Spector beeinflusst ist. Beide gingen nicht als Sonnenkinder in die Geschichte ein, das werden die Reids ebenfalls nicht, wenngleich sich auf Damage and Joy ein fast schon krampfloser Umgang mit dem Bruderzwist ausmachen lässt: "I hate my brother and he hates me, that's the way it's supposed to be", singt Jim stellvertretend für beide in Facing Up To The Facts

the jesus and mary chain official

Lieder wie Black and Blues, All Things Pass oder Always Sad tragen die Stimmung schwer auf den schmalen Schultern. Doch dass muss so sein. Damit Rock 'n' Roll als Ablassventil richtig heißläuft, braucht es eine gehörige Portion Frust. Das gelingt The Jesus and Mary Chain 2017 den gesetzten Umständen gemäß nicht mehr so wie vor 30 Jahren. Doch wo die jugendliche Raserei fehlt, legen sie Zynismus nach. Oder Zucker.

Denn seit 1994 wissen sie, dass es mitunter hilfreich sein kann, ihre im Zustand eines immerwährenden Sodbrands verfassten Songs mithilfe geneigter Damen etwas abzumildern. Damals überredeten sie Hope Sandoval zu dem hübschen Duett Sometimes Always, heute stellen sich Isobel Campbell oder Sky Ferreira zur Verfügung, um das säuerliche Testosteron alter Säcke mit etwas Süßstoff abzumildern.

rhino

Der gute Rest des 14 Songs umfassenden Albums widmet sich klassischen Rock-'n'-Roll-Themen. Mit dem Auto rumfahren, Drogen nehmen, Girls aufreißen. Das schlägt sich erkenntnisreich nieder. Etwa so: "Fucked-up girls love drugged-up boys." Dazu schickt William Reid seine Gitarre ins Wah-Wah-Nirwana, der Synthesizer fiepst dazu, der Drum-Computer schiebt an, Hausmarke. Man höre nur Get On Home.

Lustig deppert

Einfache Themen bedürfen einfacher Sprache. Die Reids sind sich da für wenig zu blöd. In Simian Split bekommen Kurt Cobain und seine Witwe Fett ab. Das ist in einem Ausmaß deppert, dass es schon wieder schmunzeln macht. Denn so schmal Jim Reids Lippen sein mögen, ab und an entwischt ihnen ein Lächeln. Der Humor dahinter ist so schwarz wie die Lederjacke, mit der er im Pub steht und sein Pint verinnerlicht.

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Damage and Joy wird niemand zu den großen Würfen der Band zählen oder ihr sehr viel neues Publikum bescheren. Wenn man sich aber einmal eingehört hat, zieht einen dieses Universum doch recht unerbittlich zu sich rein, lässt einen im Gitarrenlärm frohlocken, über depperte Reime grinsen und den Kopf zu immergrünen Melodien bewegen. Sie können halt nicht anders. Can't Stop The Rock heißt es am Ende. Damit kann man leben. (Karl Fluch, 24.3.2017)

  • The Jesus and Mary Chain 2017: Ob nach dieser Aufnahme die Fäuste flogen, ist nicht bekannt. Möglich wär's.
    foto: warner / steve gullick

    The Jesus and Mary Chain 2017: Ob nach dieser Aufnahme die Fäuste flogen, ist nicht bekannt. Möglich wär's.

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