"The Town of Light" angespielt: Die Hölle am schönsten Fleck auf Erden

26. März 2017, 11:00
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Die Neuauflage des Adventures führt in die vergangenen Schrecken der psychiatrischen Anstalt von Volterra

Im lichtdurchfluteten Hof sind sie immer noch zu sehen, die Spuren des Martyriums. Während sich in den Innenräumen der Verputz von den Wänden schält, konnte die Zeit die kryptischen Symbole an der Außenseite des Gemäuers noch nicht zur Gänze verschleiern. Mit der Gürtelschnalle hatte Oreste Fernando Nannetti akribisch seine Visionen in Stein gemeißelt. Wie für 6.000 andere Patienten im Ferri-Pavillon des Ospedale Psichiatrico di Volterra war es auch für Nannetti ein letztes Zeichen der Menschlichkeit.

1978 wurde die psychiatrische Anstalt im Herzen der Toskana geschlossen, nach dem jahrzehntelange Berichte über inhumane Therapien mit Elektroschocks und Isolationsmaßnahmen die Gesetzgeber zum Handeln zwangen. Seither verrotten die Bauwerke, vereinzelte rostende Rollstühle und Betten halten dem Gewicht des Schutts und der alten Schrecken noch stand. Graffiti neugieriger Besucher versuchen die Trostlosigkeit der leeren Flure und Zimmer zu unterstreichen, die keiner Verdeutlichung bedarf.

Reise an einen tragischen Ort

Ohne diesen Hintergrund zu kennen, kann man die Schwere der bedachten ersten Schritte in "The Town of Light" nicht verstehen. Das Spiel des Florenzer Studios LKA führt in der Haut der 16-jährigen Renée zurück in die psychiatrische Anstalt. Mit den Augen des Mädchens erkundet man die detailliert nachgebildeten Ruinen, rekonstruiert ihre fiktiven Erfahrungen als Patientin und so auch die reale Geschichte dieses Ortes.

Nach der Erstveröffentlichung 2014 erscheint das Spiel nun im Laufe des zweiten Quartals in einer überarbeiteten Fassung für PC (kostenloses Update für bestehende Spieler), PS4 und Xbox One. Wir konnten die neue Fassung im Rahmen eines Pressetermins anspielen und mit Kreativdirektor Luca Dalcò über das Projekt sprechen.

Zwischen Schönheit und Schrecken

Als "Psychological Adventure" erzeugt "The Town of Light" ohne zu schockieren oder dick aufzutragen ein bedrückendes Gefühl. Dalcò zufolge habe er sich zunächst aus Interesse an psychologischen Phänomenen mit der Historie der Institution beschäftigt. Bei der mehrjährigen Recherche habe er den Entschluss gefasst, die Schicksale der Internierten in einer fiktiven Erzählung zu bündeln. Als Zeugnisse der tragischen Erfahrungen dienen zudem die anonymisierten Patientenakten und Tagebücher der Patienten, die ins Spiel eingebunden wurden.

Stilistisch habe man sich an den pittoresken Widersprüchen der Anlage orientiert, so Dalcò. Der harsche Kontrast zwischen der kunstvollen Architektur des Sanatoriums und den erschütternden Ereignissen, wird von der herbstlichen Traumkulisse und den langen Schatten der sich senkenden Sonne verstärkt. So mag die Hölle am schönsten Fleck auf Erden aussehen, bis der Verstand die Grenze dazwischen verschwimmen lässt.

Gruseln ohne Geister

Um ein breiteres Publikum für sich gewinnen zu können, haben die Entwickler neben grafischen Verfeinerungen die Sprachausgabe überarbeitet, ausgeklügeltere Rätsel in die erweiterte Erzählung eingebunden und die Umgebung interaktiver gestaltet. Bei Renées Suche nach einer Puppe gilt es beispielsweise den Fahrstuhl in Gang zu bringen und stolpert währenddessen in die schaurigen Überreste eines Behandlungsraumes. Der Weg durch einen Flur mündet wiederum in einer Halluzination. Man solle die permanente Gratwanderung zwischen Realität und Einbildung nachempfinden können.

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Trailer zur Neuauflage von "The Town of Light"

Schwer verdaulich

Gerade ob des Wunsches der Entwickler, die Geschichte mit den Künsten der Videospieltrickkiste nicht zu einem trendigen Gruselspiel zu überzeichnen, dürfte auch die überarbeitete, kommerziell gefälligere Version ein für die meisten Spieler schwer verdauliches Werk bleiben.

Renées Schritte sind vorsichtig, schwerfällig, die Erzählungen Bruchstückhaft. Es braucht Geduld, um in diesem Ort des Lichts und noch mehr Schatten versinken können. Eine beklemmende Trägheit, die beim Original von Kritikern und Publikum mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurde. Das Remake scheint dem Ersteindruck nach viele Mängel erfolgreich in Angriff zu nehmen, für ein Urteil ist es dennoch zu früh.

Den Entwicklern ist es jedenfalls zu verdanken, dass dieses mahnende Bruchstück der Geschichte mit viel Mitgefühl digital erhalten bleibt. Mit dem realen Ospedale Psichiatrico di Volterra sieht es anders aus: Laut Dalcò plant ein Investor eine Spa-Landschaft daraus zu machen. Gute Erholung! (Zsolt Wilhelm, 26.3.2017)

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