Vergessen ist wichtig für das Erinnern

23. März 2017, 12:50
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Um relevante Informationen speichern zu können, muss das menschliche Gedächtnis Irrelevantes wegfiltern. – Älteren Frauen gelingt das weniger gut, zeigt eine Studie

Salzburg – Diese Situation kennt vermutlich jeder: Eine Unterhaltung zwischen zwei Menschen, das Gespräch wird unterbrochen – etwa weil jemand anruft. Danach hat der Gesprächspartner, zumindest vorübergehend, den Faden verloren. Der Gesprächsinhalt ist wie weggeblasen. Verdrängt von einer anderen Information. Der Grund: Das Arbeitsgedächtnis, also der Teil des menschlichen Erinnerungsvermögens, der Informationen zwischenspeichert, um sie dann zu bearbeiten, hat eine geringe Kapazität. Um Platz für situationsbedingt relevante Informationen zu schaffen, werden Inputs, die nicht brauchbar erscheinen, gehemmt. In der Fachsprache nennt sich das "Gerichtetes Vergessen".

Dieser Prozess passiert einerseits quasi automatisch, lässt sich anderseits aber auch gezielt steuern. Der Hinweis "Vergiss das" führt häufig tatsächlich zu einer signifikant geringeren Gedächtnisleistung von zuvor gelernten Informationen. Allerdings nur bei jungen Menschen, wie der Biologe und Neurowissenschafter Hubert Kerschbaum vom Center for Cognitive Neuroscience der Universität Salzburg in einer aktuellen Studie zeigen konnte.

"Wir haben insgesamt 253 Personen getestet. Sie mussten zwei Wortlisten lernen. Dann wurden sie aufgefordert, sich die Wörter der ersten Liste zu merken oder zu vergessen und sich die Wörter der zweiten Liste zu merken. Fazit: Die rund 200 jungen Frauen und Männer, vergaßen tatsächlich ungefähr doppelt so viele Wörter von der Vergessens-Liste wie von der Merkliste."

Paradoxie im Alter

Weitgehend konträr war das Ergebnis bei den älteren Probandinnen (altere Männer wurden in der Studie nicht untersucht): Bei den 56 getesteten postmenopausalen Frauen hatte die Aufforderung zum Vergessen keinerlei Wirkung. Sie merkten sich die Wörter aus der Vergessens-Liste gleich gut wie die Wörter aus der Merkliste. "Offensichtlich funktioniert im Alter die Filterfunktion des verbalen Arbeitsgedächtnisses nicht mehr gut. Gedächtnisinhalte, die nicht gebraucht werden, werden nicht blockiert", resümiert Kerschbaum.

"Das hat negative Folgen für den Zugriff auf die Gedächtnisinhalte. Die 'alten' und 'neuen' Gedächtnisspuren überlagern sich. Die Gedächtnisinhalte sind nicht gelöscht, aber wir können nicht mehr gezielt auf einen bestimmten Inhalt zugreifen. Ein Stichwort genügt meistens, und wir können das Gespräch fortsetzen", ergänzt der Forscher.

So ergibt sich die scheinbar paradoxe Situation, dass sich ältere Menschen Dinge schlechter merken und im Vergleich zu früher größere Probleme haben, neue Dinge wie eine Fremdsprache zu lernen. Gleichzeitig haben sie Schwierigkeiten, Informationen zu vergessen, die situationsbezogen nicht länger relevant sind. Diese beiden scheinbar widersprüchlichen Prozesse hängen de facto aber eng zusammen, so Kerschbaum.

Die Wirkung von Progesteron

Kerschbaum fragte auch danach, ob das "Gerichtete Vergessen" von Geschlechtshormonen beeinflusst wird. "Es scheint so zu sein", meint der Studienautor. Zumindest legt das unterschiedliche Abschneiden der Probandengruppen diese Schlussfolgerung nahe. Junge Männer vergessen, wenn aufgefordert, Unwichtiges am besten. An zweiter Stelle stehen junge Frauen, die die Pille nehmen, knapp danach kommen die Frauen mit einem natürlichen Zyklus. Postmenopausale Frauen hingegen können am schlechtesten filtern.

Auf der Suche nach einem Hormon, bei dem sich ein Zusammenhang mit der Filterfunktion des Gehirns herstellen ließe, hat sich in der Studie Progesteron herauskristallisiert. Für Kerschbaum ist das Ergebnis nicht überraschend: "Aus vorangegangen Studien wissen wir, dass eine Funktion von Progesteron darin besteht, im Gehirn hemmende Netzwerke zu verstärken. Denkprozesse sind gekennzeichnet durch erregende und hemmende elektrische Schwingungen in bestimmten Frequenzbereichen. Ohne hemmende Schwingungen käme es zu einer nicht verarbeitbaren Informationsflut. Beeinflusst von Progesteron sorgen hemmende Schwingungen ("Alpha-Oszillationen") für selektive Wahrnehmung, indem sie bestimmte Nervenzellen vorübergehend blockieren. Genau in diese Richtung weist auch unsere Vergessens-Studie".

Kerschbaum will nun in weiteren Studien mit bildgebenden Verfahren – wie der funktionellen Magnetresonanztomographie oder der Magnetenzephalographie – die Zusammenhänge zwischen dem Hormon Progesteron, bestimmten Gehirnoszillationen und dem "Gerichteten Vergessen" noch genauer untersuchen. Dabei sollen auch ältere Männer berücksichtigt werden. (red, 23.3.2017)

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